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Meine Stadt Die Spuren des Verbrechens
Hannover Meine Stadt Die Spuren des Verbrechens
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10:38 19.02.2019
Auf Spurensuche: Kriminalkommissarin Sabrina Wickert vom Kriminaldauerdienst schaut sich Einbruchsspuren an der Terrassentür an.
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Hannover

Etwas ängstlich schaut die Kleine zunächst noch. Erst der Schreck der Eltern über den Einbruch ins heimelige Haus in Hämelerwald, dann die Polizisten in Uniform, und nun kommen schon wieder fremde Menschen. Aber Sabrina Wickert (34) nimmt die Sechsjährige mit auf Spurensuche, erklärt der Kleinen, wo und warum sie einen Schuhprofilabdruck nimmt und lobt das Mädchen dafür, dass sie ihr zeigt, wo die Einbrecher die Schubladen aufgezogen und die Schranktüren aufgemacht haben.

Dort pinselt die Kriminalkommissarin zum Vergnügen der Sechsjährigen und ihrer dreijährigen Schwester mit einem Puschel Rußpulver auf, um Fingerabdrücke zu sichern. Als sich Wickert und ihre Kollegin, eine 28-jährige Polizeikommissarin, später verabschieden, ist klar, dass die Sechsjährige mindestens für die nächste Zeit einen festen Berufswunsch hat: „Spurensicherin will ich auch mal werden“, sagt sie lächelnd. Ihre kleine Schwester stimmt zu und kündigt an: „Ich nehme auch meinen Kindersitz mit“.

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Dem Verbrechen auf der Spur – so arbeitet der Kriminaldauerdienst (KDD) in Stadt und Region Hannover.

Nicht immer können Sabrina Wickert und ihre Kollegen den Menschen ein Lächeln ins Gesicht zaubern. Es sind üblicherweise weinende und verstörte Bürger, mit denen die Polizeibeamtinnen vom Kriminaldauerdienst (KDD) zu tun haben. Etwa, wenn sie Todesnachrichten überbringen müssen. Denn man kann es so salopp sagen: Leichen pflastern den Weg der KDD-Leute. Etwa 13 000 Menschen versterben in Stadt und Region jährlich, zu zwölf bis 13 Prozent davon wird der KDD hinzu gezogen. „Manchmal haben wir sechs am Tag“, erzählt Kriminalkommissar Steffen Schuldt (53), der den Job hier seit 18 Jahren macht. Zuvor war er 18 Jahre im Streifendienst. „Wir werden zu allen Toten gerufen, deren Todesart ungeklärt ist.“ Dazu zählen auch Menschen, die während einer Operation im Krankenhaus oder 24 Stunden danach gestorben sind. Das schreibt eine Novelle des Bestattungsgesetzes vor, die seit Ende Juni in Kraft ist.

Tod während der Operation – ein Fall für den KDD

Die Medizinische Hochschule Hannover meldet sich mit einem solchen Fall. Ein 61-Jähriger, starker Raucher, stark verkalkte Arterien, bereits herzgeschädigt, ist während einer OP verstorben. Und so werden Sabrina Wickert und ihr Kollege Erik Heiden (29) zur Leichenschau gerufen. Während Wickert mit dem Arzt und den Angehörigen spricht, nimmt Heiden die Leiche genau in Augenschein. „Ich achte besonders auf geplatzte Augenäderchen, mögliche Einblutungen an den Lippen, Hämatome“, erklärt er. Der Tote wird vermessen, beschrieben – auch die Umgebung.

Egal, ob im Krankenhaus, in der eigenen Wohnung, in einem Gebüsch oder im Wasser – nichts darf den Kriminalern entgehen. In diesem Fall wird Erik Heiden keine Auffälligkeiten erkennen, auch die Gespräche mit den Angehörigen und dem Arzt machen klar, dass der Mann an den Folgen seines krankmachenden Lebens verstorben ist.

