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Meine Stadt Polizistin rettet Kleinkind von Dach
Hannover Meine Stadt Polizistin rettet Kleinkind von Dach
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08:00 24.12.2018
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Hannover

Manchmal braucht es Schutzengel. Und manchmal tragen sie Uniform. Einen solchen Schutzengel hat ein Dreijähriger aus Langenhagen in diesem Jahr gehabt, ohne Anna M. (24) und ihre Kollegen hätte sein Ausflug aufs zwölf Meter hohe Dach böse enden können.

Polizeikommissarin Anna M. und ihr Kollege Ahmet I. (27) erleben am 18. September im Streifendienst zunächst einen ganz normalen Spätdienst. Der beginnt um 13 Uhr und endet um 21 Uhr, „es war schon leichte Dämmerung, als uns ein Funkspruch erreichte“, berichtet die 24-Jährige. Der Einsatzort ist in der Nähe, und der Einsatz klingt erst einmal nicht besonders dramatisch. „Kind auf dem Dach, da denkt man einen Vorsprung am Haus oder ein Garagendach“, sagt sie. „Aber man denkt nicht an ein richtig hohes Hausdach.“ In der Otto-Hahn-Straße treffen die beiden zeitgleich mit der Feuerwehr ein, ein Rettungswagen ist bereits vor Ort. „Es hieß, die Mutter sei ausgesperrt worden, als sie den Müll herunterbrachte. Wir sahen die Frau aber schon wieder auf dem Balkon, und da war für mich eigentlich klar, dass die Gefahr bereits vorbei sei.“

So etwas kann man nicht trainieren

Mitnichten. Denn beim Näherkommen sehen die Polizeibeamten, dass sich oben auf dem Dachfirst etwas bewegt. Ein kleiner Junge in Schlafkleidung mit nackten Füßen, der sich am Dach festhält. „Damit rechnet man einfach nicht“, so die Kommissarin. „Auf einen solchen Einsatz wird man nicht vorbereitet, so etwas kann man nicht trainieren.“

Sein älterer achtjähriger Bruder, „ein ganz pfiffiger“, zeigt den zu Hilfe eilenden Feuerwehrleuten und Polizisten den Weg übers Treppenhaus nach oben. Denn auf die Schnelle können die Leitern der Feuerwehr gar nicht aufs Dach gerichtet werden, „für uns gab es nur den Impuls, so schnell wie möglich da hochzukommen, um an das Kind heranzukommen“, erzählt Anna M.. Zwischen Dachbalken und Treppe befindet sich ein kleiner Verschlag, oben ist ein von innen zu öffnendes Schornsteinfenster, durch das man auf das Dach gelangen kann. Eigentlich ein Job für die Feuerwehr. Aber: „Da war der sehr große, voll ausgerüstete Feuerwehrmann, und dann war klar, dass ich die Leichteste war.“

Gute Teamarbeit

Außerdem geht Anna M. in ihrer Freizeit dem Klettersport nach, „ich kann meine Kraft einschätzen und weiß, dass ich schwindelfrei bin“. Sie legt die Koppel mit Pistole und Handschellen ab, der Feuerwehrmann macht die Räuberleiter, und schon ist Anna M. auf dem Dach. „Er schob von unten, ich musste mich nur hochziehen und das Bein über die Kante des Satteldaches schwingen.“ Nur ein paar Meter trennen die Polizistin von dem Dreijährigen, „ich hoffte, dass ich das verängstigte Kind beruhigen kann und natürlich, dass es nicht plötzlich loslässt, wenn es mich sieht“.

DRAMATISCHER EINSATZ: Die Feuerwehr richtet ihre Drehleiter auf das Dach aus, auf dem ein kleines Kind geklettert ist. Quelle: Screenshot

Stück für Stück im Reitersitz robbt sie sich an den Knirps heran, beruhigt ihn mit Worten und ihrer warmen Stimme, ermahnt ihn immer wieder, sich gut festzuhalten. „Und dann war ich bei ihm, konnte ihn im Nacken an seinen Klamotten packen.“ Sie fordert den Kleinen auf, seine Hände und Arme um ihren Hals zu schlingen, dann kann sie ihn richtig packen, setzt ihn bäuchlings auf ihren Schoß und bringt so das kleine Kind aus der lebensgefährlichen Situation. „Unter dem Fenster stand schon mein Kollege Ahmet und nahm das Kind“, sagt sie. „Wir haben uns nicht abgesprochen, in so einem Fall gibt es keine Regeln und Verhaltensnormen. Alles ging dann Hand in Hand. Das war letztlich eine der besten Erfahrungen, die ich gemacht habe.“ Auch Kollege Ahmed I. lobt die gute Teamarbeit. „Jeder hat so reagiert, wie er musste, und wir haben uns einfach blind vertraut. Das war ein spannender Einsatz.“ Ohnehin: Ein Kind zu retten sei besser als etwa Gauner zu jagen, „obwohl beides seinen Reiz hat“, sagt er lächelnd.

Dass der jungen Frau nach dem Einsatz die Knie zittern, ist für sie auch im Rückblick ganz normal. „In der Situation selbst agiert man zielstrebig, hinterher macht man sich schon Gedanken darüber, was alles hätte passieren können.“ Anna M. legt übrigens Wert darauf, die Schuld für die Kletterei des Dreijährigen nicht der Mutter zuzuschieben – wie der Kleine genau aufs Dach gelangte, ist nach wie vor unklar. „Das sind Dinge, die alltäglich passieren können. Sie konnte nichts dafür, ausgesperrt worden zu sein und sie wäre auch nicht auf das Dach gekommen.“ Dafür hatte ihr Sohn Schutzengel – in Uniform.

Von Petra Rückerl