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Meine Stadt Vier Jahre Gefängnis nach Auto-Attacke?
Hannover Meine Stadt Vier Jahre Gefängnis nach Auto-Attacke?
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12:31 29.10.2018
Bewährung oder Gefängnis? Lennart H. und sein Anwalt Holger Nitz. Quelle: Zgoll
Hannover

Eigentlich wollte Richterin Monika Thiele das Urteil noch am selben Tag nach den Plädoyers verkünden. Doch Anwalt und Staatsanwältin haben ihr eine ordentliche Nuss zu knacken gegeben. Deshalb hat die Vorsitzende der Zweiten Jugendkammer entschieden, das Urteil am Donnerstag, 1. November, zu verkünden.

Es geht darum, ob der 19-jährige Lennart H. für mehrere Jahren im Gefängnis verschwindet oder ob die Chance auf ein bürgerliches Leben erhält. Beide Entscheidungen ließen sich mühelos für die erfahrene Richterin begründen.

Keine schweren Verletzungen

Am 8. März 2018 fuhr Lennart H. mit seinem Auto auf seine Kollegin (20) zu. Mit etwa 30 Stundenkilometern wollte der Azubi auf dem Parkplatz bei Möbel Staude seine Kollegin umfahren. Laut eines Sachverständigen reichte das Tempo aus, um die junge Frau auf dem Fahrrad zu töten. Handelte Lennart H. also in Tötungsabsicht? Sollte das Gericht diese Frage bejahen, dann dürfte der Angeklagte etwa vier Jahre Gefängnis bekommen, so wie es der Staatsanwältin gefordert hat. Denn dann handelte es sich um versuchten Mord.

„Mein Mandant hatte keine Tötungsabsicht“, sagt Anwalt Holger Nitz. Das Opfer habe bis auf eine Prellung und Hautabschürfungen keine schweren Verletzungen davon getragen. Reicht das, um einen jungen Mann wegen versuchten Mordes zu verurteilen?, fragt sich der Anwalt. Er beantragte eine Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten Haft. Er glaubt, dass sich sein Mandant der gefährlichen Körperverletzung in Tateinheit mit gefährlichem Eingriff in den Straßenverkehr schuldig gemacht habe.

Unklares Motiv

Das Motiv blieb auch im Prozess unklar. Täter und Opfer machten eine Ausbildung bei Möbel-Staude. Anfangs verstanden sie sich gut, dann verschlechterte sich das kollegiale Verhältnis. Die junge Frau beschwerte sich über Lennart H. Der junge Mann gilt als eher depressiv. Der psychiatrische Gutachter meinte im Prozess: Irgendetwas habe das Fass am 8. März zum Überlaufen gebracht. Lennart H. hat keine Vorstrafen und auch nie etwas mit Drogen zu tun, er ist nach Expertenmeinung auch nicht psychisch krank.

Wenige Tage nach der Tat stellte sich Lennart H. der Polizei. Er hat eine Therapie begonnen, damit so etwas nie wieder passiert. Er hat auch 2500 Euro im Rahmen des Täter-Opfer-Ausgleichs an die junge Frau bezahlt. Seine Entschuldigung vor Gericht lehnte sie ab. Seit der Tat leidet sie unter Verfolgungswahn und Ängsten.

Von Thomas Nagel