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Meine Stadt Hannover gedenkt der Drogentoten
Hannover Meine Stadt Hannover gedenkt der Drogentoten
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15:49 22.07.2018
In gedenken: Besucher haben Steine für Verstorbene Angehörige oder Freunde bemalt. Quelle: Wallmüller
hannover

Viele Jahre war Harry S. drogenabhängig: Koks und Heroin bestimmten seinen Alltag. Inzwischen ist er clean – er hat die Drogensucht überlebt. Andere haben das nicht geschafft: Bereits sechs Menschen sind in diesem Jahr in der Stadt Hannover am Drogenkonsum gestorben. Allein in Niedersachsen gab es im vergangenen Jahr 66 Drogentote, bundesweit waren es 1272. Um ihnen und allen anderen Drogentoten zu gedenken, fand am Sonnabend der 20. Internationale Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende statt. Der „Arbeitskreis Sucht, Drogen und AIDS“ hat zu der Gedenkveranstaltung auf dem Hanns-Lilje-Platz geladen.

Fotos: Wallmüller

„Wir wollen das Thema Drogentod und Sucht in die Öffentlichkeit tragen und die Leute damit konfrontieren“, sagt Frank Woike, Beauftragter für Sucht und Suchtprävention. Bürgermeister Thomas Hermann betonte in seiner Ansprache die verschiedenen positiven Maßnahmen der Stadt, die in den vergangenen Jahren umgesetzt wurden: „Der Drogenkonsumraum Stellwerk meldet täglich bis zu 150 Besucher pro Tage. 36 mal ist es bislang zu einem Notfall gekommen.“ Bald soll es zwei Spritzenautomaten in der Stadt geben, an denen zum Selbstkostenpreis saubere Spritzen gekauft werden können. Jährlich gibt die Stadt Hannover rund eine Millionen Euro für die Betreuung, Beratung und Versorgung suchtkranker Menschen aus. Ein Problem besteht aber weiterhin: „Trotz aller Bemühungen sind Übernachtungsmöglichkeiten für Drogenabhängige und günstiger Wohnraum knapp.“ Besonders mit Blick auf den Winter sei das besorgniserregend.

Besucher hatten am Sonnabend auch die Möglichkeit einen Bauklotz zu bemalen und aufzustellen. Jeder der Steine steht für ein persönliches Schicksal. Auch Natalie Schäfer hat mitgemacht: Die 28-Jährige studiert soziale Arbeit und arbeitet im Stellwerk. „Zwei unserer Klienten sind kürzlich verstorben. Das macht mich sehr traurig.“

Harry S. hat den Entzug geschafft. Er stand mitten im Leben und war berufstätig, als er mit 30 Jahren angefangen hat Drogen zu nehmen. „Mit etwa 33 Jahren ging es dann bergab. Ich habe meinen Job verloren, dann meine Wohnung“, sagt der 62-Jährige. Rund 18 Jahre hat er auf der Straße gelebt. „Nach dem ich dann mit einer kaputten Bauchspeichedrüse ins Krankenhaus kam, habe ich eine Entgiftung gemacht.“ Ob er stolz darauf ist, dass er heute clean ist? „Nein, ich bin höchstens stolz darauf, dass ich wieder arbeiten gehe und in das Sozialsystem einzahle.“

Von Cecelia Spohn