Hannover: Trickbetrügerinnen verurteilt
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Meine Stadt Trickbetrug: Junge Mütter gestehen Senioren-Abzocke
Hannover Meine Stadt Trickbetrug: Junge Mütter gestehen Senioren-Abzocke
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15:34 29.03.2019
GESTÄNDIG: Georgia W. (links) und Gülcan G. (mit ihren Söhnen) wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt (in der Mitte Anwalt Christopher Klein).
GESTÄNDIG: Georgia W. (links) und Gülcan G. (mit ihren Söhnen) wurden zu Bewährungsstrafen verurteilt (in der Mitte Anwalt Christopher Klein). Quelle: Foto: Nagel
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HANNOVER

Georgia W. (29) und Gülcan G. (28) sind Mütter und leben von Hartz-IV. Da ist offenbar jeder Nebenverdienst recht: Insofern überlegte Gülcan G. nicht lange, als ihr der Groß-Cousin aus der Türkei eine Offerte machte. So wurde sie zum Bandenmitglied. Georgia W. lies sich ebenfalls in die Abzocke hochbetagter Senioren einspannen.

Am Donnerstag wurde G. wegen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs in fünf Fällen zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Ihre Mittäterin, sie hatte in einem Fall Beihilfe geleistet, bekam eine fünfmonatige Bewährungsstrafe. Die vorbestraften Frauen hatten ein Geständnis abgelegt.

Gemeinschaftliche Abzocke von Rentnern

In dieser Form der organisierten Kriminalität waren sie die Abholer. Senioren aus Hannover, Celle, Burgdorf und Lehrte bekamen Anrufe aus einem türkischen Call-Center. In perfektem Deutsch schilderte der falsche Polizist „Achim Stein“, dass die Ersparnisse der Rentner in Gefahr seien. Entweder hieß es, dass der Name des Angerufenen auf eine Liste von Verbrechern stehe. Oder in der Nachbarschaft sei ein Einbruch verübt worden. Auch die Sparkassenangestellten seien beteiligt, warnte der vermeintliche Polizist aus dem Call-Center. So wurden die Opfer veranlasst, Geld abzuheben und vor der Haustür abzulegen.

Und da kamen Gülcan G. und Georgia W. ins Spiel. Sie holten das Geld ab. Bei der ersten Tat schickte G. ihre Freundin Georgia vor. Sie steckte in der hannoverschen Oststadt einen Beutel ein, der auf einer Mülltonne lag. Doch darin waren nur Papierschnipsel, weil das Betrugsopfer vorher die Polizei eingeschaltet.

Richterin glaubt Angeklagter nicht

Georgia W. meinte tränenreich: „Ich habe nicht gewusst, dass es sich um einen Enkeltrick handelte.“ Sie habe nur gefragt, ob es um Drogen ginge. Das hätte sie nicht gemacht. Ihr sei gesagt worden, dass es um das Geld von Huren ginge. Im Urteil meinte Richterin Monika Pinski: „Ihre Tränen glaube ich Ihnen nicht. Sie wussten genau, worum es ging.“ Die Richterin meinte, dass die „Abholer“ sich von einer Bande missbrauchen ließen. Denn die Abholer erhalten nur ein Bruchteil der Beute. Mit Western Union wird das Geld in die Türkei überwiesen. Dort bekommen die Anrufer („Keiler“) ihren Anteil, der weitaus größte Teil der Beute geht an die Besitzer der Call-Center.

Am 19. Juli 2018 wurde Gülcan G. in Celle festgenommen. Ihre Beute in Höhe von 3150 Euro konnte sichergestellt werden. In den vier vorangegangenen Taten blieb es beim Versuch. Doch die letzte Tat hatte gravierende Auswirkungen. Vor Aufregung stürzte das 79-jährige Opfer, brach sich das Nasenbein und zwei Finger.

Das älteste Opfer, eine 91-Jährige, ärgerte sich im Amtsgericht über sich selbst. „Ich habe gewusst, dass das Betrüger sind.“ Aber sie habe es nicht geschafft, das vierstündige (!) Gespräch zu beenden. „Ich habe so gelitten. Das war ein Horror“, erzählt sie. Der Anrufer habe ihr Angst eingejagt, sie eingeschüchtert. Erst als sich ihre Schwägerin ins Gespräch eingeschaltet habe, habe der falsche Polizist das Telefonat beendet.

Von Thomas Nagel