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Meine Stadt Hannover: Ein Besuch im Koran-Zelt am Steintor
Hannover Meine Stadt Hannover: Ein Besuch im Koran-Zelt am Steintor
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00:17 29.06.2018
AUFKLÄRUNG: Wjahat Waraich (30), praktizierender Arzt aus der Region und SPD-Mitglied, will mit der Ausstellung "Die Revue der Religionen“ im Zelt am Steintor an die ursprüngliche Botschaft des Koran erinnern. Quelle: Nancy Heusel
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HANNOVER

Bereits zum dritten Mal hat die islamische Reformgemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat (AMJ) ein Zelt auf dem Steintor aufgebaut und will dort bis Sonnabend über den Islam informieren – jenseits von Fundamentalismus und Extremismus. Bis zu 7000 Besucher erwarten die Gläubigen in diesen fünf Tagen.

Drei Stunden nach Eröffnung ist davon noch nicht viel zu spüren. Nur wenige Menschen betrachten die großformatigen Infotafeln. „Im vergangenen Jahr haben wir 6800 Besucher gezählt“, versichert Wjahat Waraich zuversichtlich. „Wir wollen der negativen Stimmung gegen den Islam begegnen und Vorurteile abbauen.“

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Islamismus liegt Waraich fern. Der Mediziner ist gebürtiger Deutscher, SPD-Mitglied und für sein humanitäres Engagement etwa in Afrika bekannt. Seine Gemeinschaft vertritt eine friedliche Form des Islam. „In Glaubensdingen darf es keinen Zwang geben“, ist seine feste Überzeugung.

"Wir sind alle Deutschland"

Plakate sollen für die Ausstellung werben. „Wir sind alle Deutschland“, steht da zu lesen, auf einem anderen ist eine wehende Deutschlandflagge zu sehen. Patriotische Bekenntnisse einer islamischen Gemeinschaft als klare Botschaft. Aber die AMJ ist auch in ihrer religiösen Ausrichtung besonders, weshalb ihre Anhänger innerhalb der islamischen Welt als Häretiker betrachtet werden (siehe Kasten).

Die AMJ kennt die zentralen Pflichten gegenüber Gott, wie sie sich in den fünf Säulen des Islam manifestieren: Glaubensbekenntnis, Gebet, Fasten, die soziale Pflichtabgabe und die Pilgerfahrt nach Mekka. Daneben aber gibt es gleichbedeutende Pflichten gegenüber den Mitmenschen. Im Bekenntnis der Gemeinschaft verbinden sich alle Weltreligionen zu einem gemeinsamen Glauben. So sind auch Christentum oder Buddhismus nur andere Sichtweisen auf den gemeinsamen Gott. „Wir wollen den interreligiösen Dialog“, sagt Waraich, „über die Schönheit in der jeweiligen Religion sprechen.“ Und dabei zurück zum Kern der ursprünglichen Botschaft gelangen.

„Der Islam hat sich nach dem Ableben Mohammeds verändert“, sagt der in der Region praktizierende Arzt. „Er hat sich von der Religion entfernt und wurde von politischen Mächten missbraucht.“ Bestes Beispiel sei das Missverständnis um den Dschihad, dem heiligen Krieg. Dabei gehe es nicht um die Verbreitung des Islam mit dem Schwert. „Gemeint ist der Kampf gegen das eigene Ego, gegen die Triebe, die zur Sünde führen.“

Viele Besucher würden auch nach dem Kopftuchzwang fragen. „Ein komplexes Thema“, räumt Waraich ein. Aber er will das Kopftuch nicht als Symbol der Unterdrückung bewerten. „Die Gleichwertigkeit von Mann und Frau ist im Koran verankert ist“, betont er. „Das Kopftuch ist der Versuch der Frau, ihre Reize, ihre körperliche Unversehrtheit zu schützen.“ In dieser Sichtweise sei Mohammed eigentlich ein Befreier der Frauen, die zuvor in der arabischen Stammesgesellschaft nur Sklaven gewesen seien. Ob sie ein Kopftuch tragen wolle, sei allerdings ihr selbst überlassen. „Das ist eine Entscheidung zwischen ihr und Gott. Männer haben da eigentlich nichts zu sagen.“

Die Islamausstellung ist täglich von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Am Donnerstag gibt es ab 18 Uhr einen Frauenabend, bei dem auch das Kopftuch Thema sein dürfte.

Im Namen des Mahdi

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat hat ihren Ursprung in Indien. Sie geht zurück auf Mirza Ghulam Ahmad (1835 – 1908). Sie wird von einem Kalif genannten spirituellen Oberhaupt geführt. In Deutschland hat sie laut Wikipedia ungefähr 35 000 Mitglieder.

Die Religionsgemeinschaft versteht sich als Reformbewegung. Sie hält an den islamischen Rechtsquellen – Koran, Sunna und Hadith – fest. Dennoch haben die Schriften und Offenbarungen von Mirza Ghulam Ahmad eine erhebliche Bedeutung. Danach waren Buddha, Krishna, Abraham und Jesus islamische Propheten. Die unterschiedlichen Religionen spalteten sich erst durch Vergessen, Manipulationen und Hinzufügungen. Mirza Ghulam Ahmad verstand sich als die prophezeite Wiederkunft Jesu, Krishnas und Buddhas in einer Person, als Mahdi, dem Erlöser der Endzeit. Die Gemeinschaft verfolgt die Vision der Vorherrschaft des Islam in seiner ursprünglichen Form, aber ohne Anwendung von Gewalt. In islamischen Ländern wird die Gemeinde bekämpft und teilweise verfolgt. Bei einem Anschlag auf zwei Ahmadiyya-Moscheen in Lahore ermordeten pakistanische Taliban am 28. Mai 2010 86 Ahmadis.

Von Andreas Krasselt