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Meine Stadt Hannovers Unterwelten: Der Atomschutzbunker in Oberricklingen
Hannover Meine Stadt Hannovers Unterwelten: Der Atomschutzbunker in Oberricklingen
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17:29 08.07.2019
Riesige Schleusentüren: Im schlimmsten Fall hätten hinter der Tür wartende Personen zerquetscht werden können, daher auch der Vermerk „Lebensgefahr“. Quelle: Wilde
Hannover

“Lebensgefahr!“ steht in großen roten Buchstaben an der schmuddelig-weißen Wand vor der massiven grauen Stahltür, der Druckschleuse, die ins Innere des Hochbunkers an der Torstenssonstraße führt. Es ist kühl und klamm, seit Kriegsende hat hier gefühlt keiner mehr die Heizung aufgedreht. An den Schuhsohlen klebt nasses Laub und vermischt sich mit Staub und Spinnenweben der letzten Jahrzehnte.

Die Angst vor den Bomben ist spürbar

Dicht an dicht stehen hunderte Bänke im Dämmerlicht, die Betten stapeln sich über drei Etagen in die Höhe. Erdrückende Enge und Trostlosigkeit machen sich breit im Gedanken an eine Zeit, düster wie im Innern dieses Bunkers. Die Angst vor den Bomben der Alliierten ist hier noch spürbar. Wer in diesem Bunker Schutz vor Luftangriffen suchen musste, bekam Dosenfutter, umherlaufen war strengstens verboten. Wer es vor dem Angriff hinein geschafft hatte, konnte höchstens noch schnell ein Kartenspiel einstecken. Das würde die Situation zumindest ein wenig auflockern.

So hätte es im Ernstfall in den Bunkern Hannovers ausgesehen – auch in dem riesigen grauen Betonklotz in Oberricklingen. Mitten in der Innenstadt ragt dieser Brocken etwa 15 Meter in die Höhe, hat rund zweieinhalb Meter dicke Wände und eine Gesamtfläche von 1300 Quadratmetern.

Niedersachsens einzige original erhaltene Zivilschutzanlage

Inzwischen ist es ein Museum – mit originaler Ausstattung aus den 60er Jahren. Die Innenausstattung vieler unterirdischer Bunker ist noch heute in der oberirdischen Anlage zu sehen. Das Besondere: Es ist die einzige in Niedersachsen vollständig ausgestattete und original erhaltene Zivilschutzanlage aus dem Instandsetzungsprogramm (siehe Info).

Um vor den chemischen Waffen zu schützen, wurde der einstige Luftschutzbunker in den 60er Jahren mit riesigen Drucktüren, Schleusen, speziellen Belüftungs- und Filteranlagen ausgestattet. Noch 2003 überprüfte der TÜV alle technischen Geräte.

Zivilschutz früher: Der Atomschutzbunker in Oberricklingen

Ohne Privatsphäre, eng zusammengepfercht hätten im Ernstfall rund 2400 Personen für 14 Tage Schutz gefunden. Der Vorrat an Lebensmitteln – hauptsächlich Rote Bete, Pusztasalat und Thunfischstücke in über Vier-Liter-Dosen – und Hygieneartikeln hätte sogar für 30 Tage gereicht. „Es sollte damit einer möglichen Überbelegung entgegen gewirkt werden. Außerdem wäre der Schutzraum wahrscheinlich der einzig intakte Versorgungsraum in der Umgebung gewesen“, erklärt Lars Knauer (50), von „Vorbei e.V.“. Der Verein hat die Nutzungsrechte 2013 von der Stadt Hannover als Eigentümer bekommen hat und pflegt den Bunker seitdem.

