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Meine Stadt Hannover: Salomon Finkelstein ist tot
Hannover Meine Stadt Hannover: Salomon Finkelstein ist tot
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00:25 30.06.2019
Die letzten Lebensjahre verbrachte Salomon Finkelstein in seiner Südstädter Wohnung. Quelle: Petrow
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Hannover

Salomon Finkelstein ist tot. Er starb wenige Tage vor seinem 97. Geburtstag in der Medizinischen Hochschule Hannover. Damit verliert die Stadt eine ihrer beeindruckendsten Persönlichkeiten und den letzten Überlebenden des Konzentrationslagers Auschwitz. Das schwarze Brandmal aus dem KZ war auf seinem linken Unterarm noch sichtbar, mit den Jahren war es blasser geworden. 142 340. „Die Nazis haben mich zur Nummer gemacht. Mir wurde auch das letzte bisschen Würde genommen“, sagte Finkelstein 2015 im Gespräch mit der NP.

Erst vor knapp drei Wochen hatte der sichtlich geschwächte Zeitzeuge, der seit vielen Jahren nahe des Maschsees in der Südstadt lebte, das Ehrenabitur an der Albert-Einstein-Schule in Laatzen erhalten. Ohne Noten, doch mit Stempel und Unterschriften. Er habe es immer bedauert, nie das Abitur gemacht zu haben, sagte er bei der feierlichen Veranstaltung: „Aber die Nazis haben es nicht zugelassen.“ Finkelstein war zudem Ehrenbürger der Stadt Laatzen. Bürgermeister Jürgen Köhne zeigte sich bestürzt von der Todesnachricht: „Mit Salomon Finkelstein geht ein Freund und großartiger Mensch mit einer bewegenden Geschichte. Ich bin sehr traurig über den Verlust aber zugleich dankbar, ihn gekannt zu haben. Wir haben ihm viel zu verdanken.“

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Salomon Finkelstein war der letzte Überlebende des KZ Auschwitz, der in Hannover lebte.

Auch Michael Fürst, Präsident des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden von Niedersachsen, sagte zum Tod Salomon Finkelsteins: „Es ist ein großer Verlust für die jüdische Gemeinde. Mit seinem Tod verstummt die Stimme des letzten Auschwitz-Überlebenden Hannovers.“ Die Zeitzeugenberichte Finkelsteins seien für die jüngeren Generationen von großer Bedeutung gewesen. Immer wieder hatte er ganze Schulsäle gefüllt und seine Geschichte erzählt. Oft sagte der Verstorbene dabei diesen Satz: „Fragt uns, wir sind die letzten!“ Die Vorsitzende der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover, Ingrid Wettberg, nannte den Verstorbenen einen „großen Menschen“. „Er war eine Institution, ein beeindruckender Mensch. Trotz der Grausamkeiten, die er während der Nazi-Zeit erleiden musste, war er nie von Rache oder Hass auf Menschen getrieben. Im Gegenteil: Salomon Finkelstein war ein Menschenfreund“, so Wettberg.

„Tschüss, Mama“ waren die letzte Worte

Dabei waren es Menschen, die das Böse in sein Leben brachten. Als er gerade 17 Jahre alt war, besetzten die Deutschen seine Heimatstadt Lodz (Polen). Mit seiner Familie kam er ins Ghetto. „Schon nach kurzer Zeit gab es fast nichts mehr zu essen. Die Menschen mussten sich an den Wänden festhalten, so schwach waren sie“, erzählte er. Um dem Hungertod zu entgehen, meldete er sich freiwillig als Zwangsarbeiter. Bevor ihn der schwere Lastwagen wegbrachte, sah er seine Mutter zum letzten Mal. „Tschüss, Mama“, nie hatte er die Worte vergessen, die er ihr noch zugerufen hatte.

Seine Familie, Mutter, Vater und die Brüder, überlebten die Nazi-Schrecken nicht. Erst Jahrzehnte später fand er seinen jüngeren Bruder David – in Israel. Er lebte. Salomon Finkelstein überstand sogar sein schwärzestes Kapitel: Auschwitz. Im Herbst 1942 kam er in das Konzentrationslager, das heute das Synonym für die Massenvernichtung der Juden ist. „Ich wusste wenig, und doch wusste ich alles über dieses Konzentrationslager.“ Die Nazis machten ihn zur Nummer, brannten mit einer heißen Nadel sechs Zahlen in seinen linken Unterarm: 142 340. Nur die Farbe verblasste mit den Jahren, niemals die Erinnerung: „Ab diesem Augenblick war ich nicht mehr Salomon Finkelstein, kein Mensch mehr. Mir wurde auch das letzte bisschen Würde genommen.“

„Ich hatte den festen Willen zu überleben“

Dass er Auschwitz lebend verlassen würde, wagte Salomon Finkelstein nicht zu hoffen. Das Böse war zu groß. Ein SS-Offizier sagte einmal zu ihm: „Du willst doch in die Freiheit.“ Er habe genickt. Dann zeigte der Offizier auf einen Schornstein: „Aber nur durch den da.“ Als das Konzentrationslager am 27. Januar 1945 befreit wurde, war Finkelstein auf einem Todesmarsch mit Tausenden anderen Häftlingen. „Ich hatte keine Kraft mehr, aber den festen Willen zu überleben.“

Nach dem Krieg blieb Salomon Finkelstein in Deutschland, unterschied sehr genau zwischen den Deutschen und den Nazis. Pauschalurteile lehnte er ab. Nie war er von Hass oder Rache getrieben. Jedoch von der Sorge, dass sich der Holocaust wiederholen könnte: „Ich glaube, dass leider alles möglich ist. Es gibt Menschen, die lernen aus der Vergangenheit. Und es gibt welche, die lernen es nie!“

Von Britta Lüers