Tod und Leben liegen nah beieinander, nach der Leichenschau ist Abendbrotzeit und beim herzhaften Biss in das Sandwich erklären Wickert und Heiden, was sie umtreibt: „Die Benachrichtigung der Angehörigen ist schlimm, da kann man auch mal an seine Grenzen stoßen“, sagt die 34-Jährige. Die Spurensicherung aber ist genau ihr Ding. „Technik, Erfahrung und Intuition ist gleichermaßen wichtig“, sagt Sabrina Wickert. Die 34-Jährige ist seit 2010 hier, nach ihrem Studium an der Polizeiakademie in Hannoversch-Münden diente sie ein Jahr bei der Bereitschaftspolizei in Hannover, um dann zum KDD zu wechseln. Eigentlich hatte sich die gelernte Bankkauffrau bereits für ein Medizinstudium eingeschrieben, aber dann wählte sie doch den für sie spannenderen Beruf. „Mein Interesse für Medizin hilft mir hier natürlich“. Bei Erik Heiden ist es ähnlich, für ihn standen auch nur Rechtsmedizin oder Kripo zur Wahl. „Ich mag es, Leichen zu untersuchen, herauszufinden, warum sie gestorben sind.“ Nur, wenn diese schon lange liegen, entsprechend aussehen und riechen würden, sei der Job durchaus auch mal schwieriger.

So wie bei einem weiteren Dienst, als Wickert und Steffen Schuldt nach Mellendorf zu einem ungeklärten Todesfall gerufen werden. Der adipöse Mann liegt seit ein bis zwei Wochen tot in seinem Bett. Nach der Leichenschau an dem Verstorbenen, Gesprächen mit dem Arzt und Angehörigen und natürlich der Sichtung der Wohnung wird recht schnell klar, dass auch diese Person aller Wahrscheinlichkeit nach an seiner Lebensweise und den damit verbundenen Vorerkrankungen verstorben ist. Mengen an Cola, Bier, Schnaps, Zigaretten und Psychopharmaka stapeln sich in dessen Wohnung, in seinem Sterbezimmer riecht es nach einer Mischung aus allem – und Tod. „Aber man gewöhnt sich dran“, sagt Sabrina Wickert, die es ablehnt, sich in solchen Fällen Eukalyptus oder Zitronendüfte unter die Nase zu schmieren. „Das macht es nur noch schlimmer.“

Von Einbruch bis Tod: 20 bis 25 Einsätze pro Tag

Der Kriminaldauerdienst ist, wie sein Name schon sagt, dauerhaft besetzt. In unterschiedlichen Schichten sind die Kriminalbeamten unterwegs, um Spuren zu sichern. Ob Trickbetrug oder Wohnungsbrand, ob Suizid oder Mord, Totschlag oder Sexualdelikte, Kinderpornografie oder Waffenfunde – in der mit Männern und Frauen paritätisch besetzten Dienststelle gibt es eigentlich keine menschliche Untiefe, die den Kriminalkommissaren nicht begegnet. „Durchschnittlich gibt es 20 bis 25 Einsätze täglich, darunter etwa zehn Einbruchsdelikte, vier Todesermittlungen, einen Brand“, erklärt Sabrina Wickert. Dazu kämen drei bis vier Sexualdelikte in der Woche und Raubstraftaten.

Wie der Trickdiebstahl, der eine 79-Jährige in Ahlem trifft. Sie ließ einen freundlich und seriös wirkenden Mann in die Wohnung, der sich als Vorwerk-Vertreter ausgab, ihren Staubsauger anschaute und befand, dass sie dafür eine neue Bürste für 32 Euro bräuchte, die ein Kollege am nächsten Tag bringen würde. Unter dem Vorwand, den von der Seniorin gegebenen 50-Euro-Schein zu wechseln, verschwand der Mann. Mit dem Geld – und hinterließ neben einer geschockten alten Frau auch Spuren, die Schuldt sichert, während Wickert das Opfer verhört. Dem Täter werden mittlerweile etwa ein Dutzend ähnliche Taten zugeschrieben, „vor allem alte Menschen haben solche Täter im Visier“, so Steffen Schuldt.