Zugang durch spezielle Schleusen

Noch heute versperren mehrere riesige schwere Drucktüren den Eingang, im schlimmsten Fall könnten sie dahinter wartende Personen zerquetschen, so viel Gewicht haben sie. Jeder Schutzsuchende hätte durch eine der sechs Zugangsschleusen gehen müssen, die aus jeweils drei Schleusentüren bestand – ein aufwendiges Prozedere: Hinter der ersten Tür wurde auf einer Matte gezählt, wieviele Menschen bereits in dem Bunker sind, nach der zweiten Tür musste sich unter die Dekontaminationsdusche gestellt werden. Dort hätten die Schutzsuchenden einen Jogginganzug, den sie sofort hätten anziehen müssen, sowie einen Notfallrucksack mit den nötigsten Gegenständen, wie Seife, Löffel, Teller und Trinkbecher bekommen. Dann kam die dritte Tür und erst dann waren die Schutzsuchenden im eigentlichen Bunker. Innen angekommen ist es kühl und ungemütlich. Zumindest wärmer wäre es im Ernstfall gewesen. „Der Bunker hätte auf etwa 20 Grad erwärmt werden können“, erklärt Knauer. Doch bei einer Belegung von 2400 Personen wäre gar nicht die Kälte das Problem gewesen. „Die Wärme hätte sich gestaut. In diesem Fall wäre die Luft mit Hilfe von Maschinen heruntergekühlt worden.“

Werkzeug und Medikamente aus den 60er Jahren

Drei provisorische Rettungsräume mit Medikamenten, einfachen Behandlungsliegen und original-Quecksilberthermometern hätten für die Versorgung kranker oder verwundeter Menschen zur Verfügung gestanden. In riesigen Lagerräumen direkt nebenan wurde Niveacreme, Babypulver, Töpfchen in rosa und blau, Kernseife, Haushaltskerzen, Teller und Besteck sowie dutzende Kartons mit Windeln, Damenbinden, Wolldecken und Toilettenpapier gelagert – alles aus den 60er Jahren. Dort stehen auch Schaufeln, Spaten, Spitzhacke, Säge und Fäustel. „Damit hätte Trümmerschutt weggeräumt und Reparaturen durchgeführt werden können“, erklärt Knauer. „Es wurde eine Menge Aufwand betrieben, um den Landsmännern Schutz zu geben.“

Umherlaufen war strengstens verboten

Geht man die Treppen hinauf, erkennt man sofort die Sitz- und Liegeräume, wenige Meter weiter die Toiletten, die Küche und den Raum des Bunkerwarts. Kaum vorstellbar, dass die Schutzsuchenden rund 16 Stunden in den Sitzräumen ganz dicht nebeneinander verbracht hätten, ganz egal, ob ihnen der Sitznachbar fremd war. Drei Leute saßen jeweils auf einer Bank. „Bei etwas kräftigeren Leuten hätten sich die Knie mit denen der Person gegenüber berührt“, macht Knauer deutlich. Sich die Beine zu vertreten war verboten. „Das hätte ein heilloses durcheinander gegeben. Nur abgestimmt in kleinen Gruppen hätte man durch den Gang gehen dürfen.“

Dann der Schichtwechsel: Für acht Stunden durfte ein Teil der Sitzenden in einen der Liegeräume, wo die Betten jeweils dicht nebeneinander und drei Etagen übereinander standen. Nach weiteren acht Stunden kam die dritte Schicht an die Reihe – und immer so weiter. „Kaum vorstellbar, wie minimalistisch man dort gelebt hätte“, sagt Knauer. Zumindest Musik hätte aus einzelnen Lautsprechern getönt, gesteuert vom Bunkerwart. In seinem Zimmer liegt noch heute ein Zettel mit Fußballergebnissen und eine Bild-Zeitung aus dem Jahr 1965. „Es ist hier wie in einer Zeitkapsel“, sagt Knauer. Es verdeutlicht aber auch, dass der Wart nach der Übergabe der Bunker wirklich dort gearbeitet hat. „Er war mit anderen anderen Bunkerwarten für alle Reparaturen und technischen Funktionen der Anlagen im Stadtgebiet verantwortlich“, so Knauer.

