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Meine Stadt Hannover: Altkanzler Schröder stiftet moderne Fensterkunst
Hannover Meine Stadt Hannover: Altkanzler Schröder stiftet moderne Fensterkunst
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00:27 30.04.2018
EIN MODERNER AKZENT: So soll das Reformationsfenster des Künstlers Markus Lüpertz in der Südwand der Marktkirche aussehen.
EIN MODERNER AKZENT: So soll das Reformationsfenster des Künstlers Markus Lüpertz in der Südwand der Marktkirche aussehen. Quelle: Matthias Riemann
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HANNOVER

Es ist ein spannendes Unterfangen: Ein katholischer Künstler gestaltet ein riesiges Fensterbild für die bedeutendste evangelische Kirche der Stadt, in dem mit fünf fetten Fliegen auch Symbole des Bösen oder zumindest der Vergänglichkeit für Diskussionsstoff sorgen dürften. Doch Stadtsuperintendent Hans-Martin Heinemann war von Anfang an von der Idee „elektrisiert“, die Marktkirche auf diese Weise mit einem zeitgenössischen Akzent zu versehen. „Und so das, was uns so wertvoll ist an der Reformation, in die Gegenwart zu tragen.“

Das Motiv soll eines der zentralen Fenster zur Südseite zieren. 13 Meter wird es hoch sein, etwa 2,50 Meter breit. Der Entwurf stammt von dem renommierten Künstler Markus Lüpertz. Das Fenster ist ein Geschenk von Alt-Kanzler Gerhard Schröder, eigentlich gedacht zum Reformationsjubiläum im vergangenen Jahr. Doch so schnell ließ sich das dann doch nicht umsetzen.

Kontroverse Diskussionen

Zunächst galt und gilt es noch immer auch Kritiker von dem Wert zu überzeugen. „Es ist wichtig, die Gemeinde am weiteren Prozess zu beteiligen“, betonte Marktkirchenpastorin Hanna Kreisel-Liebermann am Freitag bei der Vorstellung des Projekts. Sie kündigte drei öffentliche Veranstaltungen an, „an denen es bewusst auch kontroverse Diskussionen geben kann.“

Für Landessuperintendentin Petra Bahr soll „die Gegenwartsbedeutung unseres Glaubens in dem Kunstwerk zum Thema werden“, sagte sie. Und vielleicht ist es gerade der katholisch geprägte Blick des Künstlers, der Themen wie Sterben und eben das Böse ins Bild bringt, die in der evangelischen Liturgie offenbar etwas vernachlässigt wurden. „Wir gehen wir mit dem Bösen um?“ fragte Bahr. „Wir haben in der evangelischen Theologie lange nicht mehr über das Böse geredet.“ Doch sei dies vielleicht gerade heute wieder wichtig.

Von unten nach oben zu lesen

Wie jedes Bild so erzählt auch dieses eine Geschichte, auf Grund seiner länglichen Form jedoch ungewohnt zu lesen. Statt von links nach rechts von unten nach oben, erklärte Ulrich Krempel, langjähriger Chef des Sprengel-Museum. Und wie so oft bei der modernen Kunst gibt es auch bei der Interpretation verschiedene Deutungsmöglichkeiten. Zentral ist eine große menschliche Gestalt in einem weißen Gewand mit einer auch für den Kunstexperten Krempel nicht klar zu identifizierenden Kopfbedeckung.

„Es ist jedenfalls nicht der Papst“, wehrt er einen Erklärungsansatz ab.“Dann müsste er eine Tiara tragen.“ Auch den Spender Schröder dürfe man nicht dahinter vermuten, scherzt er. Die Gestalt hat die Hände zu einer segnenden Geste ausgebreitet. Und offenbar ist das Kleidungsstück ein Taufgewand. „Die Taufe ist das zentrale Element aller christlichen Konfessionen“, betonte auch Heinemann. Und ganz oben im Bild symbolisieren Tintenfass und Feder die zentralen Elemente der Reformation: die luthersche Bibelübersetzung. Aus der Hand eines wie gesagt katholischen Künstlers vielleicht eine gelungene ökumenische Geste.

Veränderte Atmosphäre

„Das Fensterbild wird die Atmosphäre des Kirchenraums auch im Lichtbereich verändern“, so Krempel. Es werde eine traditionelle Bleifensterkonstruktion sein, mit einer entsprechend starken senkrechten Gliederung. Neben den zentralen Figuren gebe es auch viele Motivzitate mittelalterlicher Kirchenfenster. Die Bildsprache entwickele sich auf mehreren Schichten. Wobei die besagten Fliegen auf der dem Betrachter nächsten Ebene angesiedelt seien. Vielleicht als Mahnung: „Das Böse ist immer nah bei Euch.“

Die Herstellungskosten des Reformationsfensters zahlt Altkanzler Schröder aus Vortragshonoraren. Das Künstlerhonorar zahlt eine anonym bleibender „enger Freund Schröders aus Essen“, so Kirchenvorstandsvorsitzender Reinhard Scheibe. Wann das Fenster erstellt und eingebaut werden kann, ist noch unklar, zumal der Denkmalschutz noch ein Wörtchen mitzureden hat.

Ein Wunschtermin wäre der kommende Reformationstag. „Aber wir haben jedes Jahr einen“, so Heinemann. Immerhin: Das Fenster, zuvor nur eine Idee, ist jetzt auf dem Weg.

Genialer Künstler und Schröder-Freund

Markus Lüpertz, 1941 in Reichenberg geboren, zählt zu den bekanntesten deutschen Künstlern der Gegenwart. Neben seiner Arbeit als Maler, Grafiker und Bildhauer schreibt er Gedichte und spielt Free Jazz auf dem Klavier. Er ist ein langjähriger Freund des Alt-Kanzlers Gerhard Schröder, der ihn daher für die Gestaltung des Reformationsfensters für die Marktkirche ausgewählt hatte. Wie übrigens auch schon im Jahr 2001 für ein riesiges Wandbild in Schröders Berliner Kanzleramt.

Von 1988 bis 2009 war Lüpertz Rektor an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf. In der Öffentlichkeit zeigt er sich als exzentrischer Maler, der seinen eigenen Geniekult betreibt.

Bereits seit 1989 entwarf er wie seine Malerkollegen Gerhard Richter, Neo Rauch, Sigmar Polke oder Imi Knoebel laut Wikipedia auch Kirchenfenster, etwa für die französische Kathedrale Saint-Cyr-et-Sainte-Julitte in Nevers. Er bezeichnete es als einen der schönsten und beglückendsten Momente, mit Licht zu malen. Im Jahr 2016 erhielt der schon vor vielen Jahren zum Katholizismus konvertierte Lüpertz den Auftrag, zwei Fenster für die Evangelische Marienkirche in Lippstadt zu gestalten, darunter eines zum 500-jährigen Reformationsjubiläum, ein ähnliches Projekt also wir für die Marktkirche. Das Reformationsfenster in Lippstadt zeigt eine abstrakte Person und soll den Reformator in jedermann symbolisieren – was dann wohl auf den hannoverschen Entwurf in ähnlicher Weise zutreffen dürfte.

Von Andreas Krasselt