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Meine Stadt „Früher war alles viel schlimmer“
Hannover Meine Stadt „Früher war alles viel schlimmer“
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21:41 23.04.2018
GEMISCHTES BILD:  An der Realschule Misburg sagen Schüler, dass die Gewalt dort überschaubar sei. Der Schulleiter hält Schulsozialpädagogen trotzdem zwingend für erforderlich.
GEMISCHTES BILD: An der Realschule Misburg sagen Schüler, dass die Gewalt dort überschaubar sei. Der Schulleiter hält Schulsozialpädagogen trotzdem zwingend für erforderlich. Quelle: Nancy Heusel
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Hannover

Die Kriminalität an Schulen hat nach Angaben des Landeskriminalamtes im vergangenen Jahr deutlich zugenommen.  Besonders stark stieg die Zahl der Körperverletzungen an. Aber empfinden das auch die Lehrer und Schüler in Hannover so?

Ein Besuch beim Kurt-Schwitters-Gymnasium Misburg. Lehrerin Imbke Meyer-Frerichs hat eine klare Meinung: „Bei uns sehen wir keinen Anstieg an Straftaten. Seit über 20 Jahren bin ich inzwischen im Schuldienst, es ist immer gleich geblieben.“ Janosch Müller (16) von der Realschule Misburg findet, dass die Kriminalität sogar abgenommen hat. „Früher waren Prügeleien und Beleidigungen schlimmer. Meiner Meinung nach liegt das daran, dass die Schüler älter und dann auch vernünftiger werden.“

Der Meinung ist auch Magdalena (15): „Ich gehe jetzt in die 9. Klasse, und zu Beginn meiner Schulzeit an der Realschule gab es noch oft kleinere Prügelein auf dem Schulhof, aber mit den Jahren hörte das auf.“ Auch beim Thema Alkohol und Drogen gäbe es keine Probleme. Dafür gibt es verschiedene Präventionsprogramme. „Gleich zu Beginn der 5. Klasse haben wir eine Einführungswoche mit einem strukturierten Programm, in dem auch die Regeln behandelt werden. Und in der 6. Klasse gibt es ein Programm zum sozialen Lernen“, erklärt Meyer-Frerichs.

Schulleiter Jens Bormann  sagte, es sei unabdingbar, dass Schulen Präventionsarbeit und Schulsozialarbeit leisteten. „An jede Schule gehören solche Mitarbeiter, die gibt es aber zu wenig. Auch an unserer Realschule gibt es keinen Schulsozialarbeiter.“ Der Inhalt der jetzt veröffentlichen Kriminalitätsstatistik habe ihn überrascht, sagt Jens Bormann. „Er fällt aber auch nicht einfach so vom Himmel.“

2019 gehe seine Schule in den Ganztagsbetrieb über, und dann erhöhe sich der Anspruch an die Realschule gewiss noch einmal. Bormann: „Schule ist nicht mehr nur, Deutsch, Mathe und Englisch zu vermitteln. Auch das Gesellschaftsleben gehört inzwischen dazu, denn die Schule ist kein rechtsfreier Raum.“ Schüler und Jugendliche bräuchten ein modellhaftes Vorgeben dieses Gesellschaftslebens – am besten durch einen Sozialpädagogen.

Von Cecelia Spohn und Andreas Voigt

Das sagen die Politik und Gewerkschaften

Rund ein Drittel mehr Straftaten an den Schulen im Land sei viel, sagte Wolfgang Schimpf von der Direktorenvereinigung in Niedersachsen. Nach seiner Wahrnehmung bewege sich Vieles jedoch im Vorfeld einer Straftat, etwa das verbale Mobbing.

„Hier gibt es viel Präventives an den Schulen“, sagt Schimpf. Aber dort, wo Straftaten passieren, sei professionelle Deliktarbeit durch die Polizei nötig. „Hier wünsche ich mir mehr Mut von  meinen Kollegen, zur Unterstützung die Polizei ins Haus kommen zu lassen.“ Vielfach sei man als Schule aber auf sich alleine gestellt.

Schimpf berichtet von einem Fall, bei der eine Lehrerin vor der Tafel von einer Schülerin fotografiert wurde, und diese dann das Bild ins Internet gestellt habe. „Die Kollegin hat Anzeige erstattet, woraufhin polizeiliche Ermittlungen eingesetzt haben. Wenngleich das Verfahren eingestellt worden ist, war der Fall für die Schülerin sehr heilsam. Manchmal lernen Schüler nicht, wenn wir nur sagen, dass wir das pädagogisch hinkriegen.“   
Von (Internet-)Mobbing, über Diebstahl bis zu Handgreiflichkeiten reiche die Liste der Kriminalität an den Schulen, sagte Torsten Neumanns vom Verband Niedersächsischer Lehrkräfte. Was privat sei, verlagere sich immer mehr in die Schule, vor allem durch  die neuen Medien.

