Fremdenhass in Hannover: Türkische Vereine in Sorge wegen Drohbriefen
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Fremdenhass in Hannover: Türkische Vereine in Sorge wegen Drohbriefen

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12:03 30.07.2020
Türkische Vereine in Hannover setzen sich öffentlich gegen Drohungen gegenüber Landsleuten ein.L Quelle: Irving Villegas
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Hannover

Sie wollen die Ausgrenzung, den Hass und die Bedrohung nicht länger hinnehmen: Neun türkische Vereine in Hannover, die nach eigenen Angaben sonst wenig gemeinsam haben, haben nun geschlossen die Bedrohungen ihrer Landsleute kritisiert und eine Erklärung verabschiedet.

„Wir haben Sorgen um Leib und Leben“

„Wir erleben seit Jahren eine ausländerfeindliche Entwicklung in unserem Land, die sich insbesondere gegen türkischstämmige Bürger richtet. Wir sind besorgt über unsere Zukunft“, heißt es darin. In der vergangenen Woche hatte auch Hannovers Oberbürgermeister Belit Onay (Grüne) eine Mail mit dem Absender „NSU 2.0“ bekommen (NP berichtete). Die Ermittlungen dazu dauern an. Für die türkischen Vereine war dies ein weiteres Indiz, dass eine neue Dimension des Rassismus erreicht ist. Die Intensität und zugenommene Häufigkeit der Übergriffe nehme inzwischen lebensgefährliche Formen an, Hemmschwellen würden sinken. „Wir haben Sorgen um Leib und Leben.“

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Innenministerium zählt 497 hasskriminelle Taten im Vorjahr

Allein im vergangenen Jahr zählte das niedersächsische Innenministerium 497 hasskriminelle Straftaten – dazu gehören auch islamfeindliche, rassistische und fremdenfeindliche Taten. Die Zahlen steigen seit drei Jahren an. Doch die Experten schätzen, dass die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher ist. Der Grund: Viele antimuslimische Straftaten werden nicht gemeldet und bleiben damit ein blinder Fleck in der Statistik.

Auch Mehmet Kilic, Geschäftsführer des Restaurants Urfa Sofrasi in der Innenstadt und seit 26 Jahren Bürger der Stadt, hatte sich erst an die Polizei gewandt, als er vor zwei Wochen erneut einen Drohbrief in seinem Briefkasten fand. Der Zweite. „Den ersten Brief kurz vor Weihnachten hielt ich für einen Scherz und habe ihn weggeworfen. Als der zweite Hassbrief kam, war mir klar, dass es ernst ist“, erzählt er. Kilic ging zur Polizei, erstattete Anzeige. Was er dort erlebte, beschreibt der Gastronom so: „Der Beamte hat das runtergespielt, nannte das Schreiben ’Einen netten Brief’. Ich fühlte mich gar nicht ernst genommen.“ Inzwischen läuft zwar ein Ermittlungsverfahren wegen Beleidigung gegen Unbekannt. Doch Mehmet Kilic, der auch regelmäßig Drohanrufe erhält, schüttelt fassungslos den Kopf: „In dem Brief stehen Morddrohungen und die Polizei sieht darin nur eine Beleidigung. Wie kann das sein?“

Polizei darf rassistische Taten nicht länger kleinreden

Auch die türkischen Vereine, die noch immer ein „großes Vertrauen in die Sicherheitskräfte“ haben, machen in ihrer Erklärung deutlich: „Schon oft wurden Gefahren unterschätzt und potenzielle Täter als Trittbrettfahrer abgestempelt.“ Osman Timur, Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Niedersachsen, der die Erklärung mit unterzeichnet hat, sagt: „Nach Halle und Hanau wurde immer nur von Einzeltätern gesprochen, aber es sind nicht alles Einzeltäter. Wir haben es hier mit einer terroristischen Bedrohung zu tun. Wenn wir als Gesellschaft dieses Problem wirklich bekämpfen wollen, dann müssen wir es auch beim richtigen Namen nennen und es nicht länger kleinreden.“

Auch wenn die Hassbotschaften und Übergriffe mehr werden, für die türkischen Vereine steht fest, dass man sich nicht einschüchtern lasse. „Deutschland ist auch unser Land und wir werden Schulter an Schulter die Menschenverächter bekämpfen, denn die Angriffe richten sich gegen uns alle“, heißt es. Mehmet Kilic hofft, dass es nicht zu spät ist: „Denn wenn wir jetzt nicht gemeinsam gegen den Rassismus vorgehen, wird es bald ein zweites Hanau geben. Und dann kann der Tatort in Hannover sein.“

Von Britta Lüers