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Meine Stadt Kröpcke wird zum Fair-Handels-Zentrum
Hannover Meine Stadt Kröpcke wird zum Fair-Handels-Zentrum
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15:08 14.09.2018
AUFTAKT: Bürgermeisterin Regine Kramarek (rechts mit Mikro) eröffnete die Aktion am Kröpcke. Für musikalische Untermalung sorgte das Jazz-Duo Sebastian Bauer und Felix Lopp.
AUFTAKT: Bürgermeisterin Regine Kramarek (rechts mit Mikro) eröffnete die Aktion am Kröpcke. Für musikalische Untermalung sorgte das Jazz-Duo Sebastian Bauer und Felix Lopp. Quelle: Krasselt
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Hannover

 Fairer Handel hat in Hannover schon lange Tradition. Es gibt zahlreiche Initiativen und Läden, im Rathaus werden seit Jahren nur noch fair gehandelter Kaffee, Tee und Orangensaft serviert. Letztlich aber auch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Das Bewusstsein über die Zusammenhänge zwischen Konsum hier und Ausbeutung dort ist noch ausbaufähig. Helfen soll dabei die Veranstaltungsreihe der „Fairen Wochen“, die in Hannover seit dem 8. und noch bis zum 28. September laufen – zum 13. Mal.

Am Freitag, dem 14. September, war der bundesweite Auftakt. In Hannover Anlass für die traditionelle Präsentation der lokalen Initiativen und Angebote am Kröpcke. Bürgermeisterin Regine Kramarek (Grüne) eröffnete die Veranstaltung kurz nach 11 Uhr. In diesem Jahr stehen die Aktionstage unter dem Motto „Gemeinsam für ein gutes Klima“ und rücken damit neben der ökonomischen Fairness auch den Aspekt des Umweltschutzes stärker in den Mittelpunkt. Denn die industrialisierte Produktion ist nach Ansicht der Aktivisten eben nicht nur unfair den Kleinerzeugern gegenüber, sondern auch umweltschädigend. „Umweltschädigende Produktion schädigt das Klima und verursacht unter anderem Dürren“, so Kramarek.

So zieht sie den Zusammenhang auch zwischen unfairen Produktionsbedingungen, die durch unser Konsumverhalten gestützt werden, und den Gründen, weshalb sich viele Menschen aus der Dritten Welt auf der Flucht befinden. Kramarek: „Wir selbst sind die Verursacher. Die Menschen machen sich auf den Weg, weil es für die keine Alternative gibt.“

Ziel der Veranstaltungsreihe – Vorträge, Diskussionen, Lesungen und sogar ein Kochkurs – sei, das Thema „Fairer Handel“ in Hannover noch präsenter zu machen. Das vollständige Programm steht im Internet unter www.hannover-nachhaltigkeit.de.

In Linden gibt es Faires aus aller Welt

Der Allerweltsladen auf der Limmerstraße 44 (Linden Nord) ist das Traditionsgeschäft in Sachen Fairer Handel in Hannover. Träger ist ein gemeinnütziger Verein mit etwa 25 Mitgliedern. „Wir machen das alle ehrenamtlich“, sagt Uschi Krienert, die den Stand am Kröpcke mit einigen Kolleginnen betreut.

Ursprünglich eine Idee von Schülern und Lehrern der IGS Linden wurde der erste Allerweltsladen bereits 1981 gegründet. Von Anfang an ging es nicht nur um den Verkauf fairer Produkte, sondern auch um Information. Schon damals gab es eine kleine Leihbücherei, deren Umfang sich mit den Jahren immer mehr erweiterte und auch zahlreiche Unterrichtsmaterialien anbietet.

Die Produktpalette umfasst natürlich Kaffee und Tee sowie andere Lebensmittel, aber auch Kunsthandwerk, Bekleidung, Lederwaren und sogar Instrumente. „Wir beziehen das über anerkannte Fair-Trade-Großhändler, auf deren Kontrollen wir uns verlassen können“, erklärt Krienert. „Würden wir selbst importieren, könnten wir nicht garantieren, dass die Sachen wirklich aus fairer Produktion stammen.“

Ginge es nach ihr, würde es nur noch fair gehandelte Produkte geben. „Dann wären es auch keine Nischenprodukte mehr und nicht so teuer. Aber wir können uns nicht immer auf Kosten Anderer ein gutes Leben machen.“ Aber auch kleine Beiträge wären wichtig. „Wir haben in unserem Laden auch Kunden mit wenig Geld. Die kaufen aber dennoch mal Kaffee oder Schokolade bei uns.“ Man müsse eben Prioritäten setzen.

