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Meine Stadt Hannover: Wer den Krebs überlebt, ist noch lange nicht gesund
Hannover Meine Stadt Hannover: Wer den Krebs überlebt, ist noch lange nicht gesund
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15:05 06.06.2019
WOLLEN AUFKLÄREN: Sänger Klaus Meine (Mitte) mit den Krebsüberlebenden Sascha Urban, Karin Köchel und Angelika Appelhans (von links). Quelle: Frank Wilde
Hannover

Die Diagnose ließ ihre Welt zusammenbrechen. Im Januar 2016 erfuhr Karin Köchel, dass sie Brustkrebs hat. Sie war jedes Jahr zur Vorsorge gegangen, wirklich damit gerechnet, dass es auch ihr passieren könnte, hat sie nicht. Es folgte ein halbes Jahr Chemotherapie. „Das war kein Spaziergang“, sagt sie, „aber es klappte.“

Heute ist die 77-Jährige guter Dinge. „Ich lebe. Ich lebe gerne, und ich möchte noch lange leben“, betont sie. „Die Krebszellen sind im Schlafmodus, und ich hoffe, dass sie noch lange schlafen. Ich behandle sie gut.“

Immer bessere Behandlungsmöglichkeiten

Die Behandlungsmethoden gegen Krebs werden immer besser, die Lebenserwartung der Patienten ist erheblich gestiegen, weiß Dr. Peter Meier, Vorsitzender der Niedersächsischen Krebsgesellschaft. Knapp 250 000 Menschen in Niedersachsen haben in den vergangenen zehn Jahren eine Krebsdiagnose überlebt. Folgen der Erkrankung aber können bleiben, auch dauerhaft.

Auch nach erfolgreicher Krebstherapie brauchen viele Patienten Unterstützung. Dafür will die Krebsgesellschaft sensibilisieren. „Die ganze Phase der Nachbehandlung wird nicht wahrgenommen“, so Meier am Donnerstag anlässlich des 5. German Cancer Survivors Day – dem Tag der Überlebenden. „Wir wollen motivieren, sich helfen zu lassen. Sich nicht zu verkriechen oder den starken Mann zu markieren.“

Achtsamkeit gelernt

Karin Köchel nutzt alle Hilfsangebote, die sie bekommen kann, vom Yoga-Kurs bis zum Wochenendseminar. Selbstbewusst wählt sie aus, was ihr hilft. „Ich lebe heute viel bewusster“, sagt sie. „Jeder Tag ist ein neuer Tag.“ Sie hat an Folgen der Therapie zu leiden. Nerven und Muskeln sind angegriffen. „Ich kann die Gardinen nicht mehr alleine zuziehen, aber was soll’s“, erklärt sie gelassen. Sie hat ihre Ernährung umgestellt, verzichtet auf ihr geliebtes Mett. „Kein rotes Fleisch, kein rohes Fleisch.“ Vor allem aber habe sie Achtsamkeit gelernt, Abstand halten zu Dingen, die ihr nicht gut tun.

Mit Folgen anderer Art hat Sascha Urban zu kämpfen. Ende November 2016 erfuhr er die Diagnose: Hodenkrebs – mit 36. „Wir haben gleich am nächsten Tag mit der Chemo begonnen“, berichtet er. „Der Krebs hat mich komplett aus dem Leben gerissen.“

Krebs zwingt zur Betriebsaufgabe

Urban hatte sich zwölf Jahre zuvor mit einer Tischlerei selbstständig gemacht. Ein Kleinbetrieb ohne Mitarbeiter. Anfangs habe er noch gehofft, die Firma am Laufen halten zu können. Als die erste Therapie aber nicht ausreichte, sei ihm klar geworden, dass das nicht zu schaffen sei.

Er stellte den Betrieb ein. Miete, Versicherungen, Beiträge zur Handwerkskammer – das musste alles weiter bezahlt werden. Urban hatte zum Glück frühzeitig eine Berufsunfähigkeitsversicherung abgeschlossen. Zusätzlich beantragte er Erwerbsminderungsrente. „Doch die zahlen erst nach einem halben Jahr. Ich war mittellos, hatte alles verloren, wofür ich die ganzen Jahre gearbeitet hatte.“ Er komme zurecht, aber große Sprünge seien so natürlich nicht möglich.

