Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Onays autofreie Innenstadt: Was kommt auf Hannover zu?
Hannover Meine Stadt Onays autofreie Innenstadt: Was kommt auf Hannover zu?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:45 15.11.2019
In der Diskussion: Moderator Franz W. Rother (von links), IHK-Experte Christian Bebek, Mobilitätsberater Peter Löck, FDP-Landeschef Stefan Birkner, Grünen-Verkehrsexpertin Elisabeth Clausen-Muradian und Professor Stefan Bratzel Quelle: Michael Wallmüller
Hannover

Einen „leisen Urknall“ sieht der Automobilexperte Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management sowie den „Beginn eines neuen Mobilitätsuniversums“. Gut möglich, dass es Hannover zumindest in Deutschland in die Gruppe der Städte schafft, die bei dieser Entwicklung mit vorangehen. Der neue Oberbürgermeister Belit Onay hat als Ziel die autofreie Innenstadt im Jahr 2030 ausgerufen. Darüber wurde am Donnerstagabend im Hannover Congress Centrum (HCC) diskutiert. Der Deutsche Mobilitätstag und die FDP-nahe Friedrich Naumann Stiftung hatten eingeladen.

Schon jetzt sind 43 Prozent der Hannoveraner für den Onay-Plan, das hat eine Forsa-Umfrage im Auftrag der Madsack Mediengruppe ergeben. Der neue OB wird allerdings noch viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, zum Beispiel bei der Industrie- und Handelskammer (IHK). Deren Verkehrsexperte Christian Bebek warnte davor, die Innenstadt abzuklemmen. „Alles dort lebt davon, dass Frequenz ist“, sagte er. Er sieht in dem Plan nicht nur eine Frage, die die Hannoveraner betrifft. „Es gibt täglich 160.000 Einpendler, von denen zwei Fünftel nicht einmal aus der Region kommen“, berichtete Bebek. Er setzt darauf, dass „Wahlkampfaussagen und die Praxis oft etwas weiter auseinanderliegen“.

Grüne: Städte platzen aus allen Nähten

Elisabeth Clausen-Muradian, Verkehrsexpertin der Grünen im Rat, geht jedoch davon aus, dass die autofreie Innenstadt auch umgesetzt wird. „Die Städte platzen aus allen Nähten und können den Verkehr nicht mehr aufnehmen“, warnte sie. Lösen lasse sich das Problem nicht, indem man „Autos mit Verbrennermotoren eins zu eins durch Elektrofahrzeuge ersetzt“.

Die Grüne forderte: „Wir müssen neu über die Verteilung des öffentlichen Raums nachdenken“. 80 Prozent davon werde von Autos genutzt, in denen größtenteils nur eine Person sitze. Zudem stünden diese die meiste Zeit nur herum. Alternativen könnten allerdings nur geschaffen werden, wenn man auch bereit sei, dem Autoverkehr Flächen wegzunehmen. Am Ende werde der Umbau dazu führen, „dass diejenigen, die wirklich mit dem Auto fahren müssen, auch eine Entlastung erfahren“, glaubt Clausen-Muradian.

FDP-Chef: Autofreie Innenstadt „ein politischer Kampfbegriff“

IHK-Vertreter Bebek signalisierte allerdings auch Kompromissbereitschaft. Er machte deutlich, dass ihm nicht wichtig sei, mit welchem Verkehrsmittel man die Innenstadt erreiche. Entscheidend sei, dass diese gut erreichbar sei. Man könne „sicher darüber reden, wie man auch Autos weg bekommt“. Dann allerdings müsse man „auch den Weg beschreiben, wie man dahin kommt und was die Alternativen sind“.

FDP-Landeschef Stefan Birkner sieht in der autofreien Innenstadt „einen politischen Kampfbegriff“. Das Auto werde „zum Feindbild“ gemacht. Geführt werde eine „Debatte von Städtern für Städter“. Birkner findet, dass man „auch aus dem ländlichen Raum zum Facharzt in der Innenstadt“ kommen müsse. Der FDP-Mann setzt sich für „individuelle Mobilitätslösungen“ ein, die „bedarfsgerecht sind“ und sieht auch Planungsfehler bei der Region. Er wundert sich, dass für 5000 Studenten ein neuer Maschinenbaucampus in Garbsen gebaut werde – „und es dann nicht einmal einen Stadtbahnanschluss gibt“.

Regionsabgeordneter schlägt Radfahrer-Highways vor

Der FDP-Regionsabgeordnete Gerhard Kier meldete sich aus dem Publikum zu Wort. Mobilität sei „ein hohes Gut“, das man auch weiterhin ermöglichen müsse. Wenn der Platz auf der Straße nicht ausreiche, müsse man darüber eben einen „Highway für Radfahrer“ bauen und für den Nahverkehr zusätzliche Tunnel. Dafür müsse man auch bereit sein, „richtig Geld in die Hand zu nehmen“. Kier plädierte auch dafür, die Tarifzonen des Großraumverkehrs Hannover (GVH) auf umliegende Städte wie Nienburg, Celle, Hildesheim und Stadthagen auszuweiten.

Geht es nach dem Mobilitätsberater Peter Löck, „werden wir in fünf Jahren gar nicht mehr das eigene Auto nutzen wollen“. Er plädiert für digitale Lösungen, bei denen den Nutzern automatisch die passenden Verkehrslösungen als Paket angeboten werden und für diese dann auch nur ein einzelnes Ticket gelöst werden müsse.

Experte: Jungen Städtern ist das Auto nicht mehr wichtig

Auch Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach, sieht eine Welle der Veränderung auf die Städte zukommen. Unter Städtern unter 25 Jahren legten nur noch rund 35 Prozent Wert auf den Besitz eines eigenen Autos. In Kommunen wie Kopenhagen, die radikal auf den Radverkehr gesetzt hätten, habe es aber zuvor „einen politischen Prozess gegeben, der sehr konfliktreich war“. Bratzel ist sich sicher, dass die autofreie Innenstadt, die der neue OB Onay plant, „kein Kindergeburtstag wird“.

Ansonsten hatte der Professor vor allem spannende Einblicke in die Entwicklung der Autoindustrie mitgebracht. Deren klassisches Geschäftsmodell sei dabei, sich aufzulösen. Den Umstieg auf die E-Mobilität hält er noch „für das geringste Problem“. Viel größere Auswirkungen sieht er durch das autonome Fahren sowie die intelligente Vernetzung kommen, die von Unternehmen wie Google, Facebook oder Amazon vorangetrieben werde, die um ein vielfaches größer seien als die Automobilhersteller. Die Entwicklung gehe „immer mehr Richtung Carsharing“. Entscheidend werde sein, dass es den Unternehmen gelinge, „aus Daten Geschäftsmodelle zu machen“, so Bratzel.

Lesen Sie auch:

Von Christian Bohnenkamp

Nanas, Göttinger Sieben, der Regenschirmmann: Fridays-for-Future-Aktivisten haben in der Nacht zum Freitag Hannovers Statuen mit Botschaften verziert – anders als geplant blieben sie aber nicht lange hängen.

15.11.2019

Auto von der Ex ausgeliehen und damit Unfall gebaut – dieser Urlaub endet für eine Langenhagenerin nicht erholsam.

15.11.2019

Alles ist super, alles ist wunderbar? Mitnichten. Das Konzert der Ärzte im Herbst 2020 in Hannover war in Rekordzeit ausverkauft, aber freuen dürften sich vor allem die Händler auf dem Schwarzmarkt.

15.11.2019