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Meine Stadt Hannoveraner streiten um Obdachlosen
Hannover Meine Stadt Hannoveraner streiten um Obdachlosen
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00:19 21.02.2019
Hilfe für den obdachlosen Nachbarn : Die Oststädter und Erika Heine versorgen einen Mann, der an der Eilenriede lagert. Quelle: Foto: Becker-Rose
Hannover

Die Oststädter sind sauer – wegen eines obdachlosen Mannes, der seit einiger Zeit am Königinnen-Denkmal an der Eilenriede lagert. Die Stadt möchte ihn von dem Platz wegbekommen, denn die Lagerstätten des Obdachlosen würden Müllinseln gleichen. Die Nachbarn sehen das anders – und möchten, dass der Mann bleiben darf.

„Einen schier unglaublichen Skandal mussten wir in den letzten Tagen erleben“, sagt Ferdinand Becker-Rose (67), als die NP ihn und den obdachlosen Mann trifft. Der Mann möchte seinen Namen nicht veröffentlichen und nicht zitiert werden. Seit Wochen helfen ihm Anwohner. Sie hatten mit ihm ein Lager errichtet, versorgen ihn mit Kleidung, Essen und Trinken.

Ferdinand Becker-Rose und Arno Rose aus der Oststadt unterstützen den Eilenriede-Obdachlosen. Quelle: Foto: Kelz

Was nun passiert sein soll: Am Donnerstag seien alle Habseligkeiten des Mannes weg gewesen: „Er lag dünn bekleidet, ohne Schuhe und Strümpfe auf der blanken Wiese“, schildert Becker-Rose. Augenzeugen hätten beobachtet, dass das Ordnungsamt seine Sachen entwendet und den Mann zurückgelassen hatte.

Die Anwohner hätten daraufhin ein neues Lager für den Mann errichtet – diesmal in der Yorckstraße. Am Samstag sei auch dieses Lager geräumt worden. „Wir haben ihn dann halbnackt hinter einer Hecke gefunden“, so Becker-Rose. „Ich finde, es ist ein Skandal, dass das Ordnungsamt in dieser Jahreszeit Obdachlosen sogar dringend benötigtes Material zum Kälte- und Wetterschutz entwendet und die hilflosen Menschen rücksichtslos zurücklässt“, so Becker-Rose.

Stadt weist Vorwürfe zurück

Die Stadt weist diese Vorwürfe zurück. Zwar bestätigt sie die wiederholte Räumung des Lagers, doch es stimme nicht, dass dem Obdachlosen Besitztümer entwendet worden sein sollen. Man habe ihn darauf hingewiesen, sein Hab und Gut einzusammeln und mitzunehmen. „Wenn allerdings trotz dieser Aufforderungen später nur noch ein vermüllter Platz vorgefunden wird, müssen diese Hinterlassenschaften beseitigt werden“, erklärt Stadtsprecher Udo Möller.

Die Landeshauptstadt kündigt an, weiterhin ordnungsrechtlich gebotene Zustände durchzusetzen. Insbesondere gelte das für das Verbot des Lagerns an öffentlichen Orten. Die Anwohner kündigten an, das Ordnungsamt Hannover wegen Diebstahls, unterlassener Hilfeleistung und Vergehens gegen die Menschlichkeit anzuzeigen.

Jetzt liegt der Mann wieder am Königinnen-Denkmal. Seine Nachbarn werden sich dafür einsetzen, dass er bleiben kann. „Wir sind eine Familie und unterstützen uns“, sagt Erika Heine, selbst wohnungslos, über ihren obdachlosen Freund.

Sozialausschuss: Notunterkünfte besser ausstatten

Am Montag beschäftigte sich der Sozialausschuss der Stadt mit dem Thema Obdachlosigkeit. Erika Heine, selbst wohnungslos, konfrontierte die Verwaltung in der Einwohnerfragestunde mit der Realität: „Wir erfrieren nicht tagsüber, sondern zwischen 20 Uhr abends und 8 Uhr morgens.“

Dann gebe es Angebote wie den Kältebus nicht. Die Wohnungslosen könnten nur hoffen, die Nacht zu überleben. Sozialdezernentin Konstanze Beckedorf will mit den Wohnungslosen in einen Dialog treten. Zudem wies sie darauf hin, dass es bereits genügend Übernachtungsmöglichkeiten gebe, niemand auf der Straße schlafen müsse: „Wir bieten Unterkünfte an. Dann entscheidet aber jeder für sich selbst, ob er das Angebot annimmt.“

Die Erfahrung zeigt aber: Viele Wohnungslose meiden Notunterkünfte. Verlieren Betroffene dann auch noch – wie aktuell an der Eilenriede – ihre Habseligkeiten, werden sie indirekt doch in die Unterkünfte gezwungen. Erika Heine dazu: „Aufgezwungene Hilfe ist nie hilfreich.“

Im Sozialausschuss war man sich überwiegend einig: Es braucht nicht mehr Unterkünfte. Stattdessen erklärt Robert Nicholls (SPD), dass man zukünftig Notunterkünfte so gestaltet wolle, „dass sie menschenwürdig sind.“

Wohnungslose berichten häufig von Belästigungen, Diebstählen, Gewalt in den Einrichtungen. Hans-Georg Hellmann (CDU): „Wir müssen die Notunterkünfte so ausstatten, dass sie auch genutzt werden.“

Von Josina Kelz und Janik Marx