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Meine Stadt Brandstiftung im Finanzamt: Geständnis des Angeklagten
Hannover Meine Stadt Brandstiftung im Finanzamt: Geständnis des Angeklagten
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15:27 09.07.2019
PROZESSAUFTAKT: Georg S. (66) legte ein reumütiges Geständnis ab, warum er Brandsätze im Finanzamt Hannover Land I deponierte. Quelle: Villegas
HANNOVER

Das Geständnis von Georg S. (66) war gleichzeitig auch eine Lebensbeichte. Der Spediteur berichtete von seiner 60-Stunden-Woche, von der harten Konkurrenz aus Osteuropa und vom Finanzamt. „Wenn man alle Vorschriften beachtet, kann man nicht arbeiten“, sagte der Angeklagte.

Am Dienstag hat der Prozess gegen den Spätaussiedler wegen versuchter schwerer Brandstiftung im Landgericht begonnen. Er hat zwischen Oktober 2017 und Januar 2018 drei Sprengsätze im Finanzamt Hannover Land I (Göttinger Chaussee 83 A, Ricklingen) abgelegt. „Ich wollte nie, dass Menschen zu Schaden kommen“, trägt er mit brüchiger Stimme vor.

Angeklagter hat alles verloren

Der Unternehmer (sechs Angestellte) aus Wennigsen hat alles verloren: Seine Firma und sein Haus. Wegen Steuerschulden wartet noch ein Strafverfahren auf ihn. Die Steuerprüfer gehen davon aus, dass er 1,2 Millionen Euro am Fiskus vorbei gebracht hat, er müsste also 300 000 Euro Steuern nachzahlen. Anwalt Patrick Riebe hält die Summen für zu hoch. „Wir stehen noch ganz am Anfang des Steuerstrafverfahrens.“

In seinem Geständnis stellt sich Georg S. als Getriebener dar. Und vor diesem Hintergrund machte sein Plan Sinn. Er deponierte die „unkonventionellen Brand- und Sprengvorrichtungen“ (so der Polizeijargon) zunächst in einem Aktenraum, später in einem Verteilerzimmer mit Formularen. „Ich wollte meine Akten zerstören, um Zeit zu gewinnen.“ Er wollte die fälligen Steuerschulden auftreiben, um zumindest sein Haus zu retten. Doch die Behörde hatte eine Stundung oder Ratenzahlung abgelehnt. Und deshalb stand die Zwangsversteigerung des Familienheims an.

Georg S. googelte Mitarbeiter des Finanzamtes

Georg S. spricht mit starkem polnischen Akzent. Sein Geständnis liest er ab. Im Laufe seiner Aussage wird die Stimme immer brüchiger. Er muss mit sich kämpfen, die Tränen zu unterdrücken. „Ich hatte vor, mich umzubringen“, spricht er stockend. Er schäme sich so vor seiner Familie. In der Tat fanden die Ermittler in seinem Computer Hinweise darauf, dass er sich eine Pistole besorgen wollte. Er hatte aber auch Mitarbeiter des Finanzamtes gegoogelt. Plante er seinen Suizid – oder einen Amoklauf, fragen sich Zuhörer.

Und seine Technik des Bombenbauens wurde immer raffinierter. Sein dritter Brandsatz war mit einem Zeitzünder und einem Fernzünder versehen. Anders als bei den ersten Sprengsätzen war dieses Mal eine zweite brennbare Flüssigkeit zwischen den Aktendeckeln. „Es handelte sich wohl um eine Initialflüssigkeit“, sagte der Ermittler (54). Bei zwei Sprengsätzen löste der Zünder aus, aber die Brennstoffe waren wohl schon vorher verdunstet oder ausgelaufen.

Fingerabdrücke auf den Aktendeckeln verrieten den Angeklagten. Eine europaweite Anfrage ergab, dass Georg S. der Spurenverursacher war. Doch warum hatte die polnische Polizei die Fingerabdrücke des Professoren-Sohns, der 1980 aus Oberschlesien nach Hannover ausgewandert war? Anwalt Riebe: „Ich weiß es nicht. Das ist eines der Mysterien dieses Prozesses.“

Finanzamt zieht Konsequenzen aus den Brandanschlägen

Ein Feuer im Finanzamt Hannover Land I hätte großen Schaden anrichten können. Ein Ermittler (54) sagte am Dienstag im Landgericht zum Brandschutz in dem Gebäude aus: „Das Wort defizitär wäre noch untertrieben.“ Aus diesem Grund habe man in dem Gebäude nachgerüstet, erklärte ein Sprecher des Landesamtes für Steuern.

So sei eine funkvernetzte Brandmeldeanlage eingebaut worden. Diese Anlage sei mit einer Brandmeldeanlage für Keller- und Erdgeschoss verbunden worden. Nun seien beide Anlage zur Feuerwehr aufgeschaltet. Die Kosten betrugen 112 000 Euro.

Bis 2017 war das Finanzamt Hannover Land I frei zugänglich. Nach den entdeckten Brandsätzen ist das jetzt anders. Nun erfolge eine Besucher-Anmeldung beim Pförtner. Der Auskunftsbereich im dritten Stock kann nur noch über den Aufzug erreicht werden. Die Türen im dritten Stock (zum Treppenhaus und zu den Fluren) können nur noch von Beschäftigen mittels Chip geöffnet werden. Die Türensicherung kostete 50 000 Euro.

Der Sicherheitsdienst, der nach der versuchten Brandstiftung engagiert wurde, sei mittlerweile nicht mehr tätig, so der Sprecher des Landesamtes.

Von Thomas Nagel

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