Für eine Lehre ist es nie zu spät: Diese Umschüler haben es geschafft
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17:08 16.08.2019
Jetzt ein Kaufmann: Studienabbrecher Marco S. ist jetzt beim Kunstverlag Ars Mundi angestellt. Und bestand die Ausbildung mit einem Einserabschluss . Quelle: Christian Behrens
Hannover

Für Philosophie und Germanistik eingeschrieben, Studium abgebrochen, Taxifahrer geworden? Das Klischee aus den 1980er Jahren hält sich weit bis in die 2000er hinein – doch gemach. Studienabbrecher sind durchaus begehrt – auch in anderen Branchen.

Der Fachkräftemangel macht es möglich und so hat das Jobcenter Hannover extra das „Projekt Studienabbrecher“ aufgelegt, um Leute wie Marco S. (38) in Lohn und Brot zu bringen. Der absolvierte als gestandener Mittdreißiger und Vater von zwei Kindern noch einmal eine – verkürzte – Ausbildung, schloss seinen Großhandelskaufmann mit einem Einserabschluss ab und wurde nun selbstredend von seinem Arbeitgeber, dem Kunsthandel Ars Mundi aus Hannover, übernommen. Das Auftreten und die Vita des 38-Jährigen sorgten dafür, dass er nicht einmal ein Praktikum absolvieren musste. „Das hat sofort gepasst“, sagt Anette Gehrs, Personalreferentin beim Degener Verlag und Ars Mundi.

Familie und Studium und Arbeit auf einmal

„Nach dem Abitur wurde ich Zeitsoldat, legte Geld beiseite und bin erst einmal zwei Jahre gereist“, erzählt S. In Göttingen studierte er danach Sprachwissenschaften und Philosophie, nach dem Wechsel an die Uni Hannover kam Germanistik hinzu. „Eigentlich wollte ich in den wissenschaftlichen Fachjournalismus gehen.“ Ein Verlag in Hannover war bereits gefunden, neben dem Studium gründete Marco S. eine Familie, dann ging der Verlag pleite. „Also musste ich schnell Geld verdienen.“ S. schmiss irgendwann sein Studium, heuerte in der Gastronomie an, „aber da sehe ich mich in zehn Jahren eben nicht mehr“.

Millionen für Weiterbildung

Das Jobcenter Region Hannover unterstützt betriebliche Umschulungen, insgesamt 15 Millionen Euro allein im Jahr 2019 gibt das Jobcenter für berufliche Weiterbildung aus.

„Angesichts der hohen Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften ist das eine große Chance für viele Menschen“, sagt Stefan Bode, Mitglied der Geschäftsführung im Jobcenter Region Hannover. „Entscheidend sind für uns immer die Motivation und die Leistungsfähigkeit der Arbeitsuchenden. Wenn dann noch Bedarf an der Qualifikation vorhanden ist, steht einer Förderung durch das Jobcenter eigentlich nichts mehr im Wege.“

Davon haben auch in den vergangenen Jahren schon viele Arbeitsuchende und auch Arbeitgeber profitiert. Seit dem 01. Januar 2014 sind 681 betriebliche Einzelumschulungen bewilligt worden. Davon sind 585 inzwischen beendet – und immerhin 321 mit einer erfolgreichen Teilnahme abgeschlossen worden. „Für dieses Jahr sind 175 Neueintritte in betriebliche Einzelumschulung vorgesehen“, berichtet Sprecher Ulf Lasko Werner. „Wir freuen uns natürlich, wenn es mehr sind.“

Mittlerweile „Leistungsempfänger“ und „Kunde“ im Jobcenter, „führte ich ein sehr angenehmes Gespräch mit Anke Bode“, sagt S. lächelnd. Bode, die Frau auch für schwierige Fälle im Jobcenter, wusste Rat und riet dem nicht mehr ganz jungen Mann, eine Umschulung zu beginnen – bei vollen Leistungen (gemeint ist Hartz IV) eine auf 20 Monate verkürzte Ausbildung zum Großhandelskaufmann zu machen.

Spaß in der Ausbildung

„Tatsächlich hat mir alles viel Freude bereitet“, so S. Es sei eine solide kaufmännische Ausbildung gewesen inklusive Einkauf, Verkauf, Marketing,Rechnungswesen, kaufmännische Kontrolle – „meine Frau und ich waren mal selbstständig, hätte ich damals kaufmännisch gewusst, was ich jetzt weiß, wären wir erfolgreicher gewesen“, sagt er schmunzelnd. Doch damit soll es nicht gewesen sein, als leistungsstarker Schüler bekam er von der Berufsschule die Möglichkeit, eine Zusatzqualifikation als Europakaufmann zu machen – die er übrigens selbst bezahlt. Als nächstes strebt er den Handelsfachwirt an. Für Anke Bode jedenfalls ist klar, dass sie Marco S. als Kunde verloren hat – und das ist schließlich Ziel einer jeden Fallmanagerin.

Verlag freut sich über Mitarbeiter

Dass das Jobcenter Menschen wie S. vermittelt, macht natürlich auch den Arbeitgeber froh. Michael Hühn, Geschäftsführer des Degener Verlags, setzt bereits seit Jahren auch auf ältere Umschüler, um sie auszubilden: „Wir haben durch diese Maßnahmen gute Mitarbeiter gefunden, die wir auch halten wollen.“

Eine andere neue Mitarbeiterin heißt Amara Idill Khalif (41), die ebenfalls in etwas älteren Jahren umschulte zum Großhandelskauffrau. Und die ebenfalls mit einer Eins bei der IHK-Prüfung abschloss. Jetzt ist sie Redaktionsassistentin in dem Verlag, der Lehrmaterial für Führerscheinschüler raus gibt.

Erst einmal die Zweifel genommen

Dabei gehörten anfangs viele Zweifel dazu: Die alleinerziehende Mutter hatte beruflich zwar schon viel gewuppt, unter anderem als Selbstständige in Spanien gearbeitet, später in Andalusien bei der Autovermietung gejobbt. 2015 zog sie mit ihrer Tochter (heute 12) aus dem westfälischen Münster nach Hannover, nach gesundheitlichen Problemen „wollte ich wieder durchstarten, traute mir aber eine betriebliche Ausbildung nicht zu“. Auch Khalif hatte Glück mit ihrem Fallmanager beim Jobcenter, der sie im Gespräch aufbaute und ihr echte Perspektiven aufzeigte.

Es ist nie zu spät

Schließlich schoss die Frau ihre – überarbeiteten – Bewerbungen ab und machte gleich den Treffer. „Als erstes rief Frau Gehrs an, wir waren uns gleich sympathisch und ich wurde zum Vorstellungsgespräch geladen“. Die alleinerziehende Mutter hatte das Problem, nicht Vollzeit arbeiten zu können. „Aber wir haben ihr möglich gemacht, die Ausbildung in Teilzeit zu absolvieren“, erzählt Anette Gehrs. Ihr Fallmanager hatte ihr 36 Monate bewilligt, die Khalif dann auf 30 Monate verkürzen konnte. Und eben mit einer Supernote bestand. Was wiederum die alte Weisheit bestätigt: Es ist nie zu spät. In Zeiten des Fachkräftemangels schon gar nicht.

Hier geht es zum Jobcenter im Internet.

Von Petra Rückerl

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