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Meine Stadt Kind schwer misshandelt: Tagesvater zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt
Hannover Meine Stadt Kind schwer misshandelt: Tagesvater zu sechseinhalb Jahren Haft verurteilt
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13:59 29.05.2019
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HANNOVER

Victor C. (31) hat das Landgericht am Mittwoch ohne Handschellen verlassen. Dabei wurde er wegen schwerer Kindsmisshandlung und schwerer Körperverletzung zu sechseinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Das Gericht ist überzeugt: Der Tagesvater hatte Emil (damals 13 Monate alt) so schwer geschüttelt, dass der Junge ein Leben lang einer Betreuung bedarf.

„Die Heftigkeit des Schüttelns muss enorm gewesen sein“, sagte Richter Wolfgang Rosenbusch im Urteil. Fünf Fachärzte und eine Gerichtsmedizinerin stimmten in ihren Befunden überein. Der Junge muss das Schütteltrauma am 31. März 2017 gegen 11 Uhr erlitten haben. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das Kind beim Angeklagten in der hannoverschen Südstadt. „Sie waren der einzige Erwachsene, der dort war“, sagte der Richter. Deshalb stehe für die Schwurgerichtskammer fest, dass Victor C. der Täter sei.

Der Angeklagte hatte die Tat stets geleugnet. Doch das Gericht folgte den medizinischen Gutachtern. „Emil war ein gesundes, gut entwickeltes Kind“, erklärte Rosenbusch. Doch plötzlich habe es einen schweren Hirnschaden erlitten. Heute leide der Junge unter schweren motorischen und kognitiven Beeinträchtigungen.

Und noch ein Indiz wertete die Kammer gegen den Angeklagten. Als der Junge krampfend am Boden lag, habe C. nicht adäquat reagiert. „Sie haben keine medizinische Hilfe geholt. Sie waren über ihr eigenes Verhalten so erschrocken und haben das Kind erstmal weggelegt.“ Als Motiv nimmt Rosenbusch an, dass der Angeklagte den Jungen beruhigen wollte. Einen konkreten Anlass für die schreckliche Tat konnten die Richter nicht ausmachen.

Die Eltern verfolgten das Urteil. Ihre Anwältin Nicole Thiele meinte nur, dass es ihnen sehr schlecht gehe. Das Gericht bejahte ihren Anspruch auf Schmerzensgeld, legte sich aber nicht auf eine Summe fest. Das müsse ein Zivilgericht später klären, meinte der Richter. Die Eltern von Emil hatten 300 000 Euro gefordert.

Eine kleine Überraschung ist, dass die Schwurgerichtskammer vom Vorwurf des versuchten Totschlags abrückte. Staatsanwältin Bianca Vieregge wollte den Angeklagten für neun Jahre ins Gefängnis stecken. Aber für eine Tötungsabsicht habe das Gericht zu wenig, so Rosenbusch. Da der Angeklagte von anderen Eltern als Tagesvater gute Noten bekommen habe, sei ein Tötungsvorsatz lebensfremd. „Es ist kein Motiv erkennbar, dass der Angeklagte den Tod billigend in Kauf genommen habe“, sagte der Richter.

Victor C. ist nicht vorbestraft. Doch wegen der „hochdramatischen Folgen“ für Emil und seine Eltern seien sechs Jahre und sechs Monate Gefängnis angemessen. Gegen den Angeklagten gibt es einen Haftbefehl. Doch er ist außer Vollzug gesetzt. Daran änderte das Gericht nichts, weil sich der Tagesvater immer dem Verfahren gestellt habe. Auch nach dem Plädoyer der Staatsanwältin. Victor C. hat Frau und Kind. Sein Sohn ist sieben Jahre alt.

Von Thomas Nagel