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Meine Stadt Hannover: Freispruch für Lebensmittel-Diebe
Hannover Meine Stadt Hannover: Freispruch für Lebensmittel-Diebe
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16:25 26.03.2019
PROTEST: Tobias K. und sein Bruder Björn (von links) legen Lebensmittel auf den Tisch, die sie aus Containern von Supermärkten geholt haben.
PROTEST: Tobias K. und sein Bruder Björn (von links) legen Lebensmittel auf den Tisch, die sie aus Containern von Supermärkten geholt haben. Quelle: Kutter
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HANNOVER

Ein Bild mit Seltenheitswert: Zwei Angeklagte stehen vor Fernsehkameras Rede und Antwort. Tobias K. (42) und sein Bruder Björn (40) standen am Dienstag wegen gemeinschaftlichen Diebstahls vor Gericht. Sie hatten in einem Laatzener Edeka-Markt weggeworfene Lebensmittel aus den Tonnen geholt.

Beispiel für Verschwendung vor Gericht

Wie zum Beweis legten sie Kekse, Popcorn und Baguettes auf einen kleinen Tisch vor dem Amtsgericht. Das war vor dem Prozess. „Wir sind gegen Lebensmittelverschwendung“, sagt Tobias K. vor laufenden Kameras. Und in der Tat ist das ein gesellschaftliches Problem. Statistisch betrachtet wirft jeder Deutsche im Jahr 55 Kilogramm Essen im Jahr weg. Deshalb „containern“ Menschen wie Tobias und Björn K. in Supermärkten. „Es ist nicht generell so, dass die Supermärkte das anzeigen“, sagt Anwalt Rasmus Khalen.

Kampagne „Zu gut für die Tonne“ gestartet

Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat kürzlich die Kampagne „Zu gut für die Tonne“ gestartet. Auf einer Homepage gibt es Informationen, wie man Lebensmittelverschwendung stoppen kann. Doch das Problem im Amtsgericht ist ein anderes. Ist „containern“ Diebstahl oder nicht? Eine Sprecherin der Kampagne erklärte dazu: Dazu könne man nichts sagen. „Wir setzen auf freiwillige Selbstverpflichtung.“

Für die Brüder gab es im Amtsgericht einen Freispruch. Der war aber eher formaljuristischen Gründen geschuldet. Der Filialleiter (37) des Supermarktes nahm die Anzeige zurück. Anwalt Sven Adam hatte ihn geschickt dazu getrieben. Da der Wert der weggeworfenen Ware unter 25 Euro lag, war es ein „Diebstahl geringwertiger Sachen“. Das ist ein Antragsdelikt. Es wird also nur verfolgt bei einer Anzeige. Und da die Staatsanwältin kein öffentliches Interesse sah, gab es den Freispruch.

Richterin spricht von moralischem Dilemma

Richterin Svenja Tittelbach-Helmrich sprach in ihrem Urteil von einem moralischen Dilemma, Leute zu verurteilen, wenn sie weggeworfenes Essen an sich nehmen. Im Falle der Brüder wäre sogar ein gewerbsmäßiger Diebstahl in Frage gekommen. Denn die beiden hatten mit einem Nachschlüssel die verschlossenen Tonnen geöffnet. Auch ein Hausfriedensbruch hätte vorliegen können, war aber nicht angeklagt.

Sein Plädoyer nutzte Anwalt Adam für ein politisches Statement: „Das ist kein Fall für die Strafgerichtsbarkeit, sondern für die gesellschaftliche Aufarbeitung.“ Kuriosum am Rande: Einige der mitgebrachten Lebensmittel auf dem Tisch vor dem Amtsgericht wurden von Leuten aus dem Drogenmilieu „mitgenommen“.

Von Thomas Nagel