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Meine Stadt Vahrenheider fühlen sich von Obdachlosen belästigt
Hannover Meine Stadt Vahrenheider fühlen sich von Obdachlosen belästigt
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14:11 03.12.2018
Ärger am „Papenwinkel“: Betrunkener Obdachloser an der Straßenbahn-Haltestelle. Quelle: Behrens
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Hannover

Wie groß ist das Problem mit Obdachlosen in Hannover? In Vahrenheide fühlen sich Fahrgäste der Stadtbahn-Haltestelle „Papenwinkel“ und zahlreiche Anwohner von Wohnungslosen regelrecht tyrannisiert. Die Betroffenen berichten von Männern, die die Bahnsteige zumüllen, Saufgelage veranstalten, randalieren, grölen, in aller Öffentlichkeit ihre Notdurft verrichten, junge Frauen belästigen. Hatten Obdachlose und Trinker in jüngster Zeit vorrangig die Innenstadt rund um den Hauptbahnhof und angrenzende öffentliche Plätze in Beschlag genommen (NP berichtete), fühlen sich nun auch Hannoveraner in ihrem privaten Wohnumfeld belästigt.

Auf Anfrage der NP erklärt die Stadt, dass sie im einst für Flüchtlinge genutzten ehemaligen Möbelhaus an der Straße Alter Flughafen inzwischen Obdachlose einquartiert. Es handelt sich um eine „Notschlafstelle“, so Sprecher Dennis Dix, die seit „Dezember 2017 ununterbrochen in Betrieb“ ist. Fast ebenso lange beobachten Kornelia (62) und Sabine (34) Kowalski auch die Probleme an der HaltestellePapenwinkel“.

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„Das ist Horror hier“

Die Obdachlosen seien in der Regel sehr stark alkoholisiert. „Oft werden Flaschen zerschlagen, es liegen Essensreste rum und die Leute verrichten ihre Notdurft, wo sie stehen. Eben in aller Öffentlichkeit“, ärgert sich die 62-Jährige: „Das ist Horror hier.“

Zudem liegen häufig Schnapsleichen auf den Bänken und den Bahnsteigen, hat Tochter Sabine beobachtet: „Die lassen einen manchmal nicht in die Stadtbahn ein- oder aussteigen“, so die 34-Jährige. Ihrer Mutter, die auf den Rollstuhl angewiesen ist, setzt der Zustand am „Papenwinkel“ besonders zu. „Ich fahre nicht mehr mit der Bahn. Ich habe Angst.“

Ein Vater (28), der mit seinem Sohn (1) im Kinderwagen an der Haltestelle vorbei muss, berichtet, dass sich die Obdachlosen besonders morgens und abends dort tummeln: „Die fahren morgens mit der Bahn zum Hauptbahnhof. Vorher wird an der Haltestelle schon Alkohol getrunken.“ Offenbar nicht zu knapp. Eine 40-jährige Anwohnerin erzählt außerdem: „Die sind frühmorgens schon besoffen. Das ist schlimm. Ich will nicht, dass meine kleine Tochter das sieht.“

Die Wohnungslosen müssen am Morgen die Unterkunft verlassen. Laut Stadtsprecher Dix ist die Notschlafstelle bis 8 Uhr geöffnet. Dann ist sie dicht. Ab 18 Uhr können die Obdachlosen wieder rein. „Abends kommen sie völlig betrunken aus der Stadt zurück und randalieren auf dem Bahnsteig“, weiß der 28-Jährige.

Frauen belästigt

Offenbar ist es auch schon zu Übergriffen gegenüber Frauen gekommen. Eine Hundehalterin (50) hat beim Gassi gehen beobachtet, dass einer der Wohnungslosen eine junge Passantin belästigt hat: „Ich habe selbst gesehen, dass er der Frau an den Hintern gepackt hat.“ Sabine Kowalski berichtet von einem Vorfall, der sich kurz vor Mitternacht abspielte, bei dem ein weiblicher Fahrgast aus der Bahn gestiegen sei, von Obdachlosen bedrängt und nicht vom Bahnsteig gelassen wurde. Sie sei eingeschritten und habe der Betroffenen geholfen.

Nicht nur direkt an der Haltestelle, sondern auch in der Umgebung ist das Benehmen der Wohnungslosen ein Aufreger für die Vahrenheider. Eine Passantin (30) ist Zeugin eines Vorfalls vor dem Kindergarten an der Dresdener Straße geworden: „Eine Obdachlose hat sich mitten auf die Wiese gesetzt, die Hose runtergezogen und gepinkelt.“ Auch die umliegenden Grünanlagen seien sowas wie ein Toiletten-Ersatz für die Menschen aus der nahen Unterkunft. Die Hundehalterin: „Überall liegt benutztes Klopapier rum.“

Anwohner rund um die HaltestellePapenwinkel“ berichten, dass sie ab und zu den städtischen Ordnungsdienst im Viertel gesehen hätten. Protec-Streifen seien häufiger auf den Bahnsteigen im Einsatz. Genutzt hat es bislang wenig. Die Obdachlosen dort seien besonders renitent. „Wenn sie verscheucht werden, sind die eine halbe Stunde später wieder da“, weiß die Hundehaltern. Das bestätigt auf NP-Nachfrage auch die Üstra (Bericht unten).