Wie kommt man mit dem Bösen klar? „Wir sind eine gute Gruppe hier, reden miteinander über die Fälle“, so Wickert. „Und wenn etwas richtig Schlimmes dabei ist wie ein totes Kind, fragen unsere Vorgesetzten auch, ob wir Gesprächsbedarf haben.“ Das Verständnis füreinander, auch die kameradschaftlichen bis freundschaftlichen Beziehungen sind fast greifbar hier auf der Dienststelle. Man kocht auch manchmal gemeinsam, irgendeiner hat immer einen guten Grund, Kuchen auszugeben, vorn in der Leitstelle steht die obligatorische Süßigkeitenbox, die jeder befüllt und in die jeder hineingreifen darf . Das dürfte den kleinen Mädchen aus Hämelerwald auch gefallen. Wer weiß, ob der Einbruch in ihrem Elternhaus sie nicht tatsächlich zu ihrem späteren Beruf führen wird.

So funktioniert die Kriminaltechnik

Wenn die vom KDD gesicherten Spuren in der Kriminaltechnik (KT-Service) genau unter die Lupe genommen werden, dann müssen sich Straftäter warm anziehen. Ob Fingerabdrücke oder Fasern, ob Sperma oder Speichel, ob auf Plastik oder Papier, auf Holz oder an einer (toten) Person – es gibt eigentlich kaum eine Spur, die hier oder auch in den Laboren des Landeskriminalamts (LKA) nicht genauer untersucht werden kann.

Kriminalkommissarin Sabrina Wickert hat eine Zusatzausbildung zur Kriminaltechnikerin und ist damit in den Laboren von KT-Service-Chef Oliver Knapp (49) gern gesehen. Denn sie stellt Spuren und Asservate nicht nur sicher, sondern kann auf ihnen auch kleinste Anhaftungen herausfiltern. An diesem Tag etwa nimmt sie einen Spurenträger – in diesem Fall ein DinA-4-Blatt mit Fingerabdrücken –, um diese Abdrücke nach einem chemischen Tauchbad sichtbar zu machen. Beim LKA werden Fingerabdrücke dann abgeglichen. Es gibt aber auch Spurenträger wie zum Beispiel vom KDD am Tatort sichergestellte Plastikdosen, die im KT-Service bedampft werden, um Spuren sichtbar zu machen.

Das ist aber noch nicht alles: Mit speziellen Gelantinefolien können Schuhprofilabdrücke an einem Tatort genommen werden. Zum Beispiel auf einer Fensterbank nach einem Einbruch. Die gesicherten Schuhprofile werden beim KT-Service digitalisiert, über eine spezielle Bildbearbeitung optimiert und an das LKA zur Auswertung weitergeleitet. Das LKA verfügt nämlich über eine Sammlung von Referenzmustern. Hat der Täter etwa einen handelsüblichen Nike-Turnschuh beim Einbruch getragen, findet sich dieser Schuhtyp auch in der LKA-Referenzmustersammlung.

Dann hat man nach dem Vergleich schon einmal das richtige Schuhmodell. Gibt es zudem noch individuelle Zuordnungsmuster wie Einkerbungen oder Risse in der Sohle und findet man bei einem mutmaßlichen Täter den Schuh plus dieser Risse, kann man zumindest davon ausgehen, dass sich dieser Mensch am Tatort aufgehalten hat.

Starqualitäten hat der 3D-Laserscanner, mit dem die Spurensucher vom KDD digital Tatorte (und Verkehrsunfallstellen) vermessen beziehungsweise dokumentieren können. Ob Schießereien in Kneipen, Flugzeugabstürze auf dem platten Land oder vertuschte Morde in Privatwohnungen – die Tatorte können so nachgestellt werden, Schussrichtungen und -winkel nachvollzogen, die Lage von Verstorbenen präzise bestimmt werden.

Das Bild eines Flugzeugabsturz beispielsweise sieht für den Laien aus wie ein Foto, das von oben von einer Drohne geschossen wurde. Nur ist jeder Zentimeter, jede kleinste Erhöhung und jedes Detail abrufbar. Die gewonnenen Daten dienen zum Beispiel geometrischen Rekonstruktionen der Tatorte und ermöglichen weitere forensische Analysen.

