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Meine Stadt Hannover: Polizei lässt Drogenbande auffliegen
Hannover Meine Stadt Hannover: Polizei lässt Drogenbande auffliegen
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16:54 19.03.2019
BEWEISMITTEL: Polizeisprecher Thorsten Schiewe mit den 32 Kilogramm bereits verpacktem Marihuana. Quelle: Wilde
Hannover

Der durchdringende Geruch, der das Gebäude der Polizeidirektion Hannover an der Waterloostraße durchzieht, ist unverkennbar Marihuana. Selbst die Plastiksäcke können das Austreten der typischen Dämpfe nicht verhindern. 32 Kilogramm der Droge haben die Fahnder auf dem Tisch ausgebreitet, zusammen mit etlichen Waffen, darunter zwei automatischen Sturmgewehren, Munition und einer Armbrust samt Pfeilen.

Nur ein Teil der am Montag, dem 11. März, beschlagnahmten Beweismittel, die nun, eine Woche später, der Presse präsentiert werden. Die Säcke enthalten die damals entdeckten und bereits geernteten Drogenvorräte der Bande. In drei großen und einer kleinen Plantage aber wuchsen insgesamt 3100 Pflanzen, alle gut gepflegt, die laut der leitenden Ermittlerin Christine Reinert noch einmal 139 Kilo Marihuana ergeben hätten. Insgesamt Drogen im Straßenverkaufswert von 1,715 Millionen Euro. Alle zwei Wochen hätten die extrem professionell betriebenen Plantagen so 66 000 Euro erwirtschaften können. „Zahlen, die mich extrem beeindruckt haben“, beteuert die erfahrene Kriminalistin.

Zwei aufmerksame Streifenpolizisten

In Gang gekommen waren die Ermittlungen aus Zufall – und dank des guten Gespürs zweier Streifenpolizisten. Die Beamten bemerkten im Oktober 2017 in einem Bistro an der Vahrenwalder Straße eine Party, an der auffallend viele Kuttenträger teilnahmen. Sie gehörten offenbar zu einer Gruppe, die sich „Brothers till Death“, Brüder bis zum Tod, nennen. Zumindest tragen die Lederkutten der Gang diese Bezeichnung.

Anführer ist ein in Afghanistan geborenen Mann, dessen Hauptwohnsitz in Spanien war. Offenbar wohnte er auch auf Mallorca. Gegen ihn lag ein Haftbefehl vor. Er sei den Beamten auch wegen seiner außergewöhnlichen Höflichkeit aufgefallen, berichtete Ralf-Günter Goßmann, Leiter der Zentralen Kriminalinspektion (ZKI), die sich der Bekämpfung der Organisierten Kriminalität gewidmet hat. Die Gruppe habe sich als angeblicher Box-Klub vorgestellt. Die Fahnder schöpften Verdacht.

300 Einsatzkräfte stürmen 16 Objekte

Die Spezialisten der ZKI nahmen den vermeintlichen Klub genauer unter die Lupe. 18 Monate dauerten die Ermittlungen in Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft Hannover, bis sie schließlich am Montag vergangener Woche zuschlagen konnten. Mehr als 300 Einsatzkräfte stürmten insgesamt 16 Objekte in der Region Hannover, im Raum Schaumburg und in Ostwestfalen, darunter die vier Plantagen.

Hochprofessionell organisiert und gut bewaffnet – die Polizei stellte Bilder von den Drogenplantagen zur Verfügung und zeigte einige der sichergestellten Waffen.

Was sie in diesen illegalen Profigärtnereien entdeckten, habe selbst die erfahrenen Kollegen der eingesetzten SEKs erstaunt, so Reinert. Um das Wachstum zu beschleunigen, hatten die Gangmitglieder den CO2-Gehalt der Luft stark angereichert. Aus diesem Grund, und weil möglicherweise giftig wirkende Pflanzenschutzmittel eingesetzt worden waren, drangen die Fahnder unter Atemschutz in die Anlagen vor.

Professionelle Großplantagen

In jeder der drei großen Plantagen fanden sie 1000 Pflanzen, jeweils ein Drittel Setzlinge, mittelgroße und erntereife Exemplare. Alle zwei Wochen habe geerntet werden können, erklärte Reinert. Für das kontrollierte Wachstum war eine aufwendige Beleuchtungsanlage mit entsprechender Elektrik installiert. Woher die Bande den Strom bezog, sei noch nicht abschließend geklärt. Für die Bewässerung nutzte sie Grundwasser, das mit drei großen Pumpen in 1000-Liter-Plastiktanks gepumpt wurde. Rußfilter verhinderten, dass der auffallende Geruch nach außen dringen konnte.

GEFÄHRLICH: Die Fahnder stellten auch etliche Waffen und mehr als tausend Schuss Munition sicher. Quelle: Frank Wilde

Neben den Drogen, den Waffen und mehr als tausend Schuss Munition wurden bei den Durchsuchungen auch 240 000 Euro Bargeld, diverser Goldschmuck, drei Rolex-Uhren und eine Breitling-Uhr, ein BMW und ein Range-Rover, mit denen die Drogen transportiert worden sein sollen, beschlagnahmt. Nach zwei weiteren Fahrzeugen wird noch gefahndet. Auch zwei Grundstücke in Rahden und Meerbeck wurden sichergestellt.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen insgesamt 13 Beschuldigte, von denen acht (22 bis 49 Jahre) in Untersuchungshaft sitzen, wegen des Verdachts auf bandenmäßigen Handel mit Betäubungsmitteln. Dafür drohen laut Staatsanwalt Oliver Eisenhauer fünf bis 15 Jahre Haft. Auch im minderschweren Fall des Handels ohne Bandenbeteiligung läge die Mindeststrafe bei einem Jahr, in Verbindung mit Waffen bei zwei Jahren. Die Ermittlungen dauern an. „Wir versuchen, das Verfahren beschleunigt in sechs Monaten abzuschließen“, so Eisenhauer.

Von Andreas Krasselt