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Meine Stadt Hannover: Taubblindenwerk lädt zum Tag der offenen Tür
Hannover Meine Stadt Hannover: Taubblindenwerk lädt zum Tag der offenen Tür
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15:51 02.09.2018
GESCHICKTE HÄNDE: Der 18-jährige Ferhad fertigt einer Stanzmaschine Geschenkkarten mit Prägung an. Quelle: Fotos: Wilde
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Hannover

Was ist das für ein Gefühl, nichts mehr sehen zu können? Karlheinz Jacobs, Rehaleiter im Taubblindenwerk im Albert-Schweitzer-Hof, setzt den Besuchern Brillen auf. Eine simuliert den Grauen Star. Alles wird undeutlich, die Welt taucht in undefinierbares Grau. Eine zweite verengt das Gesichtsfeld wie bei der Retinitis pigmentosa (RP). Nur ein winziges Loch sichtbaren Lichts bleibt in einer schwarzen Wand. Wer sich dazu Gummistöpsel in die Ohren steckt, ahnt vielleicht, wie Taubblinde leben.

Etwa 400 Besucher kamen am Sonntag zum Tag der offenen Tür in das Taubblindenwerk. Auch viele Neugierige, die sich informieren wollten. "Die Taubblindenarbeit ist kaum bekannt", sagt Leiter Volker Biewald. "Wir wollen auf unser Angebot aufmerksam machen."

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Derzeit werden hier 80 Schüler unterrichtet, 35 als Internatsschüler. Es gibt einen Sonderkindergarten mit fünf Plätzen. Im Wohnheim leben 62 Menschen. Unter ihnen Anja Wegfraß (36) und Ulrich Melles (58), die sich hier in der Einrichtung kennenlernten – und nun auch dort zusammen leben. Sie verständigen sich mit Berührungen. „Per Handalphabet und taktiler Gebärdensprache“, erklärt Reha-Fachkraft Regina Berg. Sie hilft in der Reha-Abteilung später erkrankten Erwachsenen, sich auf die neue Lebenslage einzustellen.

In der Lehrwerkstatt geht es um Berufsvorbereitung. „Hier können sich die Jugendlichen ausprobieren“, erklärt Schulleiterin Bettina Trissia. „Wir haben Bereiche für Holz, Papier, fürs Töpfern, für kreatives Arbeiten und vieles mehr.“ Ferhad (18) sitzt an einer Stanzmaschine, mit der zuvor aus einer Schablone ausgestochene Schmetterlingsformen Postkarten aufprägt. Er kann sehen und verständigt sich mit Gebärdensprache.

Die Bildungsmöglichkeiten sind vielfältig, aber begrenzt. „Im Rahmen der Inklusion in einer Regelschule ist das mit einer solchen Mehrfachbehinderung sehr schwierig“, so Trissia. Dennoch: Es gibt auch für Taubblinde Möglichkeiten, etwa Abitur zu machen.

Vieles ist eine Frage der Förderung. Die muss ganz individuell abgestimmt sein. Im Kindergarten hängt für jedes Kind ein besonderer Stundenplan an der Wand. Er besteht aus verschiedenen Gegenständen, einem Mini-Tamburin etwa. „Man muss mit den Kindern verhandeln, was welches Objekt für sie bedeutet“, so Trissia.

Das Instrument könnte signalisieren, es sei Zeit für Rhythmik, einem zweiten Kinde aber etwas ganz anderes bedeuten. „Es ist die größte Herausforderung, eine Beziehung aufzubauen, über die Kommunikation möglich ist“, sagt Trissia. „Da geschieht ganz viel im Nahbereich.“

Von Andreas Krasselt