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Meine Stadt Dritte Geschlecht ist „ein Gefühl der Anerkennung“
Hannover Meine Stadt Dritte Geschlecht ist „ein Gefühl der Anerkennung“
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18:13 03.02.2019
ENGAGIERT: Vanja kämpft für die Rechte von intersexuellen Menschen. Quelle: dpa-Zentralbild
Hannover

Vanja hat ihr Ziel erreicht: Bis vor das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe ging der Streit um die Einführung des Dritten Geschlechts im Geburtenregister – mit Erfolg. Seit dem 1. Januar gibt es die Möglichkeit, das Geschlecht „divers“ eintragen zu lassen, als Alternative zu männlich oder weiblich.

Vanja gehört zu den Menschen, weshalb die Stadt Hannover das Gendersternchen einführt – ein heftig diskutierter Schritt, bei dem bislang kaum einer gefragt hat, wie es eigentlich den Betroffenen dabei geht. Also jenen Menschen, die sich weder als Frau noch als Mann bezeichnen – groben Schätzungen zufolge gibt es 80.000 bis 180.000 Intersexuelle in Deutschland.

„Mir bedeutet es viel, dass es das dritte Geschlecht jetzt gibt. Es ist ein Gefühl der Anerkennung“, sagt Vanja. Bis 2013 mussten sich Eltern bei der Geburt ihres Kindes für ein Geschlecht entscheiden, seither kann das Feld freigelassen werden. Für Vanja war das aber eher ein „Umgehen des dritten Geschlechts“.

Körper weder männlich noch weiblich

Vanjas Eltern ließen nach der Geburt in Gehrden das Geschlecht „weiblich“ eintragen. Aber lange wusste der/die 29-Jährige nicht, wie er/sie ist. Dafür habe es keine Worte gegeben. „Mein Körper ist weder männlich noch weiblich“, erklärt Vanja im Gespräch mit der NP. Grund dafür ist ein fehlendes X-Chromosom. Das wurde jedoch erst in der Pubertät festgestellt und anschließend durch Östrogene versucht, die Weiblichkeit zu fördern. Vanja fühlte, dass das nicht das Richtige war. „Ich habe dann das männliche Hormon Testosteron genommen. Damit ging es mir viel besser, und seit ein paar Jahren bin ich im Leben angekommen.“

Bis dahin durchlebte Vanja eine schwere Zeit: „Ich hatte das Gefühl, bei Gruppen nirgendwo dazu zu passen.“ Ob Vanja heute als Mann oder Frau angesprochen werden möchte, weiß er/sie selber nicht. Das komme auf den Kontext an. Vanjas Chef in der Gärtnerei bezeichnet sie/ihn als Mann. „In meinem Freundeskreis bin ich viel mit queren Leuten zusammen. Wir experimentieren dann damit oder versuchen, die Pronomen wegzulassen.“

Keine ideale Lösung

Trotz der Erleichterung, dass es nun das dritte Geschlecht auch offiziell gibt, findet Vanja die Lösung „divers“ nicht ideal: „Ich finde es schön, dass neben männlich und weiblich nun auch ,divers' steht, allerdings hätte ich mir gewünscht, das dort mehrere Sachen stehen, also inter, trans und divers.“ So gibt es beispielsweise Menschen mit geschlechtlich uneindeutigen Körpermerkmalen oder eben jene, die sich im falschen Körper fühlen.

Eine Alternative wäre es, die Geschlechtsbezeichnung bei der Geburt ganz weg zu lassen. „Das ist auch das langfristige Ziel“, sagt Vanja. Dennoch war die Klage erst mal wichtig, um „Aufmerksamkeit für das Thema zu erzeugen.“ Sowieso ist der Sinn der Geschlechterangabe für Vanja im Alltag nicht immer ganz klar. „Ich verstehe nicht, warum ich beim Buchen von Bus- oder Bahnfahrkarten ein Geschlecht angeben muss.“

Alles in die Wege geleitet

Den Anspruch, als erste Person beim Amt zu sein, um das dritte Geschlecht eintragen zu lassen, hatte Vanja Anfang Januar nicht. „Ich wollte den Behörden erst mal ein wenig Zeit geben, um sich mit der neuen Regel auseinander zusetzen.“ Inzwischen hat er/sie alles in die Wege geleitet. „In den nächsten zwei Wochen sollte es eingetragen sein.“ Bislang hat sich in Hannover nach Angaben der Stadt noch keine Person das dritte Geschlecht eintragen lassen.

Mit der umstrittenen Einführung des Gendersternchens bei der Stadt weiß Vanja „noch nicht ganz umzugehen“, es gebe ihr aber „das Gefühl, dass sich bemüht“ werde. Die gendergerechte Sprache führe dazu, Intersexualität ins Bewusstsein der Menschen zu bringen. „Ich denke, dass bei den Menschen auf längere Sicht im Kopf etwas passiert.“ Die heftigen Diskussionen rund um die gendergerechte Sprache kann Vanja nicht immer nachvollziehen. „Irgendwas in mir sagt, dass ich es verstehe, dass diese Veränderungen den Leuten Angst machen. Trotzdem denke ich mir immer wieder, dass man sich damit beschäftigen muss.“ Schließlich habe sich Sprache verändert und werde sich auch weiter verändern. Selbst wenn die Menschen Intersexualität nicht verstehen, wünscht sich Vanja weniger Ablehnung.

Umgang in der Gesellschaft

Auch in der Diskussionen rund um Unisex-Toiletten ist Vanja zwiegespalten: „Auf der einen Seite müssen jetzt nicht alle ihre Toiletten umbauen, aber auf der anderen Seite gibt es in der Bahn und zu Hause auch nur Unisex-Toiletten.“ Eine Alternative wäre es, anstatt ,Damen' und ,Herren' an die Toiletten zu schreiben, sie mit ,Sitzklos' sowie ,Sitz- und Stehklo' zu bezeichnen.“ So könne jeder selber entscheiden, wo er hingehen möchte. Viel wichtiger als die Toiletten ist für Vanja, wie die Gesellschaft und die Medizin mit dem Thema umgehen. „Bei betroffenen Kindern wird oft eine Geschlechtsoperation durchgeführt oder Hormone gegeben, ohne dass sie sich zuvor selber entwickeln konnten.“

Ob Sprache, Toiletten oder Formulare – Vanja wünscht sich „die Anerkennung, dass Intersexualität eine Variante von Geschlechterentwicklung ist und man sich nicht der Norm, männlich oder weiblich zu sein, anpassen muss.“ Es müsse davon weggekommen werden, dass das „Geschlechterinteresse so krass aufgeladen“ werde.

Von Cecelia Spohn

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