Der Apparat wurde seit Anfang 2016 erprobt, der KDD Hannover ist zurzeit die einzige Dienststelle im Land, die über das 150 000 Euro starke Superteil verfügt. „Nicht jeder ist in die Technik eingewiesen worden“, erklärt Wickert. „Wenn es irgendwo in Niedersachsen benötigt wird, fahren wir – wenn es die Einsatzlage erlaubt – dann natürlich auch mit raus, um andere Polizeidirektionen zu unterstützen.“

Info

Der Kriminaldauerdienst (KDD) ist 24 Stunden täglich für die Stadt und Region Hannover zuständig, sprich für 1,2 Millionen Einwohner. Fünf sogenannte Wachgruppen mit je 15 Mitarbeitern (darunter ein Leiter, ein Einsatzkoordinator und Kriminaltechniker) arbeiten für den KDD, in Wechselschichten im Fünfwochenrhythmus. Die KDDler sichern Spuren an möglichen Tatorten und leisten damit zum Beispiel für die Mordkommission einen wichtigen Beitrag.

Alles, was mit schweren Straftaten zusammenhängt, fällt in das Gebiet des KDD, der nach der Streifenpolizei als Erster vor Ort ist: Wie etwa Einbrüche, Trickdiebstahl und -betrug, schwerer Raub, Erpressung, Brände, Bombendrohungen, Geiselnahme, Tötungsdelikte und von den Ärzten als „ungeklärte“ Todesart bescheinigte Fälle und Knochenfunde. Verkehrsunfalltote fallen nicht in die Zuständigkeit des KDD, dafür aber Kinderpornografie und Waffenfunde.

Außerhalb der Geschäftszeiten der übrigen Polizeidienststellen werden vom KDD auch Haftbefehle aus der Haftbefehl-Sammelstelle verschickt. Heißt zum Beispiel: Ein Ladendieb wird in Langenhagen frisch ertappt. Bei Überprüfung der Personalien stellen die Polizisten fest, dass gegen ihn wegen einer weiteren Straftat ein Haftbefehl vorliegt und er noch eine Haft in einer JVA abzusitzen hat. Die Polizisten kontaktieren den KDD, die Beamten suchen den entsprechenden Haftbefehl heraus, lassen ihn den Langenhagenern zukommen – und der Ladendieb kann direkt in den Knast gebracht werden.

Wer sich für den Job interessiert: Natürlich kann sich jeder Polizeibeamte bewerben. Und wer zur Polizei möchte, informiert sich unter Der Kriminaldauerdienst (KDD) ist 24 Stunden täglich für die Stadt und Region Hannover zuständig, sprich für 1,2 Millionen Einwohner. Fünf sogenannte Wachgruppen mit je 15 Mitarbeitern (darunter ein Leiter, ein Einsatzkoordinator und Kriminaltechniker) arbeiten für den KDD, in Wechselschichten im Fünfwochenrhythmus. Die KDDler sichern Spuren an möglichen Tatorten und leisten damit zum Beispiel für die Mordkommission einen wichtigen Beitrag.

Alles, was mit schweren Straftaten zusammenhängt, fällt in das Gebiet des KDD, der nach der Streifenpolizei als Erster vor Ort ist: Wie etwa Einbrüche, Trickdiebstahl und -betrug, schwerer Raub, Erpressung, Brände, Bombendrohungen, Geiselnahme, Tötungsdelikte und von den Ärzten als „ungeklärte“ Todesart bescheinigte Fälle und Knochenfunde. Verkehrsunfalltote fallen nicht in die Zuständigkeit des KDD, dafür aber Kinderpornografie und Waffenfunde.

Außerhalb der Geschäftszeiten der übrigen Polizeidienststellen werden vom KDD auch Haftbefehle aus der Haftbefehl-Sammelstelle verschickt. Heißt zum Beispiel: Ein Ladendieb wird in Langenhagen frisch ertappt. Bei Überprüfung der Personalien stellen die Polizisten fest, dass gegen ihn wegen einer weiteren Straftat ein Haftbefehl vorliegt und er noch eine Haft in einer JVA abzusitzen hat. Die Polizisten kontaktieren den KDD, die Beamten suchen den entsprechenden Haftbefehl heraus, lassen ihn den Langenhagenern zukommen – und der Ladendieb kann direkt in den Knast gebracht werden.

Wer sich für den Job interessiert: Natürlich kann sich jeder Polizeibeamte bewerben. Und wer zur Polizei möchte, informiert sich unter

www.polizei-studium.de

Von Petra Rückerl