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Meine Stadt Hannover: Auf der Suche nach den Tieren des Regenwalds
Hannover Meine Stadt Hannover: Auf der Suche nach den Tieren des Regenwalds
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00:20 29.03.2018
HERRIN AM AMAZONAS: Wiebke Janßen vor der Kulisse des Asisi-Kunstwerks.
HERRIN AM AMAZONAS: Wiebke Janßen vor der Kulisse des Asisi-Kunstwerks. Quelle: Wilde
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HANNOVER

 Mitten im tiefsten Dickicht versteckt liegt ein kleine, braune Bierflasche. Das Etikett unleserlich. Von irgendeinem Umweltfrevler im Urwald Amazoniens weggeworfen? Nicht wirklich. Denn diese Flasche ist eine Art Running Gag des Künstlers Yadegar Asisi. Es heißt, in jedem seiner 360-Grad-Panoramen sei eine solche versteckt. Fans machen sich einen Spaß daraus, sie zu suchen.

„Ich habe drei oder vier Wochen gebraucht, bis ich sie gefunden hatte“, berichtet Wiebke Janßen. Und das, obgleich wohl niemand in Hannover diesen speziellen Regenwald besser kennen dürfte, als sie. Die 40-Jährige ist Leiterin des Panoramas am Zoo und fast jeden Tag in ihm zu Gange. Was ihre Begeisterung für das Rundumbild nicht hat schmälern können. „Dieses Detailreichtum ist einfach faszinierend. Ich kann mich einfach nicht satt sehen. Auch ich entdecke noch jeden Tag etwas Neues.“

Das Sehen neu lernen

Man muss sich darauf einlassen können, um diese Wirkung zu verspüren, sie zu verstehen. Ein schneller Rundgang bringt nichts. Es ist auch ein Prozess der Entschleunigung, der hier stattfindet. „Asisi selbst hat immer gesagt, es gehe auch darum, das Sehen neu zu lernen“, sagt Janßen. Der flüchtige Blick kann die Fülle des Dargestellten nicht erfassen.

Die durchschnittliche Verweildauer der Besucher liege zwischen ein und eineinhalb Stunden, eine halbe Stunde aber sollte nach Ansicht Janßens das äußerste Minimum sein. Manche bleiben länger. Das längste, was sie habe beobachten können, seien zweieinhalb Stunden gewesen. „Das Schönste ist, wenn die Leute anschließend auf ihre Uhren gucken und sich wundern: ‚Was, so lange waren wir da drin?’“ Mittlerweile gebe es viele, die wiederkämen, einige sogar schon viermal, freut sie sich.

Aufwendige Technik

Janßen ist die Chefin von sechs Mitarbeitern. Wenn sie morgens das Panorama betritt, fährt sie den Computer und die Beleuchtungsanlage hoch und macht zunächst einen Funktionstest. Ein guter Teil der Faszination rührt von der aufwendigen Technik her, den Lichteffekten und dem Ton. Über die vom Künstler vorgegebene Musikeinspielung gehen mitunter die Meinungen etwas auseinander, aber die räumliche Verteilung der Geräusche, das Summen der Insekten, Zwitschern der Vögel, das Rauschen des Windes und das Prasseln des Regens hören sich je nach Standort anders an. Und in der Schwarzlicht verstärkten Dämmerung ergibt dies in der Summe eine täuschende Illusion des echten Regenwaldes. Fehlen eigentlich nur die Gerüche.

Ein Sinnesrausch, der sich vor allem auf den verschiedenen Ebenen des zentralen Turms einstellt. Wiebke Janßen dagegen bleibt auch gerne auf dem Boden, geht ganz dicht ran an das Bild. Dort kann sie die winzigen Details ausmachen, die ihr besondere Freude bereiten: Die Blattschneiderameisen, die über ein Blatt krabbeln, der Rotaugenfrosch oder auch der schwarz-gelbe Salamander, der einen Baum hinauf krabbelt. „Der sieht so echt aus, als ob man ihn aus dem Bild rausgreifen, abpflücken könnte.“ Besucher würden vor allem die Opossums lieben, von den es acht zu entdecken gebe. Schwer zu finden seien die fünf Jaguare. „Die sind sehr klein und weit im Hintergrund des Bildes.“

Neue Ideen

Janßen und ihre Mitarbeiter entwickeln immer weiter Ideen für den spannenden Panorama-Besuch. Für Kinder gibt es eine Rallye, bei der sie sich auf die Suche nach bestimmten Tieren begeben. Neu im Angebot sind auch Führungen für Schulklassen. Doch auch einfache Besucher können sich in halbstündigen Führungen von den Mitarbeitern deren persönliche Highlights zeigen lassen.

Wer sich darauf einlasse, „kann die Magie eines Ortes spüren, an dem der Alltag draußen bleibt“, ist Janßen sicher. Manchmal, wenn die Gäste weg sind, setzt sie sich auch noch ein Weilchen in einen der Sessel vor der Leinwand. „Dann genieße ich die Stille im Panorama nach Feierabend.“

Neue Preise

Noch kann der Zoo mit den Besucherzahlen nicht zufrieden sein. In den ersten drei Monaten kamen nur 20 000 ins Panorama. 280 000 im Jahr sollten es eigentlich werden, damit die Kosten wieder reinkämen. Nun sollen 200 000 reichen, da die Altersstruktur der Besucher mit durchschnittlich 46 bis 55 Jahren höher ist als gedacht. Ursprünglich war mit einem größeren Kinderanteil kalkuliert worden, was die durchschnittlichen Pro-Kopf-Einnahmen wegen der günstigeren Ticketpreise verringert hätte.

Doch da möglicherweise viele potenzielle Besucher von dem relativ hohen Eintritt abgeschreckt wurden, hat der Zoo jetzt an der Preisschraube gedreht. Seit Saisonauftakt kosten die Karten genauso viel wie in den anderen Asisi-Panoramen. Hannover hatte zunächst höhere Preise verlangt, weil hier anders als in den anderen Städten das Finanzamt nicht bereit ist, den günstigeren Mehrwertsteuersatz für Kultureinrichtungen zu akzeptieren.

Die aktuellen Preise sind: 11,50 Euro für Erwachsene ab 25 Jahren, zehn Euro für junge Erwachsene (17 bis 24 Jahre), sechs Euro für Kinder zwischen 6 und 16 und ein Euro für Ein- bis Fünfjährige. Kleinkinder unter einem Jahr kommen umsonst rein. Bis Jahresende gibt es auch ein Familienticket: Zwei Erwachsene und zwei Kinder für 29 Euro. Wobei hier vor allem jüngere Eltern gut nachrechnen sollten, ob sich das lohnt, denn etwa zwei 20-Jährige mit zwei Kindern unter sechs Jahren würden regulär nur 22 Euro zahlen.

Zoochef Andreas Casdorff ist sicher, dass die Besucherzahlen noch anziehen werden. „Auch andere Panoramen sind im Winter schlecht besucht“, sagte er. Wirksamste Werbung sei die Mund-zu-Mund-Propaganda. Und die brauche Zeit, sich zu entfalten.

Von Andreas Krasselt