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Meine Stadt Hannover: Historikerstreit um Hindenburg
Hannover Meine Stadt Hannover: Historikerstreit um Hindenburg
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18:19 18.11.2019
SOLL WEICHEN: Die Hindenburgstraße soll umbenannt werden, Kritiker werfen dem städtischen Beirat Geschichtsverdrehung vor.
Hannover

Die Adresse war passend gewählt: Die drei Vertreter der Anwohner-Initiative, die man vielleicht „Rettet die Hindenburgstraße“ nennen könnte, wenn sie sich denn einen Namen gegeben hätte, hatten ins Hindenburg Klassik gebeten. Einem kleinen, feinen Lokal im Viertel – noch – gleichen Namens. Falco Schickerling ist Anwalt und Notar, und seine Kanzlei liegt eben in jener umstrittenen Hindenburgstraße. Er befürchtet etwa für seinen Geschäftsverkehr erhebliche auch finanzielle Belastungen bei der geplanten Umbenennung der Straße.

Mitstreiter Ludwig Meyer, 83-jähriger Jurist und ehemals SPD-Ratsherr, wohnt gefühlt schon immer hier und möchte wie auch Anlieger Heinz-Jürgen Brink nicht von dem gewohnten Namen lassen. Vor allem nicht unter ihrer Ansicht nach fadenscheinigen Gründen. Dass Paul von Hindenburg nicht gerade der richtige Mann für den Präsidentenposten der untergehenden Weimarer Republik gewesen war, zweifeln sie nicht an. Ihn aber gar zum Steigbügelhalter Adolf Hitlers zu stilisieren, halten sie für überzogen.

MIT HINDENBURG IM RÜCKEN: Ludwig Meyer, Falco Schickerling und Heinz-Jürgen Brink kämpfen für den Erhalt des Straßennamens. Quelle: Dröse

Die Empfehlung des Beirats zur „Wissenschaftlichen Betrachtung von namensgebenden Persönlichkeiten“, die Hindenburgstraße umzubenennen, kontern sie nun mit einem wissenschaftlichen Gegengutachten, da sie die fachliche Qualifikation des Beirats anzweifeln. Unter den Unterzeichnern befinden sich einige ausgewiesene Historiker, darunter Prof. Thomas Vogtherr, ehemaliger Vorsitzender der Historischen Kommission Niedersachsen und Bremen sowie ursprünglich ebenfalls Mitglied des Beirats der Stadt, aber schon vor der Empfehlung aus persönlichen Gründen ausgeschieden.

Beirat ohne fachliche Qualifikation?

Der Beirat hingegen wird zwar wissenschaftlich von drei Historikern beraten, als einzige „Fachkraft“ jedoch befindet sich mit Axel Ehlers ein Geschichtslehrer der Leibnizschule in dem Gremium. Ansonsten ist es mit Vertretern des DGB, der Kirchen und der jüdischen Gemeinden besetzt. Die kurz auf einer Seite zusammengefasste Expertise zu Paul von Hindenburg, mit der die Empfehlung zur Straßenumbenennung begründet wurde, werfe in ihrer Verkürzung ein falsches Bild auf die historische Persönlichkeit, so das Fazit der Gegengutachter.

Das städtische Gutachten zeichne „ein zu einseitiges Bild“, heißt es dort. Es enthalte zudem Ungenauigkeiten und berücksichtige zu wenig aktuelle Forschungsergebnisse sowie zeitgenössische verfassungsrechtliche Ansichten. Es sollten nicht nur Bewertungskriterien der heutigen Zeit ausschlaggebend sein, sondern „in gleichem Maße eine Bewertung der jeweiligen Person in ihrem historischen Kontext“.

Hindenburg als gescheiterter Retter?

In dieser Lesart wird aus dem vermeintlichen Verfassungsfeind Hindenburg beinahe schon ein tragisch gescheiterter Retter der Republik. In der neueren Forschung werde er als das „stabilisierende Element in einem kaum zu überbietenden Parteiparlamentarismus angesehen“. Das Entmachten des Parlaments durch Einsetzen der Präsidialkabinette sei nicht zwingend als Verfassungsbruch anzusehen.

Auch das neue Gutachten konstatiert bei Hindenburg wesentliche politische Fehler, räumt aber ein, dass auch die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler ein Versuch gewesen sei, die Republik vor einem Militärputsch zu bewahren. Auch die bürgerlichen Parteiführer hätten darauf verwiesen, „dass die Berufung Hitlers die einzige verfassungsmäßige Lösung darstelle“.

Nach der Unterzeichnung des Ermächtigungsgesetzes habe Hindenburg an Gesetzgebungen nicht mehr aktiv teilgenommen. Deshalb sei auch der Vorwurf, etwa den Boykott jüdischer Geschäfte mitgetragen zu haben, falsch. Im Gegenteil habe Hindenburg „schwerste Bedenken“ gegen einen solchen Boykott geäußert und sich auch bei dem Gesetz zur „Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ für jüdische Beamte eingesetzt.

Verweis auf deutsche Kollektivschuld

Zusammenfassend kritisiert das aktuelle Gutachten, dass es sich der Beirat zu einfach gemacht habe, in dem er „einige (zum Teil ungenaue) Fakten aneinanderreiht, die in ihrer Auswahl und Art der Auflistung zwangsläufig zu einem vollständig negativen Bild Hindenburgs führen müssen, ohne die jeweiligen Hintergründe ausreichend mit in den Blick genommen zu haben.“ Es wäre gerade im Fall Hindenburg weniger auf die Schuld seiner Person zu verweisen, als vielmehr „auf die Schuld der gesamten deutschen Gesellschaft“.

Die Entscheidung über die Umbenennung liegt beim Bezirksrat Mitte, der diese auch bereits beschlossen hatte. In einem Beteiligungsverfahren wurden alternative Straßennamen gesucht, woraus derzeit eine Vorschlagsliste erarbeitet wird. „Durch diese Vorauswahl nur eine Art Augenwischerei“, kritisiert Falco Schickerling. „Nicht gerade basisdemokratisch.“ Zumal die zahlreichen Eingaben, den Namen Hindenburg zu belassen, dabei unter den Tisch fielen.

Differenziertes Verfahren gefordert

Die Initiative fordert nun, das Verfahren erst mal auszusetzen, um die neuen Gesichtspunkte zu prüfen. „Man kann ja umbenennen“, so Schickerling, „aber auf Basis eines differenzierten Verfahrens.“ Die Unterzeichner des Gutachtens empfehlen, statt der Umbenennung lieber Informationstafeln anzubringen, um so die historische Auseinandersetzung zu fördern.

Die Stadt bestätigte am Montag den Eingang des Gutachtens, das dem Bezirksrat zur Verfügung gestellt werde. „Der Stadtbezirksrat entscheidet, ob und wie mit dem neuen Gutachten umgegangen wird“, so Sprecherin Anja Menge. „Die Stadt bietet dem Stadtbezirksrat an, das neue Gutachten durch den Bereich Städtische Erinnerungskultur auf wissenschaftlicher Basis einzuschätzen.“ Dessen Leiter Karljosef Kreter war auch beratendes Mitglied im Beirat.

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Von Andreas Krasselt

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