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Meine Stadt Urteil: Kinderarzt für Sprachstörung eines Mädchens verantwortlich
Hannover Meine Stadt Urteil: Kinderarzt für Sprachstörung eines Mädchens verantwortlich
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00:17 28.09.2018
Quelle: dpa
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Hannover

Im Mai 2014 berichtete die NP das erste Mal über Melisas Klage gegen ihren Kinderarzt. Nun hat das Landgericht Hannover entschieden, dass der erfahrene Mediziner einen schweren Behandlungsfehler begangen hat. Er muss 8000 Euro Schmerzensgeld an das Mädchen (mittlerweile 13) zahlen. Er hatte eine Schallempfindungsstörung bei dem Kind übersehen und die Überweisung an einen HNO-Arzt unterlassen – und das über Jahre. Bereits bei der Geburt hatte das Neugeborenen-Hörscreening bei Melisa den Verdacht einer Schwerhörigkeit nahegelegt.

Familie hat Rechtsschutzversicherung

Doch nach den vielen Gutachten und dem langen Verfahren mutet das Ganze wie ein Pyrrhus-Sieg an. Denn die Familie hatte 60 000 Euro Schmerzensgeld gefordert. Ihr Anwalt hatte sich bei dieser Forderung an vergleichbaren Fällen orientiert. „Da werden wir wohl in die Berufung gehen“, meint der Anwalt. Zum Glück hat die Familie eine Rechtsschutzversicherung, denn die Verfahrenskosten dürften das Schmerzensgeld auffressen – wegen der medizinischen Gutachten. Denn die Kammer hat entschieden, dass der Kläger 89 Prozent der Verfahrenskosten tragen muss.

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Gerichtssprecher Hans-Christian Rümke begründet das Urteil der 19. Zivilkammer: „Der Verlauf der Krankheit wäre auch bei einer früheren Behandlung kein anderer gewesen. Allerdings wäre bei einer früheren Therapie die Sprachprobleme des Kindes weniger dramatisch gewesen.“ Und dieses Versäumnis liege in der Verantwortung des Arztes.

Kinderarzt wiegelte ab

Im Juli 2018 hatte ein Gutachter (60) über das Sprachvermögen des Kindes befunden. Im Bereich der Grammatik und des Wortschatzes leide das Mädchen unter Sprachentwicklungsstörungen. Allerdings seien diese Handicaps im Vergleich mit früher therapierten Kindern relativ gering.

Unbegreiflich bleibt, warum der Kinderarzt nicht handelte. Ein Gutachter (ebenfalls Kinderarzt) meinte, dass sein Kollege an 17 (!) Entscheidungspunkten keiner der Anforderungen an seine spezifische Berufsausbildung entsprochen habe. So vertröstete er über Jahre die Eltern von Melisa. Auf den Hinweis, dass das Mädchen im Alter von drei Jahren weniger spreche als ihr zwei Jahre jüngere Bruder, wiegelte der Arzt ab: Manche Kinder sind spät dran. Eine Überweisung zum HNO-Arzt habe er nicht ausgestellt, weil die sowieso „nur zerrissen“ werde.

Von Thomas Nagel