Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Hannover: Heftige Kritik an Gardemins Rechts-Verdacht
Hannover Meine Stadt Hannover: Heftige Kritik an Gardemins Rechts-Verdacht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:55 28.06.2019
Der Schützenausmarsch hat eine lange Tradition – ist er deswegen anfällig für rechte Tendenzen? Quelle: Thomas
Anzeige
Hannover

Mit diesem Shitstorm hatte Daniel Gardemin nicht gerechnet. Mit seinem Kommentar auf einen harmlosen Hitze-Post zum Schützenausmarsch auf Facebook eine gewaltige Lawine ausgelöst – auch innerhalb der eigenen Partei schlägt ihm massive Kritik entgegen. Der Ratsherr der Grünen hatte anlässlich des Mordes an Walter Lübcke eine Verbindung zwischen Rechtsextremismus und Schießsport gezogen.

„Ich wusste ja gar nicht, was ich damit lostrete“, sagte er am Freitag zur NP. Er habe zu flapsig formuliert und niemanden verletzen wollen. Die Reaktionen indes findet er unverhältnismäßig – und wohl auch den Zeiten des Wahlkampfs geschuldet. „Das war ja keine Pressemitteilung von mir oder der Fraktion, sondern ein privater Austausch zwischen mir und dem SPD-Ratsherrn Lars Kelich.“ Es tue ihm Leid, wenn er dadurch Menschen verletzt haben sollte, die in den Vereinen gute Arbeit leisteten.

Anzeige

„Ich empfinde Wut“

Verletzt fühlten sich in der Tat viele. Andreas Pieper zum Beispiel. „Ich empfinde Wut, weil er nicht mit den Leuten redet“, sagt er. Pieper ist SPD-Mitglied, Beisitzer im Vorstand des Stadtverbands, beratendes Mitglied im Sportausschuss des Rats – und aktiver Schütze. Vor zwei Jahren war er als Bruchmeister verpflichtet worden.

„Ich habe mich schon früher gegen Rechts engagiert, etwa bei den Demos gegen den Thor-Steiner-Laden an der Podbi“, betont er. Seit vier Jahren ist er Mitglied in einem Schützenverein. „Ich habe natürlich auch mal gefragt, wie das denn mit den Rechten sei“, erzählt er. Die Antworten waren so beruhigend wie seine eigenen Erfahrungen: „Wenn einer auffällt, kriegt er eine Verwarnung, beim zweiten Mal fliegt er raus.“ Jedes Neumitglied müsse auch eine zweimonatige Kennenlernphase mitmachen, bevor letztlich der Vorstand über die Aufnahme entscheide.

„Es wird im Schützenverein nicht über Politik gesprochen“, so Pieper. „Das ist nicht erwünscht.“ Natürlich gebe es auch mal Stammtischgerede. „Das ist wie in anderen Vereinen auch.“ Wenn dumme Sprüche kämen, würde man darüber reden. „Dann lassen die das“, sagt Pieper.

Doppelt so viele AfD-Wähler?

Ganz die heile Welt ist das Schützenwesen aber vielleicht doch nicht. Auch Christian Pfeiffer, ehemaliger Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, meint, dass unter Schützenbrüdern und -schwestern der Anteil an AfD-Wählern doppelt so hoch sein dürfte, wie in anderen Gruppen. „Es war allerdings eine Dummheit, zu behaupten, dass das größere Ausmaße annimmt. Gardemin hat mit seiner Pauschalverunglimpfung den Mund zu voll genommen“, so Pfeiffer. „Der Großteil der Mitglieder in Schützenvereinen ist friedvoll.“

Es sei allerdings eine banale Erkenntnis, dass die Nähe zu Waffen solche Menschen anziehe. Pfeiffer: „Das gilt aber genauso für Polizei und Bundeswehr. Überall, wo bewaffnete Männer Respekt bekommen und Uniformen getragen werden, gibt es einen höheren Anteil an Rechten als in der übrigen Bevölkerung.“

„Dummes Zeug“

Gegenwind bekam Gardemin auch aus den eigenen Reihen. Freya Markowis, Chefin der Ratsfraktion, etwa sagte: „Das ist eine Einzelmeinung und nicht mit der Fraktion abgestimmt. Ich distanziere mich von solchen Äußerungen.“ Sie sei entsetzt gewesen über derartige Aussagen. Michael Dette, stellvertretender Regionspräsident, nannte die Aussagen knapp: „Dummes Zeug.“

Mittlerweile hat sich auch der grüne OB-Kandidat Belit Onay zu Wort gemeldet. „Ich halte es ausdrücklich für falsch, das Schützenfest in einen Bezug zum Mord an Lübcke zu stellen“, sagte er am Freitag zur NP. „Das entspricht nicht der Sachlage.“ Natürlich seien die Vereine in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie nicht von Rechts unterwandert würden. „Das ist aber ein ganz anderes Thema. Das darf man nicht in einem Atemzug miteinander vermengen.“

Onay rät zur Abkühlung der Gemüter

Jetzt sollten sich die Gemüter erstmal abkühlen, rät er. Onay hatte schon einmal im Jahr 2012 bei einem ähnlichen Zwist mit der Grünen Jugend vermittelnd eingegriffen. Damals waren die jungen Kritiker zu einem Besuch des Schützenfests eingeladen worden. Onay selbst wird auch am Sonntag beim Schützenausmarsch dabei sein. „Ich freue mich darauf, viele Gespräche mit Schützen führen zu können.“

Gespräche sucht jetzt auch Daniel Gardemin. „Ich bin von einem Schützenverein sehr nett eingeladen worden, mir deren Arbeit mal anzuschauen“, berichtet er. „Genau das werde ich machen.“ Doch schon bei dieser Einladung sei ihm auch bestätigt worden, dass es viele Vereine gebe, „mit braunen und blauen Schafen“. Wobei sich das blau auf die Parteifarbe der AfD bezieht.

Hier lesen Sie den Vorbericht:

Ein Ort der Rechten? Streit ums Schützenfest

Von Andreas Krasselt