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Meine Stadt Gedenkstätte Ahlem: Mit der Zeitzeugin in die Vergangenheit
Hannover Meine Stadt Gedenkstätte Ahlem: Mit der Zeitzeugin in die Vergangenheit
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00:16 12.02.2019
Blick zurück: Ruth Gröne mit einem Mediaguide in der Ausstellung der Gedenkstätte Ahlem. Die Zeitzeugin erzählt in Videoclips Besuchern ihre persönliche Erinnerung an den Abtransport ihres jüdischen Vaters. Quelle: Moritz Frankenberg
Hannover

Ihr Vater hätte nur ein bisschen mehr Zeit gebraucht, sagt Ruth Gröne. Die wenigen Wochen bis zur Befreiung vom Nationalsozialismus im Mai. „Aber es kam anders“, fügt die 85-jährige Tochter einer Christin und eines Juden leise hinzu. Am 5. Februar 1945 musste sie mit ansehen, wie ihr Vater aus dem Gestapo-Gefängnis in Ahlem abtransportiert wurde. Es war das letzte Mal, dass sie ihn sah. „Genau hier.“ Gröne zeigt in Richtung Nebenraum. Dort, wo früher wenige Zellen für 60 Gefangene waren, steht 74 Jahre später die Gedenkstätte Ahlem. Ein Ort der Erinnerung. Ihre ganz persönlichen Erinnerungen teilt Gröne ab sofort mit Besuchern der Einrichtung. Sie begleitet sie auf einen virtuellen Rundgang durch die Räume. Am Freitag wurde dieses bundesweit einmalige Mediaguide-System vorgestellt.

Als eine „zeitgemäße Form der Annäherung an die wechselvolle Geschichte des Ortes Ahlem“ präsentierte Regionspräsident Hauke Jagau das System. „Es gibt fast keine Überlebenden des Holocausts mehr. Die Führung hilft, die Erinnerung lebendig zu machen“, so Jagau. Indem man am konkreten Beispiel von Ruth Gröne und ihrem Vater Erich Kleeberg die Unmenschlichkeit und Willkür der Nationalsozialisten deutlich mache, „geben wir den Opfern ihre Identität zurück“, so der Regionspräsident.

Ruth Gröne ist virtuell beim Rundgang dabei

Das neue Mediaguide-System funktioniert so: Der Besucher erhält Kopfhörer und ein Smartphone-großes Gerät, dass beim Rundgang durch die Ausstellung an verschiedenen Punkten automatisch Videos abspielt. Zu sehen ist Ruth Gröne, wie sie die Exponate inner- und außerhalb des Gebäudes kommentiert und mit sehr persönlichen Schilderungen anreichert – sozusagen als „virtuelle Begleitung“. Zehn Videoclips sind zu sehen. Flankiert von weiteren Infos dauert die Führung insgesamt etwa eine Dreiviertelstunde.

Zeitzeugnis: Einer der Briefe, die Ruth Grönes Vater in der Gefangenschaft in Ahlem schrieb. Quelle: Simon Polreich

Oft war die 85-Jährige in der Vergangenheit persönlich in der Ausstellung, sprach mit Schülern über ihre Erfahrungen. Sie sagte den jungen Leuten dann, wie froh sie sein können, in einem demokratischen Deutschland zu leben. Und wie wichtig es ist, aufzupassen, dass sich das nicht ändert. „Nicht wegen mir, sondern der eigenen Freiheit zuliebe“.

Ihr selbst hilft das Reden, den Verlust ihres Vaters kurz vor Kriegsende zu verarbeiten. Auch wenn die Besuche schmerzhaft sind. „Ich bin hier immer emotional berührt“, sagt sie und blickt auf das große Konterfei ihres Vaters, das über eine Fensterscheibe gespannt ist und nun hell in der Sonne leuchtet.

Die Gedenkstätte Ahlem Quelle: jub

„Was wird aus euch, wenn ich nicht mehr bin?“

Oft sei sie die wenigen Schritte vom Judenhaus, wo sie und ihre Mutter untergebracht waren, zum Gestapo-Gefängnis gelaufen, um ihren Vater zu sehen. Er habe seinem „Häseken“ zugewunken und signalisiert, dass er Hunger habe. Mit schmutziger Wäsche konnte er sogar einige Briefe herausschmuggeln, die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sind. Darin schildert er seine Sorgen um Frau und Kind. „Was wird aus euch, wenn ich nicht mehr bin?“ Am 5. Februar brachte ihn die Gestapo zuerst ins KZ Neuengamme, später kam er nach Sandbostel, wo er starb, ohne die Familie je wieder zu sehen.

Die Erinnerung wachzuhalten sieht seine Tochter als Mizwa, als Verpflichtung an. Noch 74 Jahre später ist ihr der Vater dann ganz nah: „Ich glaube, er würde mir heute auf die Schulter klopfen und sagen, du hast viel für mich getan.“

Die Gedenkstätte Ahlem befindet sich auf dem Gelände der ehemaligen Israelitischen Gartenbauschule Ahlem, 1893 als „Israelitische Erziehungsanstalt“ gegründet. Jüdische Ju­gendliche wurden hier in Gartenbau und weiteren praktischen Berufen ausgebildet. Die Ausbildungsstätte erlangte einen internationalen Ruf.

Nach der Machtergreifung der Nazis wurde das Gelände 1941 zur zentralen Sammelstelle für die Deportation der Juden bestimmt. Bis Januar 1944 wurden hier über 2000 Juden aus dem gesamten südlichen Niedersachsen zusammengezogen. In der Endphase des Krieges wurde in der ehemaligen Laubhütte eine Hinrichtungsstätte eingerichtet. Im März 1945 wurden dort mindestens 59 Häftlinge er­hängt.

Seit 1987 besteht die Mahn- und Gedenkstätte Ahlem auf dem Gelände, die die Ge­schichte des Ortes dokumentiert. Geleitet wird sie von der Region Hannover.

Von Simon Polreich

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