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Meine Stadt Zahnschmerzen zu schlimm: Patientin (63) nimmt sich das Leben
Hannover Meine Stadt Zahnschmerzen zu schlimm: Patientin (63) nimmt sich das Leben
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08:28 25.05.2019
Quelle: dpa
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HANNOVER

Einer der außergewöhnlichsten Schmerzensgeldprozesse in Hannover endete mit einem außergerichtlichem Vergleich. Es ging darum, ob ein Zahnarzt aus Hannover verantwortlich für den Suizid seiner Patientin Martha Müller (63, Name geändert) war. Vater und Tochter der Verstorbenen verklagten den Arzt auf 10.000 Euro Schmerzensgeld. Im Gegenzug forderte der Zahnarzt die Begleichung offener Rechnungen. „Beide Parteien haben sich auf den gegenseitigen Verzicht ihrer Forderungen geeinigt“, so der Arzt-Anwalt Michael Fürst.

Zwölf Zähne gezogen

Das banale Ende einer tragischen Geschichte. Martha Müller war eine Angstpatientin. Im Mai 2014 wurden ihr zwölf Zähne aus ihrem kariösem Gebiss gezogen. Der Zahnarzt setzte Implantate und eine festsitzende Prothese.

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Doch auch ein Jahr nach der Behandlung litt die Patientin unter Schmerzen. „Am Ende war sie nur noch Haut und Knochen“, schluchzte ihre Tochter im Landgericht. Ihre Mutter konnte sich nur noch von Suppe, Toastbrot und Babybrei ernähren.

Ernährung aus Suppe, Brot und Brei

Der Zahnarzt fertigte auf eigene Kosten eine herausnehmbare Prothese an. Als sie fertig war, war Martha Müller schon tot. Sie hatte sich mit einer Überdosis Antidepressiva am 7. Juni 2014 das Leben genommen. Einige Wochen zuvor hatte sie aufgeschrieben: „Vom Zahnarzt zu Tode gequält. Ich kann nicht mehr.“ Bereits im Februar 2014 hatte die Patientin notiert: „Bis heute starke Schmerzen. Wieder angeschraubt. Nichts passt. Ich kann nicht mehr.“

Doch was war Ursache und was war Wirkung? Anwalt Fürst erklärte im Gericht, dass die Frau auch über Schmerzen geklagt habe, als die Prothese draußen war. Zudem sei die Frau schon vor der zahnärztlichen Behandlung in psychologischer Behandlung gewesen. Es liege kein Behandlungsfehler vor.

Das Gericht bezifferte die Behandlungskosten auf 5100 Euro. Bereits vor einem Jahr waren beide Parteien einem Vergleich nahe. Vater und Tochter hätten auf ihre Forderung verzichtet, wenn auch der Arzt keine Forderungen mehr gehabt hätte. Doch er wollte noch 2000 Euro. Nun haben sich die Parteien geeinigt.

Die Klage war laut Expertenmeinung nicht besonders aussichtsreich. Denn dazu hätte der objektive Zusammenhang zwischen einem mutmaßlichen Behandlungsfehler des Zahnarztes und dem Suizid hergestellt werden müssen.

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Telefon-Hotline (kostenfrei, 24 h), auch Auskunft über lokale Hilfsdienste:

0800 - 111 0 111 (ev.)

0800 - 111 0 222 (rk.)

0800 - 111 0 333 (für Kinder / Jugendliche)

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Von Thomas Nagel