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Meine Stadt Hannover: Gartenbaustudenten wehren sich gegen Abbau
Hannover Meine Stadt Hannover: Gartenbaustudenten wehren sich gegen Abbau
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14:15 26.06.2019
Jan Fritz vom Fachrat Pflanzenwissenschaften kämpf um seinen Studiengang. Quelle: Wilde
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Hannover

Lässt sich mit Gartenbau tatsächlich kein Blumentopf mehr gewinnen? Das scheint jedenfalls die vorherrschende Meinung in der Leitung der Leibniz Universität zu sein, glaubt man den Studierenden des Fachbereichs, der sich nun „Molekulare und Angewandte Pflanzenwissenschaften“ nennt. Das Fach „Gartenbau“ ist in Hannover seit dem vergangenen Wintersemester Geschichte.

„Dabei ist gerade heute im Zeichen des Klimawandels Forschung über Nachhaltigkeit und neue Anbaumethoden besonders wichtig“, betont Jan Fritz vom Fachrat Pflanzenwissenschaften. Die Studierenden haben am Mittwoch zum zweiten Mal einen „Tag der Pflanzenwissenschaft“ veranstaltet.

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Mit Fachvorträgen und an diversen Infoständen von Firmen und Instituten sowie mit Führungen für Berufsschulklassen wollen sie nicht nur zeigen, dass es Bedarf an Absolventen gibt und entsprechende Kontakte knüpfen. Sie wollen auch auf die Misere ihres Fachbereichs hinweisen: das allmähliche Ausbluten und die Ausdünnung des Lehrangebots. Noch gebe es vier Professoren, die sich alle langsam dem Rentenalter näherten. „Maximal zwei der Stellen sollen wieder besetzt werden“, sagt Fritz.

Pharma-Anwendungen im Vordergrund

Der Masterstudent ist gelernter Gärtner. Nach abgeschlossener Ausbildung habe er sich überlegt, noch ein Studium „draufzusatteln. Damals hatte ich noch den Traum von einer eigenen Gärtnerei. Habe aber irgendwann erkannt, dass ich das vergessen kann.“ Zu großes Risiko. Sein Herz aber gehört dennoch den Pflanzen. „Für die Wirtschaft und die Universität ist Gartenbau aber nicht mehr interessant.“ Mit der sogenannten Wirkstoffkunde gehe es zunehmend um die pharmakologische Anwendung.

Dabei sei der klassische Fachbereich relevanter denn je: Nachhaltige Produktion von Nahrungsmitteln, Verringerung des Einsatzes von Pestiziden, Klimaschutz – alles Themen, welche die Pflanzenwissenschaften lehren und erforschen.

Gartenbau nur noch Hobbyforschung?

Das sieht Uni-Präsident Volker Epping offensichtlich anders. In einem Gespräch mit den Studierenden habe er klar gesagt, dass Gartenbau nach dem Zweiten Weltkrieg wichtig gewesen, heute aber nur noch Hobbyforschung sei, berichtet Fritz.

Die Ausdünnung des Lehrangebots und den Raummangel hat der Student bereits zu spüren bekommen. „Ich hatte mich für dieses Semester auf sieben Module (Lehrveranstaltungen) beworben“, berichtet er. „Wenigstens vier hätte ich belegen wollen, nur zwei habe ich bekommen. So kann ich meinen Abschluss nicht in der Regelstudienzeit schaffen.“

Abbau mit Methode?

Die Gartenbauer stehen mit ihrem Problem nicht allein. Der Abbau der Lehrvielfalt betreffe viele Studienrichtungen, so Asta-Sprecher Nils Heidenreich: „Wo es in den letzten Jahren häufig Geisteswissenschaften getroffen hat, stehen auch kleinere naturwissenschaftliche Studiengänge wie die Gartenbauwissenschaften vor dem Aus.“ Die Muster seien ähnlich. „Trotz einer hohen fachlichen Reputation scheinen die Ausrichtungen der Studiengänge nicht in übergeordnete Pläne der Universitätsleitung zu passen und müssen trotz der absoluten Relevanz von grüner, nachhaltiger Forschung vermeintlich zukunftsträchtigeren Studiengängen weichen“ kritisiert Heidenreich.

Auch an Forschungseinrichtungen wie dem Leibniz Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben (IPK) (Sachsen-Anhalt) sieht man die Entwicklung in Hannover kritisch. „Es war mal das Aushängeschild Hannovers, eine Brücke in die Anwendung zu bilden“, sagt Pflanzenbiotechnologe Robert Hoffie, der mit seinem Stand auf dem Tag der Pflanzenwissenschaft Nachwuchswissenschaftler sucht. „Wenn gerade dieser Bereich unter Druck gerät, fehlt das. Molekularbiologie ist nicht alles“, betont der Forscher. „Man braucht auch Leute, die sich mit Anbautechnologie auskennen.“

Die Universität hält die Vorwürfe indes für gegenstandslos. Der Studiengang „Molekulare und Angewandte Pflanzenwissenschaften“ biete eine zukunftsweisende Alternative zum klassischen Biologie-Studium, so Sprecherin Mechtild von Münchhausen: „An der Naturwissenschaftlichen Fakultät besteht im Bereich der Pflanzenwissenschaften eine an Deutschlands Universitäten fast einmalige Bündelung von Kompetenzen, ausgehend von der molekularbiologischen Grundlagenforschung, über die Biotechnologie, bis zur Anwendung in gartenbaulichen Produktionssystemen.“

Von Andreas Krasselt