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Meine Stadt Hannover: Mit „Alles aus einer Hand“ in die Arbeitswelt
Hannover Meine Stadt Hannover: Mit „Alles aus einer Hand“ in die Arbeitswelt
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07:00 15.08.2019
Sieht gut aus: Satti Osman Frayjoun (43, rechts im Bild) misst den Puls von Daniel Terzenbach, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit. Quelle: Wilde
HANNOVER

Viele Migranten und Flüchtlinge haben es schwer auf dem Arbeitsmarkt. Häufig fehlen neben den benötigten Sprachkenntnisse vor allem geeignete Qualifikationen, um vermittelt zu werden. Mit der Integrationsmaßnahme „Alles aus einer Hand“ arbeitet das Jobcenter Region Hannover seit November 2017 gemeinsam mit dem Bildungswerk Niedersächsische Wirtschaft (BNW) gegen diesen Missstand an.

„Dabei handelt es sich um ein Gesamtkonzept, das durch Integrationskurse und andere Module Integrationshemmnisse im Rahmen eines ganzheitlichen Ansatzes beseitigen soll – eben ’Alles aus einer Hand’. Das ist in der Form einmalig in Deutschland“, erklärt Ulf Lasko Werner, Pressesprecher des Jobcenters Region Hannover.

Der Projektablauf gliedert sich in zwei Phasen: die Clearingphase und die Aktivierungsphase. In der Clearingphase werden die Potenziale und bisherigen Qualifikationen erfasst, die dann in einer individuellen Förderempfehlung für die Aktivierungsphase oder in einem alternativen Förderangebot bei einem anderen Träger münden.

Die Aktivierungsphase hat das Ziel, den Teilnehmer an den Ausbildung- und Arbeitsmarkt heranzuführen. Dazu werden sie nicht nur theoretisch, sondern besonders praktisch geschult. Im Fokus stehen dabei Berufsfelder, die stark vom Fachkräftemangel betroffen sind. Dazu zählen neben Handwerk und Pflege unter anderem auch die Bereiche Friseur, Kosmetik sowie Lager und Logistik.

Unterstützt werden Migranten und Geflüchtete, die vom Jobcenter Leistungen beziehen. Seit Maßnahmenbeginn haben bereits 2314 Teilnehmer die Clearing-Phase und 1732 die Aktivierungsphase durchlaufen. 295 haben bereits einen Job gefunden, womit das 20-Prozent-Ziel derzeit um 2,3 Prozent übertroffen wird.

Beispiel 1: Sadika möchte Friseurin werden

Am Anfang war der Friseur-Beruf für sie keine Option – jetzt möchte sie unbedingt einen Ausbildungsplatz finden. Sadika Bilal flüchtete mit Vater und Bruder aus Syrien als sie 13 Jahre alt war. „Ich war in der 6. Klasse, als wir in die Türkei geflüchtet sind“, berichtet die heute 19-jährige. Ohne Schulabschluss kam sie dann vor etwa vier Jahren nach Hannover und ist jetzt Teil der Maßnahme „Alles aus einer Hand“.

Möchte eine Friseur-Ausbildung machen: Die 19-jährige Sadika Bilal musste aus Syrien fliehen als sie 13 Jahre alt war. Quelle: Wilde

Sie hat bereits einen Sprachkurs absolviert, jetzt lernt sie, wie man föhnt, Haare kämmt und steckt. „Ich habe tolle Lehrer hier, die mir hier alles zeigen“, schwärmt Bilal. Sie möchte gerne bleiben und hier arbeiten. Ob sie etwas besonders an Deutschland mag? „Ich liebe die Winter hier, den Schnee“, verrät sie. Aber glücklich ist sie erst, seit ihre Mutter, die nach Schweden geflüchtet war, nun auch wieder bei der Familie ist: „Ich hatte meine Mama vier Jahre nicht gesehen, das war mein schönster Tag.“

Beispiel 2: Zum zweiten Mal in Deutschland – jetzt wird Satti Pfleger

Es war eine schwere Entscheidung, aber die richtige für Satti Osman Frayjoun. Erst 2019 flüchtete der 43-jährige aus dem Sudan nach Deutschland. Dabei überrascht er mit einwandfreiem Deutsch. „Ich habe bereits von 1997 bis 2003 in Deutschland gelebt und in Furtwangen Medizintechnik studiert“, berichtet er. Danach kehrte er in seine Heimat zurück und arbeitete für internationale Firmen in dem Bereich. Wegen der unruhigen politischen Lage wollte er seine Familie in Sicherheit wissen und entschloss sich, zurück nach Deutschland zu gehen.

