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Meine Stadt Gendergerechte Sprache: FDP ruft Stadtmitarbeiter zum Boykott auf
Hannover Meine Stadt Gendergerechte Sprache: FDP ruft Stadtmitarbeiter zum Boykott auf
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17:49 28.01.2019
Neue Regeln: Die Stadt Hannover hat für geschlechtergerechte Sprache eine Broschüre verfasst, die Empfehlungen gibt, die auch ein sogenanntes drittes Geschlecht berücksichtigen, das weder männlich noch weiblich ist.
Neue Regeln: Die Stadt Hannover hat für geschlechtergerechte Sprache eine Broschüre verfasst, die Empfehlungen gibt, die auch ein sogenanntes drittes Geschlecht berücksichtigen, das weder männlich noch weiblich ist. Quelle: dpa
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Hannover

„Redepult“ statt „Rednerpult“, „niemand“ anstelle von „keiner“ und Gendersternchen etwa bei „liebe Kolleg*innen“ statt „liebe Kolleginnen und Kollegen“: Mit ihren neuen Regelungen für „geschlechtergerechte Verwaltungssprache“ hat die Stadt Hannover bundesweit für Aufsehen gesorgt. Parteien im Rat wollen das Projekt nun stoppen. AfD und „Die Hannoveraner“ wollen dazu eigene Anträge vorlegen. Auch CDU-Politiker denken darüber nach. Und die FDP empfiehlt den Mitarbeitern der Stadt, sich einfach nicht an die Regeln zu halten.

„Es handelt sich um eine Empfehlung der Gleichstellungsbeauftragten. Und ich empfehle den Mitarbeitern der Stadt, sich nicht daran zu halten“, sagt Patrick Döring, Hannovers FDP-Chef und Mitglied des Rates. Er sieht in den neuen Regeln „mehr Verunklarung als Geschlechtergerechtigkeit“. Viele Formulierungen seien „fast sinnentstellend“ und würden von Empfängern städtischer Briefe nicht verstanden.

CDU: „Hannover bis auf die Knochen blamiert“

Die CDU will das Thema auf jeden Fall im Rat zur Sprache bringen. „Oberbürgermeister Schostok hat Hannover bundesweit bis auf die Knochen blamiert“, wettert CDU-Fraktionschef Jens Seidel und fordert diesen auf, sich um „die wirklich wichtigen Geschlechterthemen“ zu kümmern. Noch immer hätten Frauen in Hannovers Verwaltung nicht die selben Aufstiegschancen wie Männer. Seidel will nun wissen, wie viele Frauen vor allem in der zweiten und dritten Führungsebene der Stadt Verantwortung tragen. Seine Vermutung ist, dass sie deutlich unterrepräsentiert sind.

Stoppen ließen sich die neuen Regeln aber nicht mehr, fürchtet Seidel, weil der OB diese ohne Zustimmung des Rates durchsetzen könne. Das sehen nicht alle in der CDU so. Einige wollen es zumindest versuchen. Eine „unsägliche Sprachsteuerung von oben“ und „unzumutbar für Mitarbeiter der Stadt und den Bürger“ seien die Empfehlungen aus dem Gleichstellungsbüro, findet CDU-Ratsherr Felix Semper. Er will sich in der Fraktion dafür einsetzen, dass diese einen Antrag auf den Weg bringt, um die Sprachregeln zu stoppen.

Anträge sollen Sprachregeln kippen

Bei der AfD ist das schon beschlossene Sache. „Bar jeder Logik“ und „ideologischer Firlefanz“ seien die Regeln, sagt ihr Fraktionschef Sören Hauptstein. „Wir wollen das wieder rückgängig machen“, kündigt er an und will noch einen Schritt weitergehen. Hauptstein möchte das Gleichstellungsbüro „bis auf die eine gesetzlich vorgeschriebene Stelle zusammenstreichen“.

Auch die „Hannoveraner“ wollen gegen die neuen Sprachempfehlungen vorgehen und diese im Rat rückgängig machen. Aus Sicht von Vize-Fraktionschef Gerhard Wruck decken sich diese „weder mit der als allgemein verbindlich angesehenen Duden-Rechtschreibung noch mit Grammatik und Semantik der in den Schulen gelehrten deutschen Sprache“.

SPD, Grüne und Linke begrüßen Gender-Empfehlungen

Eine Mehrheit ist dafür im Rat jedoch nicht in Sicht – selbst, wenn auch die FDP für eine Abschaffung stimmen sollte. Denn sowohl SPD als auch Grüne und Linke stehen hinter den neuen Regeln. SPD-Fraktionschefin Christine Kastning sieht darin „ein Zeichen der Veränderung, das wir begrüßen“. Sie empfiehlt einen „entspannten Umgang“ damit. In der Praxis werde sich „ein pragmatischer Umgang damit finden“, glaubt Kastning.

„Nicht nachvollziehbar“ sei, wie negativ die Reaktionen ausfielen, findet Grünen-Fraktionschefin Freya Markowis. „Wir stehen voll dahinter“, stellt sie klar. Das gilt auch für die Linke. „Das ist ein Fortschritt“, sagt Fraktionschef Dirk Machentanz.

Bei der Stadt sind unzählige Reaktionen auf den Vorstoß zur geschlechtergerechten Sprache eingegangen. „Die Kreativität der Beleidigungen“ in den zahlreichen Schreiben sei „beeindruckend“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte Friederike Kämpfe. Ob deshalb Anzeigen erstattet würden, stehe noch nicht fest. „Wir sind im Moment noch dabei die Schreiben zu sortieren und zu prüfen“, sagt sie.

Dienstanweisung soll noch 2019 in Kraft treten

Den Vorwurf aus der Politik, dass sie bei der Umsetzung des Vorhabens übergangen worden sei, weist Kämpfe zurück. Es gebe einen politischen Beschluss zu einem Aktionsplan der Stadt, der sich an der europäischen Charta zur Gleichstellung von Frauen und Männern auf europäischer Ebene orientiert. Darin sei auch der Auftrag enthalten gewesen, eine neue Allgemeine Dienstanweisung dazu zu erarbeiten. „Mit den Empfehlungen haben wir genau das gemacht“, erklärt Kämpfe.

Derzeit sei die neue Regelung noch keine Allgemeine Dienstanweisung. Im Laufe des Jahres soll sich das aber ändern. Da es sich um „verwaltungsinterne Geschäfte“ handele, müsse das auch nicht vom Rat beschlossen werden, sondern vom Oberbürgermeister. Und Schostok hat bereits deutlich gemacht, dass er das Projekt unterstützt.

Von Christian Bohnenkamp