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Meine Stadt Hannover: Neue Konzepte gegen das Elend
Hannover Meine Stadt Hannover: Neue Konzepte gegen das Elend
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18:22 13.12.2018
GEHÖRT LÄNGST ZUM STADTBILD: Ein Obdachloser hat sich auf einer Bank in der City niedergelassen.
GEHÖRT LÄNGST ZUM STADTBILD: Ein Obdachloser hat sich auf einer Bank in der City niedergelassen. Quelle: Frank Wilde
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Hannover

Die NP sprach darüber mit Frank Woike (53), Hannovers Beauftragtem für Sucht und Suchtprävention.

Anwohner, Passanten und Händler sind in Sorge wegen der hohen Zahl an Obdachlosen und Suchtkranken rund um den Hauptbahnhof. Sie befürchten, dass eine Konzentration der Hilfsangebote dort auch das Problem vergrößert. Wie sehen Sie das?

Frank Woike Quelle: Wilde

Grundsätzlich sollte zunächst die Hilfe dort angeboten werden, wo sie auch in Anspruch genommen wird. Darum ist als erstes Angebot genau an der Stelle vor 30 Jahren das Kontaktcafé Bauwagen entstanden. Ziel war, die rund um den Raschplatz obdachlosen und suchtkranken Menschen arbeiteten Hilfe anzubieten. Dem sind einige Einrichtungen, besonders in den vergangenen Jahren, gefolgt. Selbstverständlich ist der Bereich um den Hauptbahnhof nicht unbegrenzt belastbar.

Was also tun?

Sozial- und Ordnungsdezernat werden Anfang Januar alle Träger von Einrichtungen und weiteren Hilfsangeboten sowie die Polizei und Sicherheitsdienste rund um den Hauptbahnhof/Raschplatz einladen. Gemeinsam sollen Ziele und Hilfsangebote besprochen und abgestimmt werden. Die Politik hat für dieses Programm im kommenden Jahr 50 000 Euro und in den Folgejahren jeweils 200 000 Euro eingesetzt, um neue Hilfsangebote zu schaffen.

Bislang gibt es Angebote akzeptierender Drogenarbeit und das Kontaktcafé Bauwagen als Raum der Abstinenz. Wo klafft da noch eine Lücke?

Vor allem Unterbringungsmöglichkeiten fehlen. Das könnten Notschlafplätze sein oder Wohnangebote. Wünschenswert wären außerdem ein Hygienecenter (mit Duschen, Toiletten und Waschmaschinen) und der Ausbau der Straßensozialarbeit. Kontrolle allein reicht nicht – es bedarf auch sozialarbeiterischer Angebote.

Wie groß ist die Zahl der Suchtkranken und Obdachlosen in der City und wie viele Armutsmigranten aus Südosteuropa gehören dazu?

Wir gehen von 400 Obdachlosen aus. Die Zahl der suchtkranken Menschen ist auf jeden Fall größer. Zu den Armutsmigranten habe ich keine belastbare Zahl. Viele von ihnen sind gar nicht registriert. Sie haben auf die Freizügigkeit in der EU gesetzt, beziehen aber keinerlei Unterstützung, weil ihnen der Rechtsanspruch fehlt. Sie müssten fünf Jahren sozialversicherungspflichtig beschäftigt gewesen sein, um beispielsweise Arbeitslosengeld beziehen zu können.

Der Fachbereich Soziales bietet Armutsmigranten ein Ticket zur Heimreise an. Offenbar nutzen das nur sehr wenige. Warum?

Auch in der Heimat fehlen den Betroffenen die Perspektiven. Selbst wenn sie hier auf der Straße leben müssen, scheint ihnen das die geringere Not.

Von Vera König