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Meine Stadt Hannover: Stadt bekämpft Wunderlauch in der Eilenriede
Hannover Meine Stadt Hannover: Stadt bekämpft Wunderlauch in der Eilenriede
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17:12 28.03.2019
BESORGT: Forstwissenschaftler Johannes Drechsel mit einem herausgezupften Exemplar des Wunderlauchs.
BESORGT: Forstwissenschaftler Johannes Drechsel mit einem herausgezupften Exemplar des Wunderlauchs. Quelle: Frankenberg
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Hannover

Sie sieht ein bisschen aus wie eine Frühlingszwiebel. Ihr Geruch gleicht dem von Bärlauch zum Verwechseln. Und in der Tat ist das Wunderlauch vielleicht nicht der größte kulinarische Genuss, aber durchaus essbar. Nur: Das aus dem Kaukasus eingeschleppte Gewächs verdrängt heimische Arten wie etwa das Buschwindröschen, dessen frühe Blüten von den ausladenden, breiten Blättern des Lauchgewächses quasi erdrückt werden. Auch in der Eilenriede.

Im südlichen Teil des Stadtwalds und im Ricklinger Holz gibt es immer mal wieder kleine Inselvorkommen der auch Berliner Lauch oder eben Kaukasus-Lauch genannten Pflanze. Sie sei nach dem Zweiten Weltkrieg von den Besatzungsmächten aus dem Osten zunächst in den Raum Berlin eingeschleppt worden, so der städtische Forstwissenschaftler Johannes Drechsel. Daher der Name. Die Eindämmung dieser kleinen Initialvorkommen habe die Forstverwaltung weitgehend im Griff. In der vorderen Eilenriede aber hätten sich ganze Teppiche dieses Neophyten gebildet. „Da kämpfen wir gegen Windmühlen“, so Drechsel.

Testlauf im Stadtwald

Dennoch, einen Versuch ist es offenbar wert. Am Donnerstag hat die Forstverwaltung in der vorderen Eilenriede direkt an einem der Hauptwege einen etwa 50 Quadratmeter großen Bereich abgesteckt. Sechs Mitarbeiter der städtischen Beschäftigungsförderung knien auf dem Boden und pflücken per Hand mühsam einzelne Pflanzen heraus, möglichst mit Wurzel. Diese aufwendig und zeitintensiv gewonnene Ernte landet dann in großen 80-Liter-Müllsäcken. Zehn davon werden es vermutlich am Ende des etwa zweistündigen Arbeitseinsatzes sein. „Die kommen dann auf die Mülldeponie“, sagt Drechsel.

Neophyten werden nicht heimische Pflanzenarten genannt, die nach 1492 in Europa eingewandert sind, also nach der Entdeckung Amerikas durch Christoph Kolumbus. Womit eigentlich auch die Kartoffel dazu gerechnet werden muss, die sich aber als weitaus nützlicher erwiesen hat, und deren Ausbreitung durch Kultivierung kontrolliert verläuft. Nicht so bei Pflanzen wie dem Wunderlauch (Allium paradoxum). „Diese Pflanze hat eine ganz perfide Strategie, sich zu verbreiten“, erklärt Drechsel.

Auf Bienen nicht angewiesen

In der zwiebelartigen Wurzel werden Nährstoffe gespeichert. Im oberen Teil der Pflanze aber bilden sich so genante Tochterzwiebeln. „Wenn die reif sind, ploppen die ab“, so der Experte, „und bilden eine neue Pflanze.“ Vegetative Fortpflanzung nennen das die Botaniker. Die ist auf Bienen nicht angewiesen. Zusätzlich bildet das Lauch aber auch Blüten, eine Art zweites Standbein der Vermehrung, das die rasante Ausbreitung erklären dürfte.

VERDRÄNGER: Die breiten, grashalmartigen Blätter des Wunderlauchs, legen sich über die zarten Blüten der Buschwindröschen. Quelle: Moritz Frankenberg

Unter den herausgerupften Lauchpflanzen gucken nun zaghaft lauter blühende Buschwindröschen hervor. Könnten sie fühlen, wären sie vermutlich erleichtert, endlich Luft und Sonne tanken zu können. Auch andere heimische Pflanzen wie der Lerchensporn sind durch das Wunderlauch bedroht. Dieser Versuch, einen ganzen Teppich händisch abzuernten, soll zeigen, ob dies eine geeignete Methode auch in diesem Teil der Eilenriede sein kann. Denn bei der Alternative, dem Abmähen, wären eben auch andere Pflanzen betroffen, und es müsste vor allem vor dem Ausbreiten der Zwiebeln geschehen. „Im nächsten Jahr werden wir dann sehen, ob hier noch Lauch nachwächst“, sagt Drechsel.

Von Andreas Krasselt