Verein hat lediglich die Nutzungsrechte

Für ihn und seine Vereinskollegen ist der Bunker mehr als nur eine ehrenamtliche Tätigkeit – um so wichtiger ist ihnen der Erhalt des Bunkers. „Es ist die einzige Anlage in Niedersachsen, wo man sich noch anschauen kann, wie es damals im Ernstfall gewesen wäre.“ Da die Stadt Hannover der Eigentümer ist und der Verein lediglich die Nutzungsrechte hat, weiß Knauer nicht, ob der Bunker eines Tages abgerissen wird, um ein Wohngebiet zu errichten. „Wir hoffen natürlich, dass das nicht passiert, da diese Anlage auf großes Interesse stößt. Wir sind guter Dinge.“

Schutzprogramme

Entstanden ist der einstige Luftschutzbunker in der Torstenssonstraße in den Jahren 1942 und 1943 zum Schutz der Bevölkerung vor den alliierten Luftangriffen. Etwa 20 Jahre später wurde er als Teil eines vorläufigen Luftschutzsprogramms, dass wegen unvollständiger Richtlinien auch als „Vorabprogramm“ bezeichnet wurde, für den Schutz vor ABC-Waffen des Kalten Krieges hergerichtet.

Die Kosten für den Umbau der Anlage in der Torstenssonstraße lagen bei 2,7 Millionen D-Mark, 1968 wurde der Bunker fertig gestellt. Er ist eine der ersten von bundesweit 34 ursprünglich geplanten Zivilschutzanlagen des Vorabprogramms. Insgesamt wurden in Niedersachsen drei Anlagen – Ricklingen, Herrenhausen und Cuxhaven – im Rahmen dieses ersten Programms hergerichtet, bis es Mitte der 60er Jahre wegen zu hoher Kosten eingestellt wurde. Nachdem die baufachlichen Richtlinien fertig gestellt wurden, erfolgte das Instandsetzungsprogramm ohne den Zusatz „Vorabprogramm“. In diesem Zuge wurde auch die Vorratsmenge von Lebensmitteln von 30 Tagen auf 14 Tage gesenkt.

Bis 1974 wurden bundesweit 49 Objekte für einen 14-tägigen Aufenthalt hergerichtet. Drei Jahre später beschloss das Bundeskabinett als Teil des so genannten Nutzbarmachungsprogramms erneut eine finanzielle Unterstützung von Umbauten. In Hannover wurden vier Anlagen (Bömelburgstraße, Hagenbleckstraße, Lönsstraße und Ricklinger Straße) als Teil dieses Programms hergerichtet.

Aufgrund der politischen Entspannung nach dem Kalten Krieg wurde das Schutzbauprogramm in den 90er Jahren zurückgefahren. 2007 wurde das Zivilschutzkonzept komplett aufgegeben.

Bunker in Hannover

In der Landeshauptstadt gab es nach Angaben des Vereins „Vorbei e.V.“ 35 Zivilschutzanlagen. Davon waren vier Anlagen für eine Aufenthaltsdauer von 14 Tagen, vier Anlagen für zehn Stunden und 27 Anlagen auf drei Stunden ausgelegt. Insgesamt hätten darin vor rund 30 Jahren 7,54 Prozent der hannoverschen Bevölkerung (damals 513 010 Menschen) Schutzraum gefunden.

Die Anlagen mit einer vorgesehenen Aufenthaltsdauer von 14 Tagen und zehn Stunden sind größtenteils nicht mehr vorhanden. So wurde der Hochbunker in Herrenhausen abgerissen und ein Gebäude mit Einzelhandel und Wohnungen gebaut. Auch den Tiefbunker Klagesmarkt gibt es nicht mehr. Dort stehen inzwischen Neubauten. Die Anlagen in der Tiefgarage vom Opernhaus und unter dem Hauptbahnhof des Ernst-August-Platzes wurden geräumt. Der Bunker in der Ricklinger Straße wurde umgebaut und wird inzwischen als Wohnhaus genutzt. Anders ist es bei den Zivilschutzanlagen mit einer Aufenthaltsdauer von drei Stunden: Sie sind nach Angaben von Knauer größtenteils noch in ihrer ursprünglichen Art vorhanden. Teilweise werden sie als Lager oder Proberäume für Musiker verwendet.

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