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Meine Stadt Eine Gemeinde trotzt den Kirchenaustritten
Hannover Meine Stadt Eine Gemeinde trotzt den Kirchenaustritten
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21:03 21.07.2019
ORGANISTIN: Kirchenmusikerin Okka Mallek erfreut die Gläubigen in der Friedenskirche mit ihrem zarten Orgelspiel.
Hannover

Fast leere harte Kirchenbänke, verzweifelte Pastoren, die in verwaisten dunklen Kirchen auf Teufel komm’ raus predigen, obwohl keiner zuhört? Nun, hier im Gotteshaus an der Schackstraße 4 (Zooviertel) sind es keine Bänke, sondern ziemlich bequeme Stühle und das helle, lichtdurchflutete Haus ist zumindest halbvoll, „aber nur deswegen, weil gerade Ferien sind“, erzählt die frühere Lehrerin Helga Mozer (76), engagierte Vorständin der evangelisch-lutherische Friedenskirche. Üblicherweise sei die Kirche mit etwa 70 Gläubigen voll. „Und wir sind eine wachsende Gemeinde“, ergänzt der Mediziner Jürgen Steinmann (62), Vorsitzender des ehrenamtlichen Vorstandes, ihre Aussage. In den vergangenen drei bis vier Jahren sei die Zahl der Kirchenglieder von 1700 auf 1800 gewachsen.

Spannende Geschichten

An diesem Sonntag, gerade einmal zwei Tage nach den erschreckenden Zahlen zu den massiven Kirchenaustritten, predigt hier Prädikantin Ilona Kühl (62), die eigentlich zu der Marktkirche gehört. Die Laienpredigerin mit Ausbildung und Lizenz zur Gottesdienstfeier erzählt den etwa 35 zumeist älteren Semestern die durchaus spannende Geschichte von Johannes dem Täufer. Von dessen Vater Zacharias, der an Gott zu zweifeln begonnen hatte, weil seine Erwartungshaltung zu hoch war. Und Johannes selbst, der im Gefängnis dem Irrsinn verfiel, weil seine Erwartungshaltung an Jesus zu hoch war.

Hier hören die Leute zu

Und plötzlich findet sich jeder Zuhörer in dieser Geschichte wieder. Weil sie so unglaublich menschlich ist und eben nicht abgehoben von irgendwelchen weit entfernten Gestalten erzählt. Während die Sonne auf die bunten Himmelsleiter-Bilder im ansonsten wohltuend unprätentiös gestalteten Raum des Gotteshaus scheint, hören die Leute andächtig zu. Darunter die bekannten Rockmusiker Martina Maschke (55) und Ecki Hüdepohl (56), die „immer sonntags kommen, wenn wir keine Auftritte haben“.

Unauffällig einladend: Die Friedenskirche wird bisher nicht von Austritten gebeutelt. Quelle: Behrens

Interesse am Menschen wichtig

Maschke und Hüdepohl wohnen eigentlich in der Südstadt, sind aber 2010 Pastor Arndt von Arnim gefolgt, als er von der Nazarethkirche in die Friedenskirche versetzt worden war. „Er hatte Fans, wir sind zwei davon“, erzählt Martina Maschke mit einer leisen Melancholie in ihrer Stimme. Von Arnim ist am 18. Oktober vergangenen Jahres 64-jährig plötzlich gestorben, die Trauer ist in seiner Gemeinde noch greifbar. Denn nicht nur der Glaube, „die Besinnung, das Auftanken“ locke Menschen in Gottesdienste, ist sich Hüdepohl sicher. „Es kommt auch darauf an, wer da predigt.“ Arndt von Arnim habe immer ein großes Interesse an jedem Menschen gehabt, berichtet Helga Mozer, „er war immer ansprechbar“.

Viele kehren Kirche den Rücken

Wichtig in einer Zeit, in der Gläubige der Institution Kirche den Rücken kehren. Doch warum tun sie dies? „Es gibt verschiedene Gründe“, so Hüdepohl. Und vermutet einen davon in dem Missbrauchsskandal der katholischen Kirche. Das bestätigt Stadtkirchenvorständin Rosemarie Pabst (72), die an diesem Tag zu Besuch ins Zooviertel gekommen ist. „Wir hatten Austritte in der Marktkirche mit eben jener Begründung“, erklärt die Ärztin, „wahrscheinlich wird Missbrauch innerhalb der Kirche noch schwerer gewertet als in der Familie, das Image der Kirchen allgemein nimmt Schaden“. Ja, bestätigt Martina Maschke, „die Erwartungshaltungen sind höher. Man denkt, Christen sind die besseren Menschen, aber das stimmt natürlich nicht“.

Antworten auf die Fragen nach dem Sinn

Einen weiteren Grund für die Austritte sieht Friedensgemeinde-Vorstand Ulrich Qualmann (49) darin, „dass Menschen sich nicht binden wollen“, Kirche werde fälschlicherweise so empfunden, „als würde sie einen in der Individualität einschränken.“ Der Rechtsanwalt dagegen sieht es so, „dass wir nicht allein sind“. Mediziner Neumann findet in der Kirche „Antworten auf die Fragen nach dem Sinn des Lebens“, Rosemarie Pabst beruhigt, dass „wir Geschöpfe Gottes sind“, die aber auch „Verantwortung für andere tragen“ – und richtet ihren Blick auf die diakonischen Dienste, ohne die das Land sehr viel ärmer wäre.

PREDIGT: Ilona Kühl ist Prädikantin, arbeitet sonst in der sozialen Betreuung alter Menschen. Quelle: Behrens

„Die Gleichgültigkeit ist am schlimmsten“, findet Helmut Kühl (73), Pastor im Ruhestand. Viele Leute wollten Dienstleistungen wie Hochzeitszeremonien, Taufen und Trauerfeiern, hätten aber sonst mit der Kirche nichts am Hut. Dabei sei es die Kirche gewesen, „die jahrhundertelang hingefühlt hat in unsere Gesellschaft und Kultur“, sie habe die Gesellschaft vor einer egomanischen Lebensweise bewahrt. „Wo wären wir ohne Kirche?“

Show-Veranstaltung ohne Kirchensteuer?

„Ich jedenfalls zahle gern Kirchensteuern und auch Steuern“, meint Martina Maschke. „Wir brauchen das Geld für die Gemeinschaft.“ Die Idee, auf Kirchensteuern zu verzichten und Gläubige dafür mit einem „Church-Entertainment wie in den USA“ zu ködern, sei „doch nur Show“. Helga Mozer macht auf Diakonie-Arbeit, aber auch Gottesdienste ihrer Gemeinde für kleine und große Kinder, Kunst- und Musikangebote aufmerksam. „Man vergisst, was die Kirche alles tut.“

Von Petra Rückerl

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