Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Hannover: Lebensretter gesucht – wer ist Michelles Gen-Zwilling?
Hannover Meine Stadt Hannover: Lebensretter gesucht – wer ist Michelles Gen-Zwilling?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:46 16.08.2019
Hannover: Michelle Hohbein (19) mit ihrem Freund Christian Scharnhorst (25) in der MHH. Quelle: Rainer-Droese
Hannover

Michelle sucht ihren Helden!“ So betitelt das Norddeutsche Knochenmark- und Stammzellspender-Register (NKR) das Plakat und die Aktion für die 19-Jährige aus Rethen. Held gesucht für eine Heldin. Eine, die sich mit einer unglaublichen Tapferkeit einem sehr bösen Feind stellt. Jede Sekunde, jede Minute, jede Stunde kämpft Michelle Hohbein gegen den Krebs, der ihr bereits das zweite Mal den Krieg erklärt hat. Doch um die Chance auf einen zweiten Sieg zu erhöhen, braucht sie die Stammzellspende eines genetischen Zwillings. Eines Helden, wie das NKR die Person nennt.

Max Krüger (30), der in einer Unternehmensberatung für das Personalmanagement zuständig ist, ist so ein Held. Einfach, weil seine Frau, Kommunikationscoach Mireya, und er sich irgendwann im Jahr 2015 typisieren ließen. Weil er, ohne zu zögern, 2016 seine Stammzellen für einen unbekannten Menschen gab. Und dessen Leben damit rettete. „Es waren zwei Pikser und dann wurde mir in der Berliner Charité Blutplasma abgezapft, ich lag vier Stunden auf der Liege und brauchte nicht einmal Knochenmark zu spenden“, erzählt der frisch gebackene Vater aus Döhren, der sich niemals als Held bezeichnen würde.

Aktion für Michelle

Es tut nicht weh und kostet nur etwas DNA: Am Sonnabend können sich Menschen zwischen 17 und 55 Jahren als Stammzellspender typisieren lassen. Durchgeführt wird die Aktion in der Zeit von 12 bis 17 Uhr unter „Michelle sucht ihren Helden“ vom Norddeutschen Knochenmark- und Stammzellspender-Register (NKR) einmal am Nordufer des Maschsees beim NRK-Entenrennen.

Und da Michelle aus Rethen kommt, findet zur selben Zeit eine Typisierungsaktion in Rethen statt – allerdings findet die aufgrund des extrem hohen Zuspruches nicht in der alten Feuerwehrwache (Braunschweiger Straße 4) statt, sondern Haarwerk Rethen und Rethen Rockt e.V. haben kurzfristig entschieden, die Aktion im Rethener Familienzentrum Braunschweiger Straße 2D Rethen (ca. 30 Meter rechts von der alten Feuerwache entfernt) durchzuführen. Die Räumlichkeit ist für eine sehr viel höhere Personenzahl ausgelegt. Wer nicht Stammzellen spenden kann oder mag, kann auch Geld für die Kosten der Typisierung spenden: Volksbank BraWo, Iban: DE89 2699 1066 0650 6500 00, Stichwort: Hilfe für Michelle. Weitere Infos unter: www.lebenschenken.de

Ein Jahr später bekam er von seinem genetischen Zwilling in den USA einen Brief, in dem dieser sich für die Lebensrettung bedankte. Seitdem stehen Brian (56) und Max Krüger in lockerem Email-Kontakt, tauschen Infos und Fotos aus. „Wenn man sich darüber Gedanken macht, ist es etwas Schönes, etwas Besonderes. Das ist nicht jedem vergönnt“, beantwortet er die Frage, wie es ist, ein Leben gerettet zu haben. Aber: „Es ist einfach selbstverständlich, dass man sich typisieren lässt und mitmacht, wenn es einen Treffer gibt“, findet er.

Hannover: Max Krüger hat bereits gespendet – und damit einem US-Amerikaner geholfen. Quelle: Droese

Max Krüger ist leider nicht der genetische Zwilling für Michelle Hohbein, aber verwandt sind die beiden seit einiger Zeit schon. Krüger ist nämlich mit Mireya (29), der Tochter von Michelles künftigen Stiefvater Marcell Zangenmeister (52) verheiratet. „Es gibt uns unglaublich viel Hoffnung, dass wir dank Max wissen, dass es eine Heilung gibt“, sagt Zangenmeister. „Es zeigt, dass es etwas bringt, wenn Menschen sich typisieren lassen“, sagt Michelle Hohbein. „Die Aktion am Sonnabend betrifft ja nicht nur mich. Je mehr es machen, desto mehr Leuten kann geholfen werden“, sagt sie in ihrem Bett auf der MHH-Krebsstation.