Trockenübung: Satti Osman Frayjoun (43) kümmert sich um eine gute Liegeposition der Puppe. Quelle: Wilde

Hier nimmt er nun einen neuen Anlauf mithilfe der Maßnahme „Alles aus einer Hand“. „Meine Sprachkenntnisse kommen mir im Pflegesektor sehr entgegen, und es ist grob der Bereich aus dem ich komme“, erklärt Frayjoun und ergänzt: „Außerdem ist der Beruf sehr kommunikativ, dadurch verbessere ich mich immer schneller.“ Er möchte schnellstmöglich Arbeit finden und seine Kinder hier großziehen, aber „ich kann mir eine Rückkehr vorstellen. Aber erst, wenn meine Kinder erwachsen sind. Sie gehen hier zur Schule und haben ein besseres Leben, das ist, was zählt.“

Beispiel 3: Vom Fabrikinhaber zum Handwerker

Mit seinem unternehmerischen Wissen, all den geschäftlichen Erfahrungen, die er in der seinem Dasein als Inhaber einer Textil-Fabrik zur Herstellung von Herren-Hemden gesammelt hatte, war Muhammad Hatem Snobar sicher, in Deutschland direkt einen Job zu finden.

Vor drei Jahren flüchtete der 48-jährige Syrer aus seiner Heimat Damaskus, um dem dortigen Kriegsgebiet zu entkommen. „Deutschland war mein großes Ziel, weil es hier sehr sicher ist und Chancen geboten werden“, erklärt er in gutem Deutsch. Um für ein besseres Leben für sich und seine Familie zu sorgen, flüchtete Snobar alleine aus Syrien nach Deutschland über die Balkan-Route.

Die Odyssee begann mit dem Flugzeug: Von Syrien flog er zunächst in die angrenzende Türkei. Weiter ging es mit einem Boot nach Griechenland. Von Athen aus folgte eine Busreise über Nordmazedonien nach Serbien, bevor es mit dem Zug nach Kroatien weiterging. Dort stieg er wieder in den Bus. Ziel: Österreich. Dort angekommen, nahm er einen Zug und landete in Hannover. 13 Tage dauerte die Flucht. „Es ist zum Glück alles gut gegangen. Ich habe auch schon andere Geschichten gehört“, erzählt er. Vor eineinhalb Jahren kam dann seine Familie nach – seine Frau und drei Töchter.

Jetzt am Tapeziertisch: Der Syrer Muhammad Hatem Snobar (48) war vor seiner Flucht Inhaber einer Hemden-Fabrik in Damaskus. Quelle: Wilde

Auch wenn er nicht direkt einen Job finden konnte: Hilfe bekam er durch das Jobcenter Region Hannover. Als Teil der Maßnahme „Alles aus einer Hand“ konnte er an einem Sprachkurs teilnehmen, den er mit dem Sprachniveau B1 abschloss. „Das Lernen war sehr hart. Ich habe vor 35 Jahren die Schule verlassen, da muss man das Lernen wieder lernen“, berichtet Snobar und ergänzt: „Deutsch ist für mich eine der schwersten Sprachen der Welt. Aber man muss sprechen können, um später auch zu arbeiten.“

Damit das auch schnellst möglich klappt, sammelt der frühere Fabrikinhaber seit Juni erste berufspraktische Kenntnisse im Berufsfeld „Bau, Farbe, Raumgestaltung“. Mit anderen Teilnehmern des Projekts lernt er dabei unter fachlicher Anleitung Tapezieren, Malen, Lackieren und Tischlern. Doch auch seine Sprachkenntnisse kann er dadurch erweitern, betont er: „Wir sprechen hier viel und nur lernen durch die Arbeit auch immer wieder neue Worte, die fachspezifisch sind.“

Snobar ist dankbar, dass ihm so viele Möglichkeiten geboten wurden. Eine Rückkehr in seine Heimat kann er sich nicht mehr vorstellen. „Da ist alles kaputt. Ich bin hier zufrieden, meine Familie ist sicher und ich arbeite weiter hart, damit ich bald richtig Geld verdienen kann.“

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