Unerträglich für Kornelia Kowalski, die wegen der Obdachlosen nach eigenen Angaben die Bahn seit Monaten nicht mehr nutzt. Das hat zur Folge, dass die Rollstuhlfahrerin demnächst wahrscheinlich nicht in die Tui-Arena kommt. Dort wollte sie eigentlich eine Show von „Holiday on Ice“ besuchen, für die sie zum Geburtstag ein Ticket von ihrer Tochter geschenkt bekommen hat. Eine Fahrt mit dem Taxi dorthin könne sie sich nicht leisten, versichert die 62-Jährige: „Dann muss ich die Eintrittskarte wohl zerreißen.“

Das sagt die Stadt

Erstmals wurden im Winter 2016/2017 Obdachlose in einer Unterkunft an der Straße Alter Flughafen 12 untergebracht. Das Gebäude, in dem es früher einen Möbelmarkt gab und das auch eine Weile als Heim für Flüchtlinge diente, ist eine Notschlafstelle („Sleep-In“) – geöffnet von 18 bis 8 Uhr. Es dient als vorübergehende Übernachtungsmöglichkeit in Notfällen.

Vorübergehend bedeutet nicht kurzzeitig: Denn seit Dezember 2017 bringt die Stadt dort ununterbrochen Obdachlose unter.

Seit wann sie Kenntnis von den Zuständen an der Stadtbahn-Haltestelle „Papenwinkel“ hat, teilt die Stadt auf NP-Anfrage nicht mit. Aus Anlass einer Beschwerde vom 22. Oktober sei das Ordnungsamt „regelmäßig ein- bis zweimal die Woche am ,Papenwinkel‘ unterwegs“, so Sprecher Dennis Dix. Erkenntnis der Stadt: „Meistens war es ruhig und leer, vereinzelt wurden Obdachlose und Trinkergruppen angesprochen. Diese verhielten sich dann ordentlich.“

Der Ordnungsdienst wolle dort weiterhin kontrollieren – möglicherweise auch mit der Polizei. Dix: „Durch eine engmaschige Kontrolle erwarten wir eine Verbesserung der Situation.“

Das sagt die Üstra

Das Treiben der Obdachlosen an der HaltestellePapenwinkel“ ist ein Problem, das der Üstra schon seit einiger Zeit bewusst ist. Das Unternehmen hat inzwischen reagiert: „Wir haben seit zwei Monaten die Sicherheitsmaßnahmen dort angepasst und intensiviert“, sagt Sprecher Udo Iwannek.

Täglich seien Streifen der Sicherheitsfirma Protec zu verschiedenen Zeiten vor Ort. Der Erfolg ist bislang allerdings ausgeblieben, die Zustände an der HaltestellePapenwinkel“ sind unverändert. Die Üstra bestätigt die Eindrücke von Straßenbahn-Nutzern und Anliegern, dass sich die Wohnungslosen an der Haltestelle an keine Regeln halten und Anweisungen von Protec-Streifen einfach ignorieren.

Ein Vorfall, der im Wachbuch der Üstra am 5. November, 17.16 Uhr, vermerkt wurde, dokumentiert die Verhältnisse: Fährgäste beschweren sich über einen Obdachlosen, der mit heruntergelassener Hose auf dem Bahnsteig unterwegs ist – und öffentlich sein (großes) Geschäft verrichtet. Das Unternehmen schickte eine Protec-Streife hin, verständigte laut Iwannek in dem Fall auch die Polizei.

Mit einem Platzverweis reagiert die Protec auf derartige Vorkommnisse. Das Problem dabei: „Sie gelten für den Rest des laufenden Tages“, berichtet Iwannek. Auch Hausverbote seien keine Lösung. Das hängt damit zusammen, dass die Üstra eine generelle Beförderungspflicht hat, von der auch Störer wie die Obdachlosen am „Papenwinkel“ nicht ausgenommen sind. Wegweisungen würden erfahrungsgemäß von der Problem-Klientel ohnehin ignoriert, sagt Iwannek: „Kaum drehen wir den Rücken, sind sie zehn Minuten später wieder da.“

An der Haltestelle gibt es Kameratechnik. „Die ist aber schon etwas in die Jahre gekommen“, erklärt der Sprecher. Anfang kommenden Jahres soll es Ersatz geben. Damit kann die Üstra den „Papenwinkel“ besser überwachen und bei Vorfällen schneller reagieren. Fest steht: „Es sind Zustände dort, die wir unseren Kunden nicht zumuten möchten“, versichert Iwannek.

Von Britta Mahrholz