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Meine Stadt Landgericht Hannover: Bewährung für Baby-Schüttler
Hannover Meine Stadt Landgericht Hannover: Bewährung für Baby-Schüttler
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00:26 30.06.2019
VERURTEILT: Markus I. hat seinen neugeborenen Sohn stark geschüttelt (rechts: Anwalt Roman von Alvensleben). Quelle: Foto: Nagel
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HANNOVER

Nach dem Urteil liegen sich Markus I. (27) und seine Frau weinend in den Armen. Es könnten Freudentränen sein. Aber es sind wohl eher Tränen des Leids. Denn Markus I. wurde am Donnerstag wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer zweijährigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt. Die 12. Große Strafkammer stellte fest, dass der Angeklagte seinen drei Monate alten Sohn mindestens fünf bis sechs Sekunden kräftig geschüttelt und damit schwer verletzt hatte.

Die Tat ereignete sich am 28. Juni 2017 in Hameln. Das Kind musste in der MHH intensiv-medizinisch versorgt werden. Es wurde eine Hirnblutung diagnostiziert. „Wir wissen nicht, was genau passiert ist“, stellte Richterin Britta Schlingmann fest. Der Angeklagte hatte die Tat geleugnet. Er habe sein Kind nur ungeschickt angefasst, als es sich beim Hochnehmen drehte. Anhand einer Puppe zeigte er dem Gericht, was geschehen war. Doch eine Gutachterin hielt es für unwahrscheinlich, dass durch diese Bewegung das schwere Schütteltrauma ausgelöst worden sein konnte.

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Kein Impfschaden

Anwalt Roman von Alvensleben hatte einen Impfschaden als Ursache für die Hirnblutung ins Feld geführt. Das Baby hatte zwölf Tage vor der Straftat eine Sechsfachimpfung erhalten. Doch ein Impfschaden liegt nicht vor: Zwar sagte eine MHH-Ärztin (53), dass nach Impfungen Blutgerinnungsstörungen auftreten könnten – doch das könnte man anhand von Laborwerten feststellen. Bei dem Sohn von Markus I. waren die entsprechenden Werte völlig normal.

Dahingegen sprachen die Blutungen im Augenhintergrund eindeutig für ein schweres Schütteltrauma. Und insofern blieb dem Gericht nichts anderes übrig, als Markus I. wegen gefährlicher Körperverletzung zu verurteilen.

Überforderung als Motiv

Angeklagt war er wegen Misshandlung von Schutzbefohlenen. Doch das Gericht konnte keine „rohe Gesinnung“, wie es das Gesetz vorschreibt, bei dem Angeklagten erkennen. Er und seine Frau hätten sich liebevoll um ihr Baby gekümmert, meinte die Richterin. „Wir vermuten, dass es eine Überforderung war“, sagte sie. So hatte die Frau des Angeklagten kurz nach der Tat gesagt, dass ihr Mann wegen Stresses stark gezittert habe.

Das Kind hat sich trotz der Hirnblutung gut entwickelt. Es lebt jetzt in einer Pflegefamilie. Die Eltern besuchen regelmäßig unter Aufsicht das Kind. Sie haben sich bislang an alle Auflagen gehalten.

Staatsanwältin Martina Sterwerf hatte drei Jahre Gefängnis für Markus I. gefordert. Hätte das Kind von dem Schütteltrauma schweren Schaden davon getragen, würden wir nicht über eine Bewährungsstrafe reden, stellte die Richterin fest. Insofern waren es vielleicht doch Freudentränen, die Markus I. vergossen hat.

Von Thomas Nagel