Mindestens 80 Prozent gleiche Gene

Jene Station, die höchstens zwei Besucher pro Patient nur mit Mundschutz und frisch desinfizierten Händen betreten dürfen. Denn hier liegen Menschen, die wie Michelle keinen weiteren gesundheitlichen Gefahren ausgesetzt werden dürfen. Menschen, die ihre Chemotherapie bekommen oder darauf warten. Und darauf, dass sich irgendwo auf der Welt jemand typisieren lässt, der mindestens zu 80 Prozent die gleichen Gene hat. Weil dies oft die einzige Chance zum Überleben ist.

Michelle benötigt möglicherweise Gene aus dem asiatischen Raum. „Meine Mutter ist Koreanerin und die Ärzte sagen, die Chancen für Michelle steigen, wenn jemand einen koreanischen Anteil in sich trägt“, sagt Susanne Hohbein (45), die genau weiß, was auf ihre Tochter jetzt wieder alles zukommt. Seit am vergangenen Freitag, am 9. August, die Krankheit diagnostiziert wurde. Die vermutete Sommergrippe, blaue Flecken, Schwindelgefühle erwiesen sich im Blutbild als Leukämie. Seitdem ist sie wieder in der MHH. Und die Familie stürzte in ein albtraumhaftes Déjà-vu.

Emotionale und körperliche Achterbahn

Rückblende 2014: Einen Tag vor ihrem 14. Geburtstag fällt die normale Welt des Teenagers in sich zusammen. Das Mädchen, das gern reitet, tanzt, Freunde trifft, liest, mit ihrem Hund tobt und das gern zur Albert-Einstein-Schule in Laatzen geht ( „Ich habe Ehrgeiz und will immer viel schaffen“), erhält die Diagnose Krebs. „ALL, Akute Lymphatische Leukämie“, sagt Michelle mit jener Selbstverständlichkeit wie andere ihren Namen buchstabieren. Bis 2016 gehört der Begriff zu ihrem Leben, „ein Jahr lang intensive Therapie mit Chemotherapie, ein Jahr Chemo nur noch in Tablettenform“, erinnert sie sich.

Hannover: Michelle Hohbein (19) mit ihrer Mutter: Susanne Hohbein (45) und Stiefvater Marcell Zangenmeister. Quelle: Droese

Wie war das damals? „Es war unbeschreiblich. Ich war so jung, mir war zunächst gar nicht bewusst, was es bedeutet“, erzählt Michelle – und macht dabei einen recht abgeklärten Eindruck. Die Informationen sickern nach und nach auch in ihr Bewusstsein. „Zuerst kam es mir vor wie eine Grippe, aber je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr wurde mir bewusst, was das für eine Krankheit ist.“ Das Mädchen, ihre Familie und die Ärzte nehmen den Kampf auf. Mit Erfolg. „Die letzte Chemo-Spritze gab es am 12. Juni 2015, das war so ziemlich das beste Gefühl, das man haben kann. Ich kann mich daran erinnern, als wäre es gestern.“

Die Zeit dazwischen eine emotionale und körperliche Achterbahn: schlimmste Übelkeit, „Matsch im Kopf“ und Schwindel nach der Chemo, Hoffnung und Hochgefühle dazwischen, Enttäuschungen auch über überforderte Freunde, die sich von der Kranken abwenden und Erleichterung über jene, die bei der Stange bleiben. „Die anderen können ja nichts tun“, sagt Michelle und weiß um den inneren Konflikt derer, die sie lieben. „Das wird auch dieses Mal so sein, meine Eltern leiden darunter, mich leiden zu sehen.“ Wie ihre Freunde auch. Sie will für ihre Freunde da sein, die ein normales Leben mit Liebeskummer und Stress an Uni oder Arbeitsplatz haben. „Ich versuche, vieles schöner zu formulieren als es eigentlich ist. So lange es eben geht. Ich weiß, der Moment wird kommen, wo es härter wird.“ Wenn die Verzweiflung sich mit der Wut auf diese heimtückische Krankheit ablöst. Wenn immer wieder die Frage nach dem Warum aufkommt, auch wenn Michelle weiß, dass „das eine Laune der Natur ist“. Wenn monatelange Krankenhausaufenthalte auf das Gemüt gehen so wie damals, als sie auf der Kinderkrebsstation lag. „Immerhin durfte ich ab und zu nach Hause. Und wenn es nur für einen Tag war“, sagt Michelle heute.

Krieg im eigenen Körper

Das ist ihr dieses Mal verwehrt. Die Gefahr einer Infektion ist zu groß. Ein paar wenige Quadratmeter hat das Krankenzimmer, vier Betten mit vier schwerkranken Frauen, spazierengehen ist „nur ein paar Schritte“ auf dem nicht sonderlich einladenden Stationsflur erlaubt. „Nur weil ich volljährig bin, heißt es nicht, dass ich auch erwachsen bin“, sagt sie und man merkt, dass sie sich ein wenig auf die Kinderonkologie zurück wünscht. „Damals konnte ich wenigstens mal raus und spazieren gehen, das hier hat schon etwas von eingesperrt sein.“

In etwa zwei Wochen wird ihr wohl nicht mehr sehr nach spazieren gehen sein. Das kennt sie noch von damals. Ab Donnerstag fließt die erste Chemo durch den Katheter in ihren Körper. Ab dann heißt es: Zähne zusammenbeißen und irgendwie durchhalten, auf die Briefe, Fotos und Glücksbringer an ihrem Tisch schauen und irgendwie Kraft daraus ziehen. Wenn die Übelkeit so schlimm wird, dass man das abgeklärteste Mädchen der Welt sein kann und trotzdem nur noch weinen will. Wenn der Krieg im eigenen Körper tobt: Es ist ein Chemieeinsatz gegen angreifende Krebszellen, manche sagen: Mit dem Beelzebub den Teufel verjagen.