Quelle: Frank Wilde

Warme Farben aus Afrika

Die Contigo-Gruppe ist mit derzeit 23 Läden selbst schon ein Schwergewicht in der Branche – und hat somit maßgeblich Anteil daran, dass Fair-Trade-Waren keine Nischenprodukte mehr sind. Vor gut 20 Jahren in Göttingen gegründet, stand die gleichberechtigte Partnerschaft mit Kleinerzeugern immer im Mittelpunkt. So werden etwa bei jeder Bestellung bereits 50 Prozent des späteren Preises vorab zinsfrei gezahlt, was mitunter die Produktion überhaupt erst ermöglicht.

In Hannover gibt es einen Contigo-Laden in der Lister Meile 74. „Es gibt keine Zwischenhändler“, erklärt Filialleiterin Gunda Frärks. „Wir arbeiten direkt mit den Produzenten zusammen.“ Die sitzen in Afrika, Südamerika und Asien. Die Zusammenarbeit bedeutet für Contigo auch Unterstützung in Notsituationen, wie bei der Firma Kilus von den Philippinen. Nachdem ein Halle abgebrannt war, stand das Unternehmen vor dem Aus. Contigo half mit einer Spendenaktion und dem Wiederaufbau. „Wir lassen unsere Partner nicht fallen, wenn sie in Schwierigkeiten stecken“, betont Frärks.

Das Sortiment von Contigo ist vielfältig. Kilus stellt bunte Taschen aus alten Sunkist-Trinkpäppchen her. Aus Südafrika kommt ein weiteres Recycling-Beispiel in Form von verschließbaren Behältern aus PET-Flaschen. Es gibt farbenfroh handbemaltes Geschirr der Firma Kapula, bekannt auch für deren Kerzen, und vieles mehr.

Quelle: Frank Wilde

Migranten für den Klimaschutz

In dem großen Weltsystem hängt alles mit allem zusammen. Weshalb die Fairen Wochen ja auch das Thema Klimaschutz zu ihrem Motto gemacht haben. Und der berührt eben nicht nur die Länder der Dritten Welt, sondern fängt vor der Haustür an. Insofern ist die Arbeit des hannoverschen Vereins „Migranten für Agenda-21“ auch ein Beispiel für fairen Handel wie für faires Handeln.

Bei den Produkten geht es um regionale Produktion, aber auch um Recycling. Die Marmeladen, die die gut 30 Mitglieder selbst herstellen, bestehen aus Früchten des Bio-Bauernhofs Eschenhof in Springe. Und auch hier wird fair produziert: „Wir helfen auch beim Beschneiden der Obstbäume“, sagt Vereinsvorsitzende Nadiya Dorokhova.

Die Ukrainerin lebt seit 20 Jahren in Hannover, engagiert sich fast eben so lange schon für die Agenda 21. „Es hat mich schon immer begeistert, was man in Deutschland für den Umweltschutz tut“, sagt sie. Ziel ihres Vereins ist es, über das Umweltengagement auch die Integration von Migranten zu fördern.

Ein Schwerpunkt der Arbeit liegt dabei in Haushaltsberatungen in den Stadtteilen Hainholz, Sahlkamp und Mühlenberg, um auch finanzschwachen Familien Wege aufzuzeigen, sich gesund und ökologisch sinnvoll zu ernähren. Daneben aber werden eben auch kleine Produkte hergestellt. Neben den Bio-Marmeladen sind es vor allem die aus recycelten Materialien angefertigten Textilien, eine originelle Mütze etwa aus einer ausrangierten Krawatte. „Alles gute Qualität“, versichert Dorokhova. Derzeit aber nur zu seltenen Anlässen an Ständen zu kaufen. „Wir würden gerne einen Laden in Hainholz eröffnen.“ Das aber sei vorerst nur ein Traum.

Quelle: Frank Wilde

Von Andreas Krasselt