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Meine Stadt Hannover: Aus Verzweiflung gezündelt
Hannover Meine Stadt Hannover: Aus Verzweiflung gezündelt
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11:08 29.11.2017
GESCHEITERT: Hussein F. (Mitte) kam in Deutschland nicht zurecht. Verteidigerin Tanja Brettschneider nahm das Urteil an.
GESCHEITERT: Hussein F. (Mitte) kam in Deutschland nicht zurecht. Verteidigerin Tanja Brettschneider nahm das Urteil an.
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Hannover

Schöffenrichter Koray Freudenberg brachte es im Urteil auf den Punkt. Zu Hussein F. (26) sagte er: „Sie hatten keine Perspektive, an diesem Punkt kommen Menschen schnell auf dumme Gedanken.“ Gerade war F. wegen versuchter schwerer Brandstiftung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt worden. Er hatte am 12. Juni 2017 im DRK-Flüchtlingsheim in Hemmingen ein Feuer gelegt. Um genauer zu sein: Er hatte Matratze, De­cken und Kopfkissen in seinem Zimmer aufgetürmt und angesteckt. Die Feuerwehr konnte Schlimmeres verhindern. Menschen kamen nicht zu Schaden.

Während der Brand gegen 19 Uhr gelöscht wurde, stand Hussein F. mit gepackter Tasche in der Polizeiinspektion Hannover-Mitte. „Ich habe meine Sachen für das Gefängnis gepackt“, sagte er auf Englisch. Er kam in U-Haft.

Hussein F. ist ein lebendes Beispiel für eine nicht vorhandene Einwanderungspolitik. 2011 wanderte er aus dem Libanon in die Vereinigten Arabischen Emirate aus. „Dort arbeitete er für einen Gastronomen als Buchhalter bis zur völligen Erschöpfung“, sagt Anwältin Tanja Brettschneider. Er konnte den Job nicht wechseln, ohne seine Aufenthaltserlaubnis zu verlieren. Also reiste er per Visum nach Deutschland ein. Mit der Hoffnung auf Arbeit und Familie. Deutschland sei schon als Zwölfjähriger sein Traumland gewesen, heißt es in den Akten. Im Alter von 19 Jahren ließ sich Hussein F. „Deutschland“ und einen Bundesadler auf seinen Oberarm tätowieren.

Hier lernte er die Tristesse des Asylbewerbers kennen. „Ich wollte nie von staatlichen Geldern leben. Ich arbeite, seit ich 15 Jahre alt bin“, sagte er vor Gericht. Das Nichtstun machte ihn krank. Er ging in die Psychia­trie und wurde zurückgewiesen. Noch am Tattag er­schien er im Hemminger Rathaus beim Sozialen Dienst. Er wollte eine eigene Wohnung. Als man ihm erklärte, dass das nicht möglich sei, drohte er: „Ich zünde das Rathaus an.“ Das tat er nicht. Dafür wollte er das Flüchtlingsheim anstecken. Zuvor hatte er noch Mitbewohner gewarnt, dass sie das Gebäude verlassen müssten. „Ich habe es aus Verzweiflung getan“, meinte der Angeklagte. Er ist nicht vorbestraft. Jetzt darf er endlich arbeiten. Richter Freudenberg machte 250 Stunden gemeinnützige Arbeit zur Bewährungsauflage. Dage­gen wird er wohl verstoßen. „Er will wieder zurück zu seiner Familie in den Libanon“, sagt seine Anwältin. Kuriert von dem Traum von einem besseren Leben in Deutschland.

Von Thomas Nagel