Ein Leben wie vor der ersten Diagnose gab es bereits dazwischen nicht. „Man geht nicht zurück und hat seinen Alltag, die Chemo ist auf die Knochen gegangen, die Nebenwirkungen brachten Konzentrationsschwächen, man durfte auch nicht alles essen, aber man machte das Beste daraus.“ Ihr Ehrgeiz war nicht angegriffen, „die Schule habe ich durchgezogen, immerhin hatte ich einen Durchschnitt von 2,3, obwohl ich so lange fehlte.“

„Dass so etwas zwei Mal passiert, ist unfassbar“

Die Familie ist jetzt ständig bei ihr. Die Freundinnen wechseln sich mit Besuchen ab. Ihr Freund Christian Scharnhorst (25), mit dem sie erst seit sechs Monaten zusammen ist, steht und sitzt an ihrer Seite. „Wir haben uns in der Disko kennengelernt“, sagt der Landschaftsgärtner, der täglich zu ihr in die MHH fährt. „Das war schon ein Schock, ich kannte vorher niemanden mit einer solchen Krankheit, das ist schon ziemlich schwierig.“ Die beiden versuchen Normalität zu leben - soweit es irgendwie geht. „Klar dürfen wir uns küssen, aber es flossen auch schon Tränen“, sagt er und nimmt seine Freundin in den Arm.

Hannover: Michelle Hohbein (19) lässt sich Mittwoch ihre Haare abschneiden. Quelle: Droese

In der Normalität wähnte sich die ganze Familie - bis vor kurzem. „Ich hatte nicht mehr laufend daran gedacht, dass Michelle erst nach sieben Jahren als gesund gilt“, sagt ihre Mutter, Sozialversicherungsangestellte bei der Deutschen Rentenversicherung in Laatzen. Frohe Nachrichten hatten die schlimme Zeit der Krankheit verdrängt. Michelle machte das Abitur und wurde Bufti, arbeitete seit März für den Bundesfreiwilligendienst in den hannoverschen Werkstätten in Rethen. „Ich hatte mich auch schon für einen Studienplatz beworben und hätte jetzt die Auswahltests gehabt, ich will Wirtschaftspsychologie in Göttingen oder Hannover studieren“, so Michelle. „Wir hatten Konzerte, Ausflüge, Partys, Zoobesuche geplant.“ Mit der Hochzeit von Mireya und Max und ihrem Baby kam eine neue Familie dazu. Susanne Hohbein und Projektmanager Marcell Zangenmeister, die sich 2015 kennen und lieben gelernt hatten, beschlossen selbst zu heiraten, „das Datum 12.9.2020 steht“, sagen die beiden. „Man kann ja immer noch absagen“, fügt Susanne Hohbein dazu und nun bricht auch ihre Stimme. „Dass so etwas zwei Mal passiert, ist unfassbar. Man sucht nach einem Auslöser, nach einen Grund, warum es noch einmal kommt. Man ist wie gelähmt, man denkt, das kann doch jetzt nicht sein.“

Am Mittwoch ließ Michelle sich ihre hüftlangen Haare abschneiden und spendet sie für Perücken - für krebskranke Frauen. „Meine Haare sind damals nach der Chemo lockig nachgewachsen, das tut schon ein bisschen weh“, sagt sie. „Aber das ist mein kleinstes Problem.“

Von Petra Rückerl

Zum dritten Mal hat sich das Nordufer des Maschsees in einen Ideen-Boulevard verwandelt. Dabei haben Start-ups und Konzerne ihre digitalen Projekte vorgestellt. Die NP hat sie unter die Lupe genommen.

14.08.2019

Am 18. Mai wurde Gertrud von Hindenburg auf dem Stöckener Friedhof begraben. Ihre letzte Ruhestätte fand sie dort jedoch nicht. Hannover war nur der Auftakt der verrückten Reise ihrer sterblichen Überreste. Am Ende landete sie mit ihrem Ehemann Paul an einem Ort, mit dem die beiden eigentlich nichts zu tun hatten.

14.08.2019

In Hannover-Bothfeld sind am Mittwochmorgen offenbar 40 Pferde von einer Weide entlaufen. Laut Polizei Hannover sind alle flüchtigen Tiere wieder eingefangen.

14.08.2019