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Meine Stadt Hannover: Nackter Luther provoziert vor der Marktkirche
Hannover Meine Stadt Hannover: Nackter Luther provoziert vor der Marktkirche
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16:05 31.10.2018
PROVOZIERT: Mit dem nackten Luther erinnerten Kritiker an die antisemitischen Sprüche des Reformators.
PROVOZIERT: Mit dem nackten Luther erinnerten Kritiker an die antisemitischen Sprüche des Reformators. Quelle: Behrens
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Hannover

Um es gleich vorwegzunehmen: Der nackte Luther vor dem Martktkirchenportal war kein Gag der Landeskirche. Es war ein Beitrag der Humanisten der Giordano-Bruno-Stiftung zum Reformationstag. Die Sprüche auf der Innenseite des aufgeklappten Mantels der überlebensgroßen Figur erinnerten an die antisemitischen Äußerungen des Reformators, die später von den Nazis aufgegriffen wurden.

Eine Provokation, die bei den zahlreichen Besuchern des Festes der Begegnung ein geteiltes Echo fand. Einige ärgerten sich, andere nutzten es als Anregung zur Diskussion. Zumal auch Landesbischof Ralf Meister in seiner Predigt zum Auftakt der Festveranstaltung an den ambivalenten Charakter Luthers erinnert hatte: Dessen Aussagen hätten zum Teil eine „brutale Verachtung“ ausgedrückt, etwa in seinen späten Schriften gegen die Juden oder in seinen Ausfällen gegen die Bauern.

„Luthers Thesen sind unentschuldbar“

Entsprechend gelassen nahm Meister dann auch die Provokation: „Das läuft ein wenig ins Leere“, meinte er nur. Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann fand es nur bedauerlich, dass die Figur, die man bereits von anderen Veranstaltungen kenne, ausgerechnet genau vorm Kircheneingang postiert wurde. Aber sie sorgte immerhin für Gesprächsstoff.

„Luthers Thesen sind unentschuldbar“, sagte Besucher Steffen Schlinker, „sie sind aber von der Kirche niemals übernommen worden.“ Schlinker ist Professor für Rechtsgeschichte, kennt sich aus. „Die Nazis haben die wieder ausgegraben, von der Kirche aber sind sie nie genutzt worden.“ Der 53-Jährige hatte am Vormittag um 10 Uhr den Eröffnungsgottesdienst besucht, war anschließend ein wenig durch die Altstadt geschlendert, nur um später, als er eigentlich nur sein an der Marktkirche abgestelltes Fahrrad abholen wollte, doch wieder in der Veranstaltung hängen blieb. „Ich war neugierig geworden“, sagte er. „Es hat mich angenehm überrascht, wie lebendig man hier einen Reformationstag gestalten kann. Das ist sehr gelungen.“

Landesbischof Meister mahnt

Der Stadtkirchenverband hatte zusammen mit der Landeskirche und der Marktkirchengemeinde zu diesem Fest der Begegnung geladen, der ersten Festveranstaltung, nachdem der Reformationstag zum offiziellen Feiertag erklärt worden war. Eine Mischung aus stündlichen Gebeten, musikalischen Beiträgen und interessanten Gesprächsrunden, in denen es eben um die vielfältigen Formen von Begegnungen ging.

So auch in dem von NP-Marketingchef Christoph Dannowski moderierten Talk zwischen Landesbischof Ralf Meister, der Islam-Wissenschaftlerin Hamideh Mohagheghi und dem Rabbiner Gábor Lengyel. Wobei es angesichts zunehmender Vorurteile und dem Schüren von Angst vor allem um das Gemeinsame und Verbindende ging. „Wir müssen nicht immer einer Meinung sein“, sagte Mohagheghi, „aber den Mut zu einer guten Streitkultur haben.“ Die Tendenz, Angst zu schüren, dürfe keinen Raum bekommen. Auch Landesbischof Meister mahnte, die Stimme weiter zu erheben und Kritikern auch zu antworten. „Wir dürfen nicht aufhören, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, sie mit der Gewalt unserer Liebe in die Gesellschaft zurückzuholen.“ Und für Rabbi Lengyel ist es das Wichtigste, auch mit den Quellen der eigenen Religion zu hadern, „weil ich nicht den Anspruch habe, dass ich die einzige Wahrheit besitze.“

Von Andreas Krasselt