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Meine Stadt Gewalt gegen Lehrer: Hohe Dunkelziffer
Hannover Meine Stadt Gewalt gegen Lehrer: Hohe Dunkelziffer
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00:16 20.01.2017
ZU OFT ALLEIN GELASSEN? Ein Pädagoge auf dem Weg in das Lehrerzimmer eines Gymnasiums in Hannover.
ZU OFT ALLEIN GELASSEN? Ein Pädagoge auf dem Weg in das Lehrerzimmer eines Gymnasiums in Hannover. Quelle: Julian Stratenschulte
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Hannover

Die Angriffe auf Lehrer nehmen drastisch zu. Vor allem weibliche Lehrkräfte sehen sich mit einer zunehmenden Respektlosigkeit konfrontiert. Dennoch schweigen viele Opfer. Warum?

Es stimmt, dass nur wenige Fälle publik werden. Wir gehen von einer hohen Dunkelziffer aus. Warum die Betroffenen schweigen, dafür gibt mehrere Gründe. Weil die Lehrer keine Unterstützung von der Schulbehörde bekommen und damit viele Taten nicht weiterverfolgt werden. Zweitens, weil die Schulen befürchten, in ein schlechtes Licht gerückt zu werden. Und weil die Opfer nicht selten die Schuld für die Übergriffe bei sich selbst suchen.

Was sagen Sie denen, die behaupten, solche Übergriffe seien berufsimmanent?

Dass sie falsch liegen! Es gehört nicht zum Risiko eines Lehrers dazu, beleidigt oder geschlagen zu werden.

Im jüngsten Fall in der Region wurde der Schüler in eine Parallelklasse versetzt, statt ihn der Schule zu verweisen. Opferschutz sieht anders aus, oder?

Absolut. Eine Lösung wäre es, wenn an dem Problem gearbeitet werden würde. Fast immer liegen die Ursachen im Elternhaus. Auch da muss und sollte nachgeforscht werden. Es gilt diese Anfänge einer Gewaltspirale zu ersticken.

In welcher Rolle sehen Sie Eltern nach einem solchen Vorfall?

Sie müssen stärker als bisher in die Verantwortung genommen werden. Es muss eine Pflicht sein, dass sie zum klärenden Gespräch in die Schule kommen. Das darf keine freiwillige Angelegenheit sein. Doch leider nehmen auch die Fälle zu, bei denen Eltern selber zu Tätern werden. Insbesondere Beleidigungen und Drohungen gegen Lehrer - das geht durch alle Schichten und ist manchmal sehr subtil.

Wer ist eigentlich brutaler im Klassenzimmer - Jungen oder Mädchen?

Immer mehr Mädchen werden zu Tätern. Das hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Während sie früher ihre Gewalt eher verbal ausgedrückt haben, kommt es nun häufiger zu Tätlichkeiten.

Und an welchen Schulen geht es besonders brutal zu?

Generell gibt es Gewalt gegen Lehrer an allen Schulformen. Die große Forsa-Umfrage zu dem Thema ergab jedoch, dass ein Drittel der Fälle an Grundschulen passiert. Das ist alarmierend! Da wird gebissen, gekratzt oder geschlagen. Und viele Mütter stellen sich sogar noch beschützend vor ihr Kind, nach dem Motto ‚Das macht mein Sohn sonst nie‘.

Wenn Lehrer Gewalt im Klassenraum erfahren und es anschließend keine Konsequenzen gibt - was macht das mit Betroffenen?

Der Frust steigt, ebenso das Gefühl der Ohnmacht. Es muss daher ein gesellschaftlicher Diskurs her. Lehrer brauchen Sicherheit und das Gefühl, dass diese Fälle eben keine Privatsache sind.

Es gibt inzwischen eine Bundesratsinitiative, wonach bereits Beleidigungen und Bedrohungen unter Strafe gestellt werden sollen. Ist das der richtige Weg?

Ja, das ist ein wichtiger Schritt. Aber es muss noch mehr getan werden. Die Lehrer müssen von den Kultusministerien ermuntert werden, die Fälle nicht unter den Tisch zu kehren. Zudem müssen Statistiken geführt werden. Und es bedarf zentraler Stellen, an die sich Lehrer wenden können. Zu lange hat man das Thema Gewalt gegen Lehrer links liegen lassen. Jetzt müssen endlich die Hausaufgaben gemacht werden.