Arm durch Krankheit

Wie Sascha Urban geht es vielen Krebspatienten, manchen schlimmer. Die Krankenkassen zahlen Krankengeld nur eineinhalb Jahre. Davon müssen aber auch die Zuzahlungen zu Medikamenten und Therapien geleistet werden. Viele müssen von ihren Ersparnissen leben. Eine Krebserkrankung steigert laut Krebsgesellschaft signifikant das Armutsrisiko. Viele Betroffene leiden zudem an Nebenwirkungen und können auch später nicht mehr arbeiten. Nur zwei Drittel schaffen den Weg zurück ins Berufsleben, wo sie einem erhöhten Risiko für Arbeitslosigkeit oder Frühverrentung ausgesetzt sind.

Für Sascha Urban kommt noch ein weiteres Problem hinzu: „Ich habe einen großen Kinderwunsch“, sagt er. Der Weg einer natürlichen Zeugung ist ihm durch den Krebs genommen. Vorsorglich hat er Sperma in einer Samenbank deponiert. „Das wird nicht von der Kasse bezahlt und kostet mich jedes Jahr 400 Euro.“

Fokus liegt auf Neuanfang

Nach neun Monaten hoch dosierter Chemotherapie schien der Krebs zunächst besiegt, die Markerwerte waren im Normbereich. „Doch nach einem dreiviertel Jahr ging es von vorne los. Der Tumor hatte sich regeneriert.“ Anfang des Jahres wurde Sascha Urban operiert. Der Tumor saß an der großen Bauchaorta, hatte aber offensichtlich noch keine Metastasen gebildet. Heute sind Urbans Werte erneut im Normbereich. „Mit Nebenwirkungen der Chemo habe ich aber noch jeden Tag zu kämpfen“, sagt er. Demnächst steht eine weitere Reha an. Mit einer neuen Freundin samt Kind und Hund blickt er wieder zuversichtlich nach vorne. „Der Fokus liegt jetzt auf einem Neuanfang.“

Scorpions-Sänger wirbt für Vorsorge

Sascha Urban war nie bei einer Vorsorgeuntersuchung. Vielleicht war auch deshalb sein Krebs schon relativ weit fortgeschritten. Für Karin Köchel war die Vorsorge Routine. Wie wichtig und gegebenenfalls lebensrettend Vorsorge ist, darauf hat Scorpions-Sänger Klaus Meine anlässlich des 5. German Cancer Survivors Day eindringlich hingewiesen. Meine ist seit 2012 Schirmherr der Niedersächsischen Krebsstiftung und hat sich schon mehrfach an Präventionskampagnen beteiligt.

Er habe selbst enge Freunde durch Leukämie und Prostatakrebs verloren, berichtet er. „Wenn man so nah an das Thema ran kommt, weiß man, wie wichtig das ist.“ Vorsorge sei mit Angst besetzt. „Das war bei mir genauso. Aber wenn man einmal eine Darmspiegelung gemacht hat, hat man keinen Grund mehr dazu. Man wird wach, und das war dann auch schon alles. Wenn man dann erfährt, dass alles in Ordnung ist, ist das fantastisch.“

Neuesten Studie zufolge würde fast jeder Zweite in Deutschland an Krebs erkranken. Dem sei man aber nicht hilflos ausgeliefert. Eine Früherkennung verbessere die Heilungschancen erheblich. Und durch Vorbeugung könnten nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation 30 bis 50 Prozent der Erkrankungen vermieden werden. Klaus Meine rät: „Gesund leben, nicht rauchen, regelmäßig bewegen, wenig Alkohol und ausgewogen ernähren!“

Geschafft hat es auch Angelika Appelhans (46). Bei ihr wurde im April 2018 Brustkrebs diagnostiziert. Auch frühzeitig genug, denn eine Bestrahlungstherapie reichte aus. Als Mutter stand sie aber vor dem großen Problem, wie sie es ihren beiden Kindern beibringen sollte. „Ich habe ihnen gesagt, das Krankheit zum Leben gehört und sie aufgeklärt“, berichtet sie. Das klappt nicht in allen Familien, wie Peter Meier weiß. Manche zerbrechen daran. „Man muss darüber reden. Man muss aber auch in solchen Fragen Hilfestellung suchen, was viele nicht tun“, rät der Mediziner.

Geheilt heißt nicht gesund

Für viele Krebsüberlebende gelte: „Geheilt heißt nicht gesund“, so Bettina Hallmann, onkologische Reha- und Sozialberaterin der Krebsgesellschaft. Ein erheblicher Anteil würde unter physischen sowie psychischen Langzeit- und Spätfolgen leiden, die noch Jahre andauern, zum Teil auch chronisch werden könnten. Die Niedersächsische Krebsgesellschaft mit Sitz in der Königsstraße 27 bietet neben etlichen Info-Broschüren auch ein vielfältiges Beratungsangebot. Ein wichtiges Instrument sind auch die landesweit rund 160 Selbsthilfegruppen.

Von Andreas Krasselt

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