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Meine Stadt Hannover: Altersarmut nimmt zu
Hannover Meine Stadt Hannover: Altersarmut nimmt zu
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22:19 21.12.2017
Quelle: dpa
Hannover

Sie kommen mit einem Rollator und sind adrett gekleidet. Sie heben sich deutlich heraus aus der üblichen Schar der Armen und Wohnungslosen. Immer mehr ältere Damen, so hat Diakoniepastor Rainer Müller-Brandes beobachtet, sind auf die ökumenische Essenausgabe angewiesen. Ihre Rente reicht einfach nicht für eine warme Mahlzeit.

„Noch vor zehn Jahren hätten sich diese Frauen das nicht getraut“, meint Müller-Brandes. Armut werde von den meisten Älteren als Schande empfunden. Auch heute noch wollen die Betroffenen nicht auffallen: „Sie setzen sich abseits, meiden Gespräche.“

 Den traurigen Trend kann die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten mit Zahlen belegen. Geschäftsführerin Claudia Tiedge fordert einen Kurswechsel in der Rentenpolitik. Die Zahl der Menschen, die in der Region Hannover neben ihrer Rente auf Grundsicherung angewiesen sind, sei in den vergangenen zehn Jahren um 26 Prozent gestiegen. 18 243 Bezieher von „Alters-Hartz-IV“ zählt die Region.

Angaben des Statistischen Landesamts dokumentieren die Entwicklung. Tiedge nennt die Zahlen einen „Weckruf“. Zwar sei die Rentenkasse so gut gefüllt wie lange nicht, aber Geringverdiener profitierten kaum von der nächsten Erhöhung. Gerade Frauen und Alleinerziehenden bleibe trotz vieler Arbeitsjahre der Gang zum Sozialamt häufig nichterspart.

Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung hat im Sommer belegt, dass gerade die Generation (als Männer und Frauen der geburtenstarken 1950er- und 1960er-Jahre) von Altersarmut bedroht sind. Als armutsgefährdet gilt ein Rentner, dessen Netto-Einkommen weniger als 958 Euro monatlich beträgt. Und das sollen im Jahr 2036 nicht 16,2 Prozent, sondern 20,2 Prozent sein.

„Die Dunkelziffer ist enorm hoch“, meint Hannovers Sozialdezernentin Konstanze Beckedorf. Die Stadt habe gerade die Armutsentwicklung untersucht, dafür die Zahl der sogenannten Transferleistungsempfänger als Basis genommen. Angeblich gab es keine Steigerung im vergangenen Jahr. Aber: „Viele verstecken sich. Armut ist weitaus stärker, als wir sie wahrnehmen.“

Die Sozialdezernentin appelliert an alle Betroffenen, stärker als bisher Beratungsangebote der Stadt zu nutzen. „Wir leisten da viel, gezielt nach der Wohngeldreform.“ Auch durch Angebote wie den Hannover-Aktiv-Pass stelle die Stadt soziale Teilhabe sicher. „Armut darf kein Grund sein, sich zu schämen und sich zu verstecken“, sagt Kostanze Beckedorf.

Von Vera König