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Meine Stadt Hannover: Bauern und Bürger gegen Atomfabrik
Hannover Meine Stadt Hannover: Bauern und Bürger gegen Atomfabrik
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13:27 30.03.2019
Massenprotest: Die Trecker auf dem Weg aus dem Wendland durch die Straßen Hannovers zur Kundgebung auf dem Klagesmarkt. Quelle: Stoletzki
Hannover

Petrus meint es an diesem 31. März nicht gut mit den Widerständlern – es schüttet wie aus Eimern. Dennoch sind viele Fenster an der Podbi offen, aus Wohnungen beschwören die Rolling Stones den „Street Fighting Man“, Männer, Frauen und Kinder stehen an der Straße und bejubeln die ersten Landwirte auf ihren Treckern. „Es war eine fröhliche Stimmung, ein schöner Tag und als dann die Bauern mit ihren Treckern kamen, war das ein richtig tolles Gefühl“, sagt Anne Zacharias.

„Tolle Allianz zwischen Bauern und politisch engagierten Leuten“

Für die damals 29-jährige Politikwissenschaftsstudentin ist es völlig klar, sich dem Treck auf den letzten Metern in Hannover anzuschließen. „An der Uni gab es viele Anti-Atom-Gruppen und wir waren ohnehin laufend am demonstrieren.“ Aber diese Aktion ist schon etwas Besonderes. „Das war eine tolle Allianz zwischen Bauern aus der letzten Ecke Niedersachsens und politisch engagierten Leuten aus der Landeshauptstadt“, sagt sie.

Engagiert: Anne Zacharias war 1979 beim Gorleben-Treck dabei. Quelle: Wilde

Silke Stokar nimmt ihre fünfjährige Tochter, packt sie in die Kinderkarre und fährt mit der Straßenbahn nach Lahe dem Treck entgegen, um sich dann dort einzureihen. In der Nacht zuvor ist es etwas unruhig in der Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung der 25-Jährigen in der Liebigstraße nahe der Podbi. „Ich hatte sieben Leute aus Baden-Württemberg bei mir, die alle zur Demo wollten. Die lagen auf kleinen Matratzen und in Schlafsäcken auf dem Boden.“ Die bereits in der Anti-Atom-Bewegung agierende Stokar ist überrascht, wie viele Demonstranten zu Fuß, auf dem Fahrrad und auf Treckern in Hannover ankommen, „da wurde geklatscht, gejubelt, man sang Lieder“. Das Schietwetter, so die auf Fehmarn aufgewachsene Frau, macht den Leuten nicht viel aus. „Wir hatten ja Wasserwerfer-dichte Kleidung an.“ 100 000 werden es letztlich, die zur Kundgebung auf den Klagesmarkt kommen.

Demonstranten vom Empfang überwältigt

Eine, die den Treck mit organisiert hat und die ganze Woche vom Wendland aus bis Hannover dabei ist, ist froh, auch an diesem Tag „einen luxuriösen Sitzplatz in einer Treckerkabine“ zu haben. Rebecca Harms (62), bis heute das Gesicht der wendländischen Anti-Atom-Bewegung, damals Gärtner-Auszubildende und Kommune-Bewohnerin – „aus politischer Überzeugung“ –, kann die freudige Begrüßung auf den hannoverschen Straßen kaum fassen. „Dieser Empfang war ein überwältigendes Gefühl nach einer Woche auf der Straße.“

Mit einem Trecker-Konvoi zogen vor 40 Jahren Bauern aus Lüchow-Dannenberg gegen Atomkraft nach Hannover. Sie taten sich mit Menschen aus der Stadt zusammen. Es wurden am Ende 100 000 Demonstranten.

Die Trecker, wie sie sich nennen, haben sich am 25. März aus Gedelitz, Landkreis Lüchow-Dannenberg, aufgemacht. Am Anfang sind es ein paar tausend, doch nach dem ersten Tag drehen schon viele in Höhe Uelzen wieder um. Ein paar Dutzend, so Rebecca Harms, bleiben. Doch viele Bauern und normale Bürger stoßen immer wieder dazu. Besonders nach dem 28. März steigt die Zahl der Demonstranten, als es den ersten großen Atomunfall in Harrisburg, Hauptstadt des US-Bundesstaats Pennsylvania, gibt. Wetter und andere Widrigkeiten stoßen sie nicht ab. „Es gab Dauerregen, die Leute haben sich aus Müllsäcken Regencapes gemacht“, berichtet Harms 40 Jahre später. Gesungen wurde „Albrecht, wir kommen, notfalls auch geschwommen – aus täglich mehr Kehlen von morgens bis abends“. Doch auch tapfere Widerständler brauchen mal Ruhe. „Wir haben jede Nacht irgendwo auf Gehöften – in den Häusern oder auf Stroh in den Scheunen, campiert“, so Harms.

Gorleben ist ein nationales Problem“

Der Spaß hat einen sehr ernsten Hintergrund. CDU-Landesvater Ernst Albrecht will im schwach besiedelten Wendland an der DDR-Grenze eine atomare Wiederaufarbeitungsanlage errichten. „Die sollte größer werden als die in La Hague und außerdem sollten die Ländereien an der Elbe mit weiteren Atomkraftwerken zugepflastert werden“, berichtet Harms. Ein internationales Hearing in Hannover mit mehr als 60 Wissenschaftlern zum Thema „Entsorgungsanlage in Gorleben“ ist der Anlass, den Unwillen der Landbevölkerung in die Landeshauptstadt zu tragen. „Wir waren der Meinung, dass Gorleben ein nationales Problem ist und nicht nur uns etwas angeht. Diese Problemstellung wollten wir der Landesregierung auf unsere Art vor die Füße legen.“ Der Gorleben-Stein, abgeladen am Raschplatz, als Stein des Anstoßes.

„Ich bin auf Fehmarn großgeworden und kenne den Kampf der Bauern um die eigenen Heimat“, erzählt Silke Stokar. „Das Konservative und gleichzeitig das Widerständige war nie ein Widerspruch. Und wir als Linke wussten auch: Mit den Bauern auf unserer Seite sind wir wirklich stark.“

Bauern und Bürger aus der Stadt kämpfen auch nach dem 31. März 1979 weiter gemeinsam. Anne Zacharias, Silke Stokar und Rebecca Harms legen sich in den nächsten 40 Jahren immer mal wieder vor den Castor-Transporten im Wendland quer, demonstrieren gegen die staatliche Durchsetzung der Atomindustriebranche und setzen ihre Forderungen auch in politischen Ämtern als Grünen-Politikerinnen (Harms und Stokar) durch. 40 Jahre später ist viel erreicht, „aus dem Schneider ist Gorleben noch nicht“, weiß die ehemalige Lehrerin Anne Zacharias. „Man hat eine Technologie genutzt und die Folgen nicht bedacht.“ Gut, sagt sie mit Blick auf die immer wieder freitags schwänzenden Schüler, „dass sich jetzt die jungen Leute wieder mit dem Themen Umwelt und Klima beschäftigen“.

Rebecca Harms: „Das waren einfach gute Demokraten“

Rebecca Harms ist die Galionsfigur der Anti-Atom-Bewegung aus dem Wendland. Sie gründete 1972 die Bürgerinitiative (BI) Umweltschutz Lüchow-Dannenberg mit, war Hauptorganisatorin des Gorleben-Trecks nach Hannover 1979. Sie kämpfte auch als Grünen-Fraktionschefin im niedersächsischen Landtag (1998-2004) und langjährige Fraktionsvorsitzende der Grünen im Europaparlament (bis Ende 2016) gegen die Technologie und wird dies auch nach ihrem Ausscheiden nach der Europawahl im Mai weiterführen.

Heute: Rebecca Harms besucht die Sonderaustellung „Trecker nach Hannover. Gorleben und die Bewegung zum Atomausstieg“ im Historisches Museum. Quelle: Behrens

Was war das für ein Völkchen, das am 25. März aus dem Wendland Richtung Hannover startete?

Es war im Wortsinn eine Bürger-Initiative. Leute, die als Bürger der Bundesrepublik ihr Recht auf Widerstand wahrnehmen und auch gewinnen wollten. Das waren einfach gute Demokraten. Aber auch Menschen, mit denen keiner rechnete. Die Gegend war abgehängt vom Rest der Republik, das war eine CDU-Hochburg, niemand hätte gedacht, dass sich in dieser Gegend etwas entwickeln würde. Der Protest wurde von den Bauern getragen und irgendwann wollte auch keiner von ihnen mehr derjenige sein, der nicht mitmachte.

Viele haben den Widerstand aber als linke Spinner abgetan...

Das Besondere war, dass wir eben kein linkes Völkchen waren. Es war ja damals noch die bleierne Zeit mit RAF, Baader-Meinhof und immerzu wurde diskutiert, auf welcher Seite man stand. Wir wollten uns aber von niemanden vereinnahmen lassen. Wir wollten den Atom-Ideen eigene Ideen entgegensetzen, waren keine Anti-System-Bewegung. Protest und Alternativen gehörten für uns immer zusammen. Wir waren immer gut informiert. Das gehörte dazu, Marianne Fritzen hat uns immer getrietzt, dass wir über nichts reden sollten, das wir nicht selber gelesen haben, und dass wir uns unserer eigenen Argumente immer sehr sicher sein sollten.

Welche Rolle spielten die Grünen?

Die wirklichen Wendländer, etwa die Gorleben-Initiative, die Bäuerliche Notgemeinschaft bildeten das ab, was die Grünen möglich gemacht haben – ohne dass es uns bewusst war. Ich hatte einige Treffen mit den Grünen-Vorläufern besucht und damals gesagt, bevor die eine Partei gründen, haben wir das Problem mit der Atomkraft aus der Welt geschafft. Das war allerdings eine Täuschung.

Welche Rolle spielt der Treck nach Hannover für den Kampf um Gorleben?

Der Treck war mit die wichtigste Aktion in der ganzen Geschichte der Auseinandersetzung. Wir haben es geschafft, diejenigen zu sein, denen man sich gern angeschlossen hat, denen man zugehört hat und denen man vertraut hat, gegen die Propaganda der Atomindustrie anzugehen.

Stolperstein: Die rote Sonne am Weißekreuzplatz

Am Weißekreuzplatz liegt ein Gedenkstein für den Gorleben-Treck 1979, der sich gegen die Pläne der niedersächsischen Regierung in Gorleben ein Atommülllager zu bauen richtete. Quelle: dpa

Besucher bringen gern etwas mit, das Geschenk der Bauern aus dem Wendland am 31. März 1979 war ein etwa drei Tonnen schwerer Feldstein, den sie auf dem Raschplatz abluden. „Für irgendwelche Leute war das tatsächlich ein Stolperstein und dann war er plötzlich weg“, erzählt Wolfgang Ehmke, langjähriger Sprecher der BI Lüchow-Dannenberg.

Es gebe alte Filmmitschnitte aus der Zeit, in dem Leute gefragt wurden, was sie von dem Stein halten. „Nehmt euren Müll wieder mit“, hieß es dann. Das Original blieb verschwunden, und so wurde der heutige – gelb angemalt mit roter Sonne – 1981 erneut platziert, aber auf dem Weißekreuz-Platz am Anfang der Lister Meile.„Bauer Ebeling aus Püggen hat den mit einem Trecker gebracht“, so der frühere Lehrer Ehmke. Der Stein erinnere nicht nur an den Treck, „es gibt einen wunderbaren Wandel vom Stolperstein zum Mahnmal“, sagt der 71-Jährige. So wie es auch „bei uns im Wendland verschiedene Orte gibt, die daran erinnern, sich für das Ende der Atomkraft einzusetzen“.

Denn für Ehmke ist der Kampf um Gorleben noch lange nicht zu Ende. „Gorleben bleibt als Notnagel, wenn die Suche nach einem Endlager zu teuer oder umständlich wird“, ist er sich sicher. Ehmke hat einen Roman geschrieben, in dessen Mittelpunkt auch der Gorleben-Konflikt steht. Er ist am Freitag erschienen.

Wolfgang Ehmke: „Der Kastor kommt!“, 131 Seiten, 8,90 Euro, Köhring Verlag Lüchow.

www.bi-luechow-dannenberg.de

Von Petra Rückerl

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