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Meine Stadt „Selbstmordgedanken mit Respekt begegnen“
Hannover Meine Stadt „Selbstmordgedanken mit Respekt begegnen“
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06:06 03.01.2019
Spricht häufig mit lebensmüden Menschen: Telefonseelsorger Christian Voigtmann. Quelle: Foto: Wilde
Hannover

Nicht nur wegen einer schwerer Krankheit sehnen ältere Menschen den Tod herbei. Oft ist es schlichtweg das Gefühl der Einsamkeit, das Selbstmordgedanken aufkommen lässt. Über Gründe, sich das Leben zu nehmen, und über den Weg aus der vermeintlichen Ausweglosigkeit sprach die NP mit Christian Voigtmann, Leiter der Telefonseelsorge Hannover.

Rufen viele alte Menschen bei Ihnen an?

Ich würde sagen, ja. Laut unserer anonym geführten Statistik ist fast die Hälfte unserer Anrufer zwischen 50 und 80 Jahren. Zudem lebt ein großer Teil unserer Anrufer allein.

Einsamkeit ist offenbar ein großes Thema.

Definitiv. Es melden sich oft alte Menschen in Einsamkeit. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einer älteren Dame. Sie sagte, ihre Kinder seien alle weit weg, da kommt Weihnachten allenfalls ein lieb gemeintes Paket, Besuche schaffen die Nachkommen aufgrund ihrer beruflichen Situation nicht mehr. Ihr Mann sei vor zwei Jahren gestorben, sonstige Kontakte habe sie auch nicht mehr. Und dann fragte sie: Warum lebe ich eigentlich noch? Das ist eine oft gestellte Frage.

Kommen dann ernsthafte Gedanken an einen Suizid?

Es ist in so einer Situation schwierig, eine Lebensperspektive zu entwickeln. Wenn ich als Telefonseelsorger mit einem jüngeren Menschen rede, würde ich sagen: Du hast dein ganzes Leben ja noch vor dir! Das kann man bei jemandem, der weit über 80 und allein ist, nicht.

Ist es dennoch möglich, gemeinsam eine Lebensper­spektive zu entwickeln?

Wir versuchen es zumindest. Man muss lange reden und suchen, um etwas zu finden, was eine Perspektive bietet. Und zunächst die Situation genau klären: Wie lebst du jetzt in dieser Einsamkeit, gibt es nicht doch noch Wege aus ihr heraus? Was würde dir noch Freude machen? Das ist manchmal ein Suchen nach der Nadel im Heuhaufen. Manchmal hilft dem Anrufer auch schon die Erfahrung, da ist jemand, der nimmt mich ernst und hört mir zu. Aber es gibt auch Situationen, in denen man als Seelsorger hinterher denkt: Richtig helfen konnte ich nicht.

Gibt es sogar Situationen, in denen Sie den Suizid zumindest nachvollziehen können?

In einer Trauergruppe habe ich eine Frau kennengelernt, die ihren schwerkranken Mann mehr als zehn Jahre pflegte, bevor er starb. In der Gruppe konnte sie die Trauer gut verarbeiten. Trotzdem lasen wir später eine Traueranzeige zu ihrem Tod. Was war passiert? Sie hatte beim Arzt die gleiche Diagnose erhalten wie ihr Mann. Weil sie wusste, was auf sie zukommt, besorgte sich von irgendwoher Tabletten und nahm sich das Leben. Ich muss sagen: Ich kann es nachvollziehen. Auch solche Handlungen haben unseren Respekt verdient.

Können Sie auch Sterbehilfe, wie sie in der Schweiz praktiziert wird, nachvollziehen?

Ich habe vor meiner Tätigkeit als Telefonseelsorger Menschen begleitet, die sich wirklich gequält haben, bevor sie zum letzten Mal die Augen zumachten. Ich kann den Wunsch, dem Leiden ein Ende zu machen, gut verstehen. Andererseits öffnet Sterbehilfe möglicherweise auch dem Missbrauch Tür und Tor. Den Königsweg haben wir noch nicht gefunden. Dennoch müssen wir Möglichkeiten suchen, kranken Menschen, die sterben wollen, helfen zu können, das sagen auch Ärzte, mit denen ich gesprochen habe. Da haben Politik und Gesellschaft noch nicht zu Ende gedacht.

Welche Rolle spielt die Krankheit für Selbstmordgedanken im Alter?

Einsamkeit und Krankheit kommen oft zusammen: Jemand, der krankheitsbedingt nicht mehr aus dem Haus kommt, vereinsamt leichter. Aber es gibt auch Anrufer, die in erster Linie wegen einer Krankheit sterben wollen. Für sie sehe ich in allen Hospizdiensten in Hannover, stationär oder ambulant, eine große Hilfe. Ganz oft ist das Leben schon wieder le­benswert, wenn jemand neben mir sitzt und mir einfach die Hand hält. An dieser Zuneigung hapert es leider an vielen Stellen in der Gesellschaft. Die Hospizdienste sind da sehr hilfreich und ein Vorbild.

Warum vereinsamen alte Menschen in unserer Gesellschaft?

Die Isolation ist ein Problem. Die Mitgliederzahlen von Vereinen, von Kirchengemeinden nehmen stark ab. Wo sind diese Leute? Viele bleiben zu Hause, suchen keinen Kontakt mehr, vielleicht auch wegen hoher Arbeitsbelastung. Manche Freizeitgestaltung ist auch gar nicht auf Gemeinschaft ausgelegt – wie etwa das Fitness-Center im Vergleich zum Sportverein. Das ist auf Dauer verhängnisvoll. Irgendwann lande ich in der Situation, dass ich einsam werde und niemanden mehr habe. Oft ist der Wechsel in den Ruhestand eine Zäsur.

Was ist Ihr Rat?

Wenn ich gut im Gespräch bleiben will mit Menschen, muss ich mich in Zeiten, in denen es mir noch gut geht, um sie bemühen. Auch wir ermutigen immer wieder: Such den Kontakt, sprich mit deiner Nachbarin, tritt in einen Verein ein – das sind Dinge, die nötig sind. Auch für alte Menschen gibt es zahlreiche Angebote, Gruppen, sogar Aufgaben. Man muss sich nur auf den Weg machen. Das hat durchaus etwas mit Arbeit zu tun, aber sie lohnt sich. Neben der Familie ist es immer noch wichtig, auch im Alter ein soziales Netz zu haben, auf das ich zurückgreifen kann. Das macht das Leben lebenswert.

Von Simon Polreich

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