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Meine Stadt Hannover: Der Schlager boomt
Hannover Meine Stadt Hannover: Der Schlager boomt
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22:40 26.04.2019
Das große Schlagerfest
Das große Schlagerfest Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Beim Kartenkauf mussten Schlagerfans aufpassen: „Das große Schlagerfest“ klingt relativ ähnlich zur „Schlagernacht des Jahres“, die im März in der TUI-Arena stieg. Und nicht nur vom Namen ist eine Ähnlichkeit vorhanden. Fast das gesamte Line Up des freitäglichen Festes hat schon die Nacht beschallt: Eloy de Jong, Voxxclub, Michelle und Matthias Reim sehen Hannovers Schlagerfans zum zweiten Mal in kurzer Zeit in derselben Halle – aber das macht nichts, schließlich lebt das Genre nicht von seiner Unvorhersehbarkeit.

Neu dabei: Florian Silbereisen, der die 6500 mit einem Medley (Petrys „Wahnsinn“, „1000 Mal berührt“, „Living Next Door to Alice“) warmmacht. Auch Matthias Reims „Verdammt Ich lieb‘ Dich“ singt der Flori – dabei kommt Reim doch später in Person. Ringsum die T-förmige Bühne sitzen Fans, die Texte werden auf Laufbändern eingeblendet – das hilft vor allem beim ersten Act. Die fünf Jungs von Voxxclub, erst nordisch in gelben Regenmänteln gekleidet, kommen mundartlich vom Alpenrand und gefallen sich im Einheizer-Slot. Die Zeile „Egal, ob du auf Madl oder Bubn stehst“ klingt klar gegen Volksmusik-Reaktionäre wie Andreas Gabalier gerichtet, ohnehin ist der Song „I mog Di so“ die Schlager-Version einer Internationalismus-Hymne. Schnell hat sich die Arena warmgestampft.

Florian Silbereisen leitet die Show der Superlative – mit dabei sind Matthias Reim, Michelle, Voxx-Club und Eloy de Jong.

Omnipräsent sind zwei Dinge: Silbereisen, der zu Duetten und gekünstelten Interviews immer wieder auf die Bühne kommt, und das Halbplayback. Deutsch­lands bekanntester Tätowierter hat zudem ein paar Kumpels mitgebracht. Mit Klubbb3 singt er „Das Leben tanzt Sirtaki“ und „Du schaffst das schon“. Dazu wirbeln die B-Boys von „DDC“ den ganzen Abend über die Bühne, mischen sich unter die musikalischen Acts und mogeln sich zwischen Pyro und Lichtshow visuell in den Vordergrund.

„Der Schlager boomt“ sagt Silbereisen anfangs, und das über die Landesgrenzen hinaus. Julia Lindholm kommt aus Schweden, Eloy DeJong ist aus den Niederlanden. Die Schweizerin Linda Fäh, relativ neu in der Szene, stellt sich mit einem Einstiegsvideo vor, in dem sie über die schwere Kindheit mit Babyspeck und Brille berichtet. Heute, so Silbereisen danach, wisse sie, „wie schön sie eigentlich ist“: Schließlich sei Fäh 2009 zur Miss Schweiz gewählt worden. Dieses Beauty-Bild hätte man, wie den Schweizer ESC-Titel „Cinéma“, den Fäh covert, lieber im Jahr 1980 lassen sollen.

Dann taucht Silbereisen allein mit Gitarre auf. Mit Seiler und Speers „Waun I Daun Ala Bin“ (Hochdeutsch: „wenn ich dann allein bin“) verarbeitet er vor seinen Fans die Trennung von Helene, mit tränenfeuchtem schwarzweiß-Video im Hintergrund. Die Party-Stimmung dominiert dennoch, und 6500 haben Spaß. Zwischen­durch hat das Fest gar etwas von einer Musical-Revue. Das ganze Line Up singt in mehreren Konstellationen, gerne auch verkleidet: Klubbb3 und Voxxclub als Village People, in Nonnen­kostümen Nummern aus „Sister Act“, in zivil ein Udo Jürgens-Medley – im Kontrast zu den musikalischen Allgemeinplätzen des Restabends stehen Jürgens‘ Evergreens noch besser da als wohl geplant.

Michelle und Matthias Reim lassen sich erst spät auf die Bühne bitten. Erstere kommt mit schrillen Schützenfest-Synthies in „Paris“ und „Große Liebe“, dagegen ist „Wer Liebe lebt“, deutscher ESC-Beitrag 2001, eine solide Pop-Nummer. Ein ABBA-Medley der Schwedin Lindholm (erst auf Schwedisch, dann auf Deutsch) darf nicht fehlen, und schließlich kommt auch Reim mit seinem Übersong: Zum zweiten Mal "Verdammt Ich lieb‘ Dich“, — und inzwischen ist ein Schlagerfest daraus geworden.

Von Lilean Buhl