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Meine Stadt Sicherungsverwahrung für Räuber
Hannover Meine Stadt Sicherungsverwahrung für Räuber
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16:43 24.04.2019
VERURTEILT: Jörn-Titus P. muss in die Sicherungsverwahrung, falls er im Maßregelvollzug versagt. Sein Anwalt Clemens Anger spricht von einer „letzten Chance“. Foto:
VERURTEILT: Jörn-Titus P. muss in die Sicherungsverwahrung, falls er im Maßregelvollzug versagt. Sein Anwalt Clemens Anger spricht von einer „letzten Chance“. Foto: Quelle: Nagel
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HANNOVER

 Er ist der einzige Sohn unter fünf Geschwistern. Seine Eltern gaben ihm den Beinamen „Titus“ – nach einem römischen Kaiser. Hatten sie Größeres mit ihm vor? Jörn-Titus P. (38) ist überdurchschnittlich intelligent. Aus ihm hätte etwas werden können. Am Mittwoch hat der Räuber und Vergewaltiger eine gewisse Berühmtheit erlangt. Richterin Renata Bürgel verurteilte den Angeklagten wegen besonders schweren Raubes und gewerbsmäßigen Diebstahls zu sechs Jahren Haft. Dazu kommt eine Unterbringung in einer Entzugsklinik (Maßregelvollzug) und anschließende Sicherungsverwahrung. Wenn es schlecht für ihn läuft, kommt P. nie wieder frei.

Unmaskiert Tankstelle überfallen

Die Taten an sich sind Alltag im Landgericht Hannover. Zwei Mal wurde er beim Ladendiebstahl erwischt. Am 5. November 2018 überfiel er eine Tankstelle in der Göttinger Chaussee und raubt 850 Euro. Er betrat den Geschäftsraum unmaskiert. Drei Tage später versuchte er, eine Bäckerei in Badenstedt auszurauben. Und das, obwohl die Verkäuferin ihn kannte. Trotz des Vorhalts eines Messers weigerte sie sich, die Kasse zu öffnen. Jörn-Titus P. zog unverrichteter Dinge davon. „Bei den Taten stand der Angeklagte unter Alkohol- und Drogeneinfluss“, so die Richterin.

Er stand aber auch unter Führungsaufsicht. P. hat 27 Vorstrafen. Meist fiel er wegen Diebstahls und Körperverletzung auf. 2011 wurde er wegen Vergewaltigung und anderer Taten zu fünf Jahren Haft verurteilt. Doch auch diese Strafe hielt ihn nicht von weiteren Delikten ab. Für den Psychiater Carsten Riedemann ist das kein Wunder. Der Angeklagte leide unter einer dissozialen Persönlichkeitsstörung. Solche Menschen könnten sich nicht an Regeln halten und würden auch aus Strafen nichts lernen. Und: „Typisch für diese Störung ist, dass der Angeklagte immer andere Menschen für seine Taten verantwortlich macht.“

Eltern schickten Kind zum Stehlen

Auch das Elternhaus trage eine Mitverantwortung für die Persönlichkeitsstörung des Sohnes. Bereits in der Grundschule stahl er seinen Klassenkameraden das Milchgeld, um sich Süßigkeiten zu kaufen. „Verhaltenstherapeutisch ist das eine Katastrophe“, sagt Riedemann. Der Angeklagte habe als kleines Kind gelernt, wenn ich stehle, gibt es sofort eine Belohnung. Süßigkeiten hätten auf das Gehirn eine ähnliche Wirkung wie Heroin. Und was machten die Eltern? Sie schickten Jörn-Titus P. weiterhin zum Stehlen – als Grundschulkind.

Der Angeklagte hat ein hohes Rückfallrisiko, gilt als gefährlicher Hangtäter. Ein Therapieerfolg im Maßregelvollzug ist sehr unwahrscheinlich. Insofern gab ihm die Richterin eine Chance. Falls er die Therapie besteht (Abbruchquote 70 Prozent), wird die Anordnung der Sicherungsverwahrung nochmal überprüft. Sein Verteidiger Clemens Anger meint: „Das ist seine letzte Chance.“

Von Thomas Nagel