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Meine Stadt Hannover: Müssen Lehrer mit Gewalt leben?
Hannover Meine Stadt Hannover: Müssen Lehrer mit Gewalt leben?
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15:07 17.01.2017
Von Britta Lüers
Die Gerhart-Hauptmann-Realschule in der List. Quelle: Droese
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Hannover

Es sind Fälle wie dieser: Gerhart-Hauptmann-Realschule, Groß-Buchholz, der 28. Oktober. Ein Siebtklässler bedrängt seinen Lehrer im Unterricht, er will ihm ein Bein stellen. Der Junge gilt schon länger als „nicht ganz einfach“, bereits drei Tage zuvor hat er im Sportunterricht einen Klassenkameraden attackiert. Zwei Vorfälle binnen drei Tagen. Dabei ist der Schüler erst seit diesem Schuljahr auf der Realschule. Auch auf seiner vorherigen Schule soll er einen Lehrer angegriffen haben – und provozierte so seinen Verweis.

Die Landesschulbehörde lehnte einen weiteren Schulrauswurf ab, der Junge kam in eine Parallelklasse. Der angegriffene Lehrer soll nun selber über einen Versetzungsantrag nachdenken – aus Angst vor dem Jungen. Und die Schulleitung: schweigt.

Laut der Gewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) ist das ein symptomatisches Vorgehen. „Das Problem wird nur verlagert“, so die Vize-Vorsitzende Gitta Franke-Zöllmer. Die „erschütternde Gewissheit“ der Ge-werkschaft: Gewalt gegen Lehrer ist kein Einzelfall.

Udo Beckmann mochte da auch nichts beschönigen. Der Bundesvorsitzende der Lehrergewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) fand deutliche Worte, als er im November die Ergebnisse der Forsa-Umfrage „Gewalt gegen Lehrkräfte“ vorstellte: „Es ist skandalös, so zu tun, als sei es Bestandteil des Berufes, sich beleidigen, belästigen und körperlich angreifen zu lassen.“ Die Ergebnisse der Umfrage hatten auch die Gewerkschaft erschüttert: Demnach erlitt jeder fünfte Lehrer in den vergangenen fünf Jahren körperliche Gewalt im Klassenraum. Rechnet man verbale Angriffe hinzu, sind sogar 55 Prozent der Lehrkräfte betroffen. Beckmann: „Wir lassen uns nicht mehr erzählen, dass Gewalt gegen Lehrer Einzelfälle sind. Erschütternde Gewissheit ist: Das sind sie nicht!“

Und so darf der Angriff des Siebtklässlers auf seinen Lehrer Ende Oktober an der Gerhart-Hauptmann-Realschule nicht als Einzelfall abgestempelt werden.
 Doch während der Lehrerverband von einer drastischen Zunahme der Zahlen spricht, klingt die Bewertung bei der Niedersächsischen Landesschulbehörde anders. „Gewalt gegen Lehrer kommt hin und wieder vor. Aber uns wird das nicht übermäßig häufig berichtet“, so Sprecherin Bianca Schöneich. Allerdings seien Schulen nicht verpflichtet, der Behörde solche Vorfälle mitzuteilen.

Eben diese Behörde hatte es nach dem Vorfall an der Groß-Buchholzer Realschule abgelehnt, den Siebtklässler, der schon in der Vergangenheit durch aggressives und gewalttätiges Verhalten negativ aufgefallen war, von der Schule zu werfen. Nun wird der Junge in einer Parallelklasse unterrichtet, zudem hat die Schulbehörde eine Schulsozialpädagogin eingesetzt. Schöneich: „Die soll sich nun um den Schüler kümmern.“ Die Sprecherin fügt hinzu: „Bei groben Pflichtverletzungen sind Ordnungsmaßnahmen zulässig. Diese müssen geeignet, erforderlich und verhältnismäßig sein. Ziel von Erziehungsmitteln und Ordnungsmaßnahmen ist es, Schüler von künftigem Fehlverhalten abzuhalten.“

Pädagogisch klingt das stimmig. Doch wie sieht es mit dem Opferschutz aus? Denn wie die NP erfuhr, soll sich der angriffene Realschullehrer trotz der Versetzung des Schülers in eine Parallelklasse nicht mehr sicher fühlen. Schulleiter Klaus Ihl lehnte gestern eine Stellungnahme dazu ab. Nach Auskunft der Schulbehörde soll Ihl jedoch keine weitere Gefahr für den Lehrer sehen, „da es keine Berührungspunkte mehr zwischen Schüler und Lehrer gibt“. Gitta Franke-Zöllmer, stellvertretende VBE-Bundesvorsitzende, hält die Versetzung in eine Parallelklasse „für keine Lösung. Das Problem wird nur verlagert.“ Das Schweigen der Schulleitung sei jedoch symptomatisch für das gesamte Thema, so die Gewerkschafterin: „Im Prinzip wird nichts nach draußen getragen, weil Schulen durch solche Schlagzeilen befürchten, in ein schlechtes Licht gerückt zu werden.“