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Meine Stadt Hannover: Durch Ärztepfusch ins Wachkoma?
Hannover Meine Stadt Hannover: Durch Ärztepfusch ins Wachkoma?
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06:16 14.06.2012
Von Annette Rose
SIE IST BEI IHM: Ralf Nettler reagiert auf seine Mutter Waltraud Klosa. Manchmal schafft er es, während der Übungen mit seiner Therapeutin den Kopf aufrechtzuhalten. Quelle: Ralf Decker
Hannnover

„Manchmal stehe ich an seinem Bett und frage mich: Warum gerade du, Ralf?“ Als Waltraud Klosa (68) das sagt, schießen der ansonsten so tapferen Frau Tränen in die Augen. Vor ihr in einem hannoverschen Pflegeheim liegt ihr Sohn im Wachkoma, seit über drei Jahren. Silvester 2008 war Ralf Nettler (45) mit starken Halsbeschwerden ins Nordstadtkrankenhaus gekommen. Ärzte diagnostizierten eine akute Kehldeckelentzündung. Eine lebensbedrohliche bakterielle Erkrankung. Schwellungen können zu Luftröhrenverschluss und Atemstillstand führen. Genau das passierte auf der Intensivüberwachungsstation der HNO-Klinik. Kein Arzt war zur Stelle, der den rettenden Luftröhrenschnitt rechtzeitig durchgeführt hätte.

Das Landgericht hat jetzt zwei Fachärzte der HNO-Klinik dafür verantwortlich gemacht. Die Richter unter Vorsitz von Martin Schulz sprachen dem Patienten 150000 Euro Schmerzensgeld zu. Außerdem soll die Klinik für künftige Behandlungskosten aufkommen. Abgeschlossen ist der Fall damit nicht. Das Klinikum hat Berufung eingelegt. Es handele sich um ein „tragisches Schicksal“, sagt Sprecher Bernhard Koch, nicht um Pfusch. In keinem Krankenhaus sei ständig ein Arzt am Bett. Selbst auf einer Intensivstation sei ein solcher Verlauf nicht auszuschließen.

Nettler war am Silvestermorgen 2008 mit Halsschmerzen und Schluckbeschwerden von der Nachtschicht gekommen. Weil sich sein Zustand verschlimmerte und der Notarzt nicht eintraf, brachte ihn seine Ehefrau mit dem Auto zur Notaufnahme ins Nordstadtkrankenhaus. Dort bekam Nettler Cortison. Eine Ärztin schickte ihn in die HNO-Klinik, wo er zunächst warten musste, immer weniger Luft bekam und in Panik geriet. Ein Oberarzt stellte eine akute Kehldeckelentzündung fest, spritzte noch mal Cortison und verlegte den damals 42-Jährigen auf die Intensivüberwachungsstation. Danach ging es ihm anscheinend besser, so dass der Facharzt ging. Vier Minuten späterstellte eine Schwester fest, dass der Patient blau angelaufen war und nicht mehr atmete. Sie rief den Arzt zurück, der sofort mit Beatmung begann. Dann wurde operiert. Zu spät. Nettlers Gehirn war fünf bis sechs Minuten ohne Sauerstoff und ist irreparabel geschädigt. „Er war vorher nie krank“, so seine Mutter.

Nettlers Frau, das Paar ist 23 Jahre verheiratet, hat für ihren Mann geklagt. Ihr Anwalt Michael Keulemann, Spezialist für Medizinrecht, wirft den Ärzten vor, sie hätten den Patienten trotz akut lebensbedrohlicher Erkrankung nicht sofort beatmet oder einen Luftröhrenschnitt vorgenommen.

Die Richter holten den Leiter der HNO-Klinik Göttingen, Professor Christoph Matthias, als Sachverständigen in den Prozess. Der hält das Geschehen keineswegs für Schicksal. In seltenen Fällen komme es bei Kehldeckelentzündung zu so einem dramatischen Verlauf, legte er vor Gericht dar. Dies sei den HNO-Ärzten bekannt, deshalb hätten sie sicherstellen müssen, dass jederzeit ein Eingriff möglich gewesen wäre. Falls die lückenlose Überwachung personell nicht leistbar war, da die Ärzte auch Patienten in der Notfallambulanz versorgen mussten, hätten sie ihn vorsorglich intubieren oder einen Luftröhrenschnitt vornehmen müssen. Beim plötzlichen Verschluss der Atemwege zähle „jede Minute“.

Die Angehörigen sind enttäuscht, dass die Klinik das Urteil nicht akzeptieren will. Ehefrau und Eltern fahren täglich ins Pflegeheim, sie wechseln sich dabei ab. Eine Physiotherapeutin kümmert sich darum, dass der Patient beweglich bleibt. Schwierigkeiten gibts, wenn er ins Krankenhaus muss. „Manche lehnen ihn einfach ab“, sagt die Mutter, „wir möchten, das alles Menschenmögliche getan wird, falls er eines Tages doch aufwacht.“ Das Schmerzensgeld wäre eine große Hilfe.

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