„Eltern müssten eigentlich wissen, was ihre Kinder machen. Das wissen sie aber häufig nicht mehr, da die Kinder ganztags in der Schule sind.“ Sozialpädagogen seien hier hilfreich für die Schulen. Lehrer könnten diese präventive Hilfe  nicht leisten. „Weil sie dafür nicht ausgebildet sind und weil ihnen die Zeit fehlt“, sagte Neumanns weiter.

Eine zunehmende Rolle spielten auch die unterschiedlichen Nationalitäten der Jugendlichen. „Konflikte, die mit der Schule nichts zu tun haben, werden dort aber immer häufig ausgetragen“, sagt der Leiter einer Oberschule aus dem Kreis Celle.
Die Gewerkschaft GEW betont, „die Zahlen müssen ernst genommen werden“, auch wenn der Wert von 2017 kein Rekordwert sei. GEW-Sprecher Christian Hoffmann macht auch die allgemeine Situation an vielen Schulen für Straftaten mit verantwortlich: „Wir haben teilweise sehr volle Klassen, miese Räume und wachsende Armut.“ Es fehle noch immer an Sozialarbeitern. Hoffmann betont ausdrücklich, Flüchtlingskinder seien nicht für die gestiegenen Zahlen verantwortlich.

Die Grünen im Landtag nannten die Werte gestern „überraschend“. Die CDU hat beantragt, den Kultusausschuss genau zu unterrichten. Auch die SPD will mehr Informationen. FDP-Bildungsexperte Björn Försterling verlangte von der Landesregierung, zu veröffentlichen, an welchen Schulen es besonders viele Straftaten gebe. „Ich glaube, dass es Brennpunktschulen gibt, wo sich das potenziert. Es wäre wichtig, dort besonders viele Sozialarbeiter einzusetzen.“
Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) sagte, die Schülerschaft sei „stellenweise pädagogisch schwieriger zu handhaben“. Und mit Blick auf die Daten: „Die genauen Ursachen gilt es zu analysieren und dann Schlussfolgerungen zu ziehen.“

Von Dirk Altwig und Andreas Voigt

Das sagen das LKA und die Polizei Hannover

Für das Jahr 2017 hat das Landeskriminalamt (LKA) 5556 Anzeigen „im Schulkontext“ in Niedersachsen registriert, im Jahr 2016 waren es noch 4199 gewesen, ein Drittel weniger.

1544 der Straftaten waren 2017 Körperverletzungen, knapp 30 Prozehnt mehr als im Vorjahr. Außerdem wurden 827 Fahrraddiebstähle angezeigt. Mit dem Wert von 2017 steigt die Zahl der angezeigten Straftaten erstmals seit 2012 wieder an. Allerdings waren in der Vergangenheit auch schon viel mehr Taten angezeigt worden, im Jahr 2008 zum Beispiel 8575.

Voraussichtlich im Mai will das LKA einen ausführlichen Bericht zum Thema vorstellen. „Nach erster Einschätzung“ so Federau, seien die Schulen sensibler geworden. „Strafbares Verhalten wird häufiger angezeigt als früher“, sagt LKA-Sprecher Frank Federau. Aufgeklärt wurden übrigens 69,82 Prozent der Straftaten aus 2017.

  Die Polizeidirektion Hannover erklärt, dass  die Statistik zu „Gewaltdelikten an Schulen“ mittelfristig betrachtet werden müsse. So seien die 366 Fälle für das Jahr 2017 an Schulen jeder Art im Raum Hannover quasi auf fast exakt dem Niveau wie 2011 und 2012. 2016 wiederum habe es mit 280 Fällen von Gewalt im Schulkontext eine sehr niedrige Zahl gegeben – wohingegen in den Jahren 2008 und 2009 mit je etwa 450 Fällen ein deutlich höherer Wert registriert worden sei.

Wenn man nun „statistisch sauber“ die letzten zehn Jahre betrachte, liege man mit dem 2017er Wert wieder etwa im Mittelwert des Zeitraums. Unwägbarkeiten bei der Erfassung gebe es zudem – so sei nicht klar, ob sich womöglich das Erfassungsverhalten geändert habe (Anweisungen, Belehrungen?) oder in jedem Falle die Vorgangs-Erfassungsformulare korrekt ausgefüllt würden. Da gebe es etwa neben Pflicht- auch Wahlfelder, und es könne auch sein, dass für die Tatörtlichkeit „Schule“ angegeben  werde, wenn der Tatort etwa Medizinische Hochschule oder auch Bildungswerk im Namen trage. 

Von Dirt Altwig und Ralph Hübner