Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meine Stadt Hannover: Busfahrer wegen Fahrerflucht verurteilt
Hannover Meine Stadt Hannover: Busfahrer wegen Fahrerflucht verurteilt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:20 01.09.2018
Symbolfoto
Symbolfoto Quelle: dpa
Anzeige
Hannover

Es handelt sich um einen „sehr geringen Pflichtverstoß“. Das stellte Amtsrichter Jens Buck am Mittwoch fest. Dennoch verurteilte er Barhan S. (47) wegen Unfallflucht und fahrlässiger Körperverletzung zu 2500 Euro Geldstrafe (50 Tagessätze). Viel schlimmer für den Üstra-Busfahrer: Er muss für sechs Monate seinen Führerschein abgegeben. Dem zweifachen Familienvater droht der Jobverlust.

Die Hände gefaltet. Die Brille auf dem Tisch abgelegt. Ruhig, aber sichtlich angespannt verfolgt der Angeklagte die Verhandlung. Es wurde eine Situation verhandelt, wie sie sich zigtausend Mal täglich in Hannover abspielt. Am 23. März 2018 fuhr der Busfahrer (Linie 124) auf der Straße „Am Mittelfelde“. Kurz vor der Haltestraße „Dorfstraße“ ließ er den Bus ausrollen. Vor ihm wollte ein silberner Wagen links abbiegen. „Plötzlich stand er voll auf der Bremse“, sagte Barhan S. Um einen Unfall zu vermeiden, musste der Berufskraftfahrer eine Gefahrbremsung machen. Der Autofahrer hatte einen Radfahrer übersehen.

Im Bus stürzten mehrere Fahrgäste. Eine Frau erlitt eine blutende Gesichtswunde, sie konnte nicht mehr ausfindig gemacht werden. Die Mutter (46) eines kleinen Jungen (4) erlitt hingegen einen Rippenbruch. Der Busfahrer stoppte an der Haltestelle, stieg aus und fragte die beiden Verletzten, ob sie verletzt seien. Die leichten Verletzungen (zwei Prellungen) des Vierjährigen war zu diesem Zeitpunkt noch nicht feststellbar. Die Fahrgäste bestätigten, dass sie ok seien. Barhan S. fuhr weiter.

Heute weiß er, dass das nicht richtig war. „Ich habe in dieser Sache sehr viel falsch gemacht“, sagte er im Amtsgericht. Laut Zeugenaussagen habe sich der Busfahrer nur auf Anforderung und sehr kurz nach dem Wohlbefinden der Verletzten erkundigt.

Anwalt Martin Berkemeier beantragte einen Freispruch für seinen Mandanten. Das Verhalten des Autofahrers (er konnte nicht ermittelt werden) sei nicht vorhersehbar gewesen. Er habe auch keine Unfallflucht begangen, weil seine Personalien leicht feststellbar seien. Und er sei auch nicht verpflichtet, einen Arzt zu rufen, wenn erwachsene Fahrgäste nicht darauf drängten.

Amtsrichter Buck sah das anders. Die Verkehrssituation sei nicht völlig unvorhersehbar gewesen. Und: „Bei Verletzten muss ich mich ausführlich erkundigen, was passiert ist.“ Das Urteil wird wohl nicht rechtskräftig werden. Die Üstra prüft derzeit die arbeitsrechtlichen Konsequenzen für Barhan S. Üstra-Sprecherin Katja Raddatz: „Wir entscheiden das von Fall zu Fall. Es gibt in solchen Angelegenheiten keine generelle Lösung.“

Von Thomas Nagel