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Meine Stadt Immer mehr Einsätze: Wenn die Lebensretter als Taxi missbraucht werden
Hannover Meine Stadt Immer mehr Einsätze: Wenn die Lebensretter als Taxi missbraucht werden
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00:17 19.03.2019
LEBENSRETTER ALS TAXI: Die Anspruchshaltung der Bürger ist gewachsen, ausbaden müssen es unter anderem die Rettungsdienste. Das wurde deutlich auf dem 21. Hannoversches Notfallsymposium der Johanniter in der MHH. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Wer rettet die Retter vor den eingebildeten Schwerstkranken? Banalbeschwerden wie „Rückenschmerzen, Männergrippe, Kniebeschwerden“ haben die Rettungsfahrten in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent ansteigen lassen. Dieses Phänomen und die Folgen sind Hauptdiskussionsthema des 21. Hannoverschen Notfallsymposiums der Johanniter in der Medizinischen Hochschue (MHH) an diesem Sonnabend.

112 bei Knieschmerzen

Kersten Enke (59), Leiter der Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen kennt die Probleme: „Nachts um drei Uhr hat jemand Knieschmerzen, der kassenärztliche Notruf vertröstet um ein paar Stunden und dann wird mal eben die Notrufnummer gewählt.“ Es gebe einen fünfzigprozentigen Anstieg der Fahrtkosten, obwohl die Leute nicht kränker geworden seien. „Wir haben das Problem, dass viele Menschen keinen Bezug mehr haben zu ihrem Körper, zu ihrer Gesundheit“, erklärt Enke. „In vielen Haushalten gibt es nicht einmal ein Fieberthermometer.“ Gesundheitliche Probleme wie Kopf- oder Rückenschmerzen würden überinterpretiert, „aber man möchte sofortige Hilfe haben“. Da wähle man dann den Notruf 112, „der primär für lebensbedrohliche Situationen gedacht ist wie Herzinfarkt, wie schwere Unfälle, Schlaganfälle“. Doch auch die Patienten mit Bagatellbeschwerden landen oft in der Notaufnahme, das verursacht zusätzliche Kosten. Etwa 230 Euro kostet so eine Fahrt mit dem Rettungswagen, „im schlimmsten Fall aber steht dann ein Rettungswagen nicht sofort für lebensbedrohliche Fälle zur Verfügung“, so Enke.

Frust bei den Helfern

Das frustriert die Notfallsanitäter, die in ihrer dreijährigen Ausbildung für Extremfälle ausgebildet worden sind. Das frustriert auch die Rettungsassistenten, die zum Teil unter schlimmsten Bedingungen die Wagen fahren – und dann zu einer Person, die womöglich nur Kopfweh hat. „Von zehn Einsätzen sind vielleicht ein bis zwei bedrohter oder sogar lebensbedrohlich“, berichtet Martin Riemann (36), Notfallsanitäter und Praxisanleiter aus Wunstorf. „Wir sind ausgebildet für alle Situationen von Geburtshilfe bis Sterbebegleitung, und fahren dann mit dem Wagen inklusive medizinischer Ausrüstung für 150.000 Euro zu allgemeinen Beschwerden wie die Prellung nach dem Sport oder Erkältung. Der Bürger ist hier etwas unselbstständiger geworden.“ Eingewachsene Zehennägel seien kein Einzelfall, um einen Notruf zu tätigen. „Die meisten meinen es nicht einmal böse, die haben dann nur versäumt, zum Hausarzt zu gehen oder keinen schnellen Termin beim Facharzt bekommen und rufen dann gerade am Wochenende die 112. Bei vielen ist das Bequemlichkeit.“

Nun müssen die Retter nicht jeden mitnehmen, möglich ist immer noch, eine „Fehlfahrt“ (kostenlos) anzuzeigen, eine Versorgung vor Ort zu machen (zahlt Krankenkasse), aber der eigentliche Rettungsdienstauftrag wäre dann etwa ein Patient mit Schlaganfall, der in die Klinik transportiert wird.

Sind Arztserien schuld?

Der Fluch ihrer Arbeit ist für die Rettungsdienste gleichzeitig ihre Existenzbegründung: „Wir sind immer erreichbar, wir sind immer da. Jeden Tag, rund um die Uhr.“ Ihren Job: medizinische Versorgung vor Ort, die Organisation intensiver Behandlung in den Kliniken, Leben retten, „das machen wir auch gern, aber es ist einfach nicht alles nötig, was erwartet und verlangt wird“.

Kai Schäfer (46) aus Hannover, Fachbereichsleiter Rettungsdienst Notfallmedizin an der Johanniter-Akademie Niedersachsen/Bremen bildet Notfallsanitäter aus und muss den jungen engagierten Leuten die Illusion nehmen, dass Retter von den Geretteten immer nur fair und freundlich behandelt werden. Und dass man eine super Ausbildung für jeden Extremfall bekommt, aber sich dann doch oft um Wehwehchen kümmern muss. „Die Bürger sind wirklich fordernder geworden“, sagt er und macht auch Krankenhaus- und Arztserien mitverantwortlich, die den Eindruck vermitteln würden, dass dies quasi die letzte heile Welt mit reichlich Personal und Zuwendung sei.

Oma zu Feiertagen in Klinik bringen

Kersten Enke sieht aber auch „soziale Indikationen“, „besonders zu Feiertagen rufen dann auch schon mal Leute an, die Oma oder Opa loswerden wollen, weil man womöglich verreisen will oder ohne sie feiern“. Er habe Ende 1970 angefangen, Rettungsdienste zu fahren. „Da wussten wir, warum wir rausgefahren sind.“ Das seien damals in aller Regel echte Notfälle gewesen. So sinke auch die Berufszufriedenheit und das in einer Zeit, in der der Fachkräftemangel auch der Rettungsbranche zusetzt. Laut Gesundheitswissenschaftler Gordon Heringshausen ist der Rettungsdienst die Berufsgruppe mit dem meisten Fehltagen durch Burnout.

Beschimpfungen gehören dazu

Das Fahren zu den Bagatellfällen, zuweilen körperliche und vor allem übergriffige verbale Gewalt nage an den Rettern, „das nagt“, sagt Kersten Enke. „Viele setzen auch die Rettungsbekleidung mit Uniform gleich, man sieht sich von manchen Bevölkerungsgruppen als Vertreter der Staatsgewalt.“ Es könne aber auch „im gutbürgerlichen Milieu passieren, dass man von Bürgern beschimpft wird, weil man mit dem Rettungswagen in einer Grundstückeinfahrt steht. Habe ich selbst erlebt“, so Enke.

Widerliche Gaffer

Dazu käme ein zweites Phänomen, das sich mit Aufkommen der Smartphones verstärkt habe. „Die Gaffer sind teilweise wirklich widerlich“, meint Riemann aus eigener Erfahrung. Auch Kersten Enke bedrückt das Thema sehr, die Schamlosigkeit fehle, „das Unvorstellbare ist selbstverständlich geworden“, man habe das Anspruchsdenken: „Jetzt bin ich hier, da will ich gleich in die erste Reihe und das steht mir zu.“ Mittlerweile gehöre zur Ausbildung der Notfallsanitäter das Fach Deeskalationstraining und Konfliktbewältigung.

Und dennoch: „Das ist einer der schönsten Berufe, unglaublich sinnstiftend, die Persönlichkeit der Leute die hier tätig sind, wächst auch noch“, weiß Kersten Enke. „Man nimmt unglaublich viel für sich mit.“

Von Petra Rückerl

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