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Meine Stadt Versuchter Mord vor 35 Jahren: Gericht muss Einbrecher laufen lassen
Hannover Meine Stadt Versuchter Mord vor 35 Jahren: Gericht muss Einbrecher laufen lassen
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14:39 28.02.2019
Der Verdächtige wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen.
Der Verdächtige wurde aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Quelle: Frank Wilde
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HANNOVER

Jakub S. (61) ist ein Einbrecher. Davon ist die Schwurgerichtskammer überzeugt. Trotzdem sprach das Gericht den Mann aus dem Kosovo am Donnerstag frei. Denn Richterin Hanni-Gisa Peiffer hat große Zweifel, ob Jakub S. auf der Flucht versucht hatte, einen Polizisten (59) zu töten.

Die Straftaten geschahen vor fast 35 Jahren. Am 8. Juni 1984 war Jakub S. mit einem Landsmann (53) in einen Windsurfing-Laden in der Brühlstraße (Mitte) eingebrochen. Ein Polizist ertappte die Beiden auf frischer Tat und verfolgte sie. Im Kampf setzte einer der beiden Einbrecher eine Pistole auf den Rücken des Polizisten und drückte ab. Der Beamte überlebte nur knapp.

„Wir haben ganz entscheidende Zweifel, ob der Angeklagte geschossen hatte“, sagte die Richterin. Denn kurz nach der Festnahme wurden bei dem Komplizen Schmauchspuren an beiden Händen festgestellt. Diese Spuren ließen sich nur damit erklären, dass der Komplize eine Waffe in der Hand gehalten hatte.

Der verwundete Polizist konnte den Angeklagten nicht identifizieren. Es war Nacht, als der Einbruch geschah. Er sagte aber im Landgericht deutlich aus, dass der kleinere Einbrecher geschossen hatte. Den größeren Delinquenten hatte er zu diesem Zeitpunkt, an ein Auto gedrückt. Jakub S. ist 1,62 Meter groß, sein Komplize 1,78 Meter. „Da es Nacht war und die Sichtverhältnisse schlecht, ist es nicht ausgeschlossen, dass sich der Zeuge geirrt hat“, erklärte die Richterin. Hinzu komme, dass der Komplize in seinen Aussagen damals eindeutig seinen Mittäter belastet habe. Das spreche auch nicht gerade für seine Glaubwürdigkeit. Der heute 53-Jährige bekam für den Einbruch drei Jahre Gefängnis.

Da der Einbruch verjährt ist, durfte Jakub S. das Landgericht als freier Mann verlassen. Er saß ein Jahr und sieben Monate in albanischer Auslieferungshaft. Seine Verhaftung war erst 2016 möglich, als er aus dem Kosovo nach Albanien gereist war. Hinzu kommen sechs Monate U-Haft in Deutschland. Für die Haftzeit stehe ihm eine Entschädigung zu, entschied das Gericht. Für jeden Tag in deutscher Haft erhält der Angeklagte 25 Euro. Ob die Zeit im albanischen Gefängnis wegen der widrigen Haftbedingungen höher angerechnet wird, war am Donnerstag unklar. Dem Angeklagten stehen aber mindestens fast 19 000 Euro zu.

Die Staatsanwaltschaft Hannover prüft, ob ein Rechtsmittel Sinn ergibt. Der Staatsanwalt hatte neun Jahre Haft für Jakub S. beantragt.

Von